Mehr Möglichkeit! @a_schiel über Demokratie und Zukunft

Die Zukunft beginnt jetzt #FutureHubs #D2030

Der Philosoph Søren Kierkegaard hat einmal eine sehr präzise Analyse des Fatalismus geliefert: Es ist ein Zustand, in dem der Mensch unfähig geworden ist, in Möglichkeiten zu denken. Alles was er tun kann, ist die bestehende Wirlichkeit ins Unendliche aufzublasen und bis zum Ende zu denken. Das Ergebnis ist erwartbar: Nichts Neues ist mehr zu erwarten, und wenn doch allenfalls Schlechtes: Der beschleunigte und verfrühte Verfall des Bestehenden, der einen, allein denkbaren Wirklichkeit, die doch das letzte ist, an was sich der Fatalist noch halten kann. Früher oder später geht alles den Bach runter. Hoffentlich später, sagt sich der Fatalist – aber das ist dann auch schon alle Hoffnung, die er noch aufbringen kann.

Diese Beschreibung eines Fatalisten passt leider ganz gut auf den Menschen des frühen 21. Jahrhunderts. Auch er bedarf dringend der Möglichkeit, die man einem Fatalisten, so Kierkegaard, zuführen müsse wie dem Erstickenden die rettende Luft. Zum…

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It’s the psychology, stupid!

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Die Herausforderung der rechtsstaatlichen Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die dadurch bewirkte Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968.
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Welt ohne Ordnung

Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami über die drängenden Fragen von Gegenwart und Zukunft nachgedacht und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Spekulativer Strand – Foto: Ricardo Mangual/Flickr (CC BY 2.0)

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden zu gehen scheinen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben? „Welt ohne Ordnung“ weiterlesen

Redet miteinander. Jetzt!

Unsere Welt scheint immer unübersichtlicher und feindlicher zu werden. Unverständnis und Nichtakzeptanz spalten unsere Gesellschaften. Doch es gibt auch Hoffnung. Und einiges, das jeder von uns beitragen kann

Von Thomas Eisinger

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Miteinander reden – Foto: Pixabay/CC

Die unerwarteten und falsch vorhergesagten Ergebnisse bei Brexit und Trump sowie die allgemein als immer unsicherer empfundene Weltlage (Terror, Syrien, Flüchtlinge, Ukraine etc…) stellen viele Menschen vor die Frage: Wohin bewegen wir uns, was ist auf dieser Welt eigentlich los? Die Medien verlieren in nie gekanntem Ausmaß an Vertrauen und auch die Politiker können den Bürgern die Welt nicht mehr erklären geschweige denn glaubhafte Lösungen aufzeigen. Wie konnte es soweit kommen? Und wie kommen wir wieder dazu, miteinander zu reden und um Lösungen zu ringen, anstatt die jeweils andere Seite zu verleumden und zu diskreditieren? „Redet miteinander. Jetzt!“ weiterlesen

Das Ende des Humanismus

Yuval Harari sieht in neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten für die menschliche Evolution. Wir können dabei zu Göttern werden oder untergehen. Oder beides zugleich

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Intelligenz ohne Bewusstsein? – Bild: John Lund/gettyimages (CC)

Angesichts einer zunehmend angespannt erscheinenden politischen Weltlage mag die folgende These zunächst überraschen: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte sind im 21. Jahrhundert obsolet geworden. Abgesehen von einigen gesegneten Weltregionen seien sie zwar noch nicht völlig verschwunden, aber sie sind von unkontrollierbaren Naturgewalten zu handhabbaren Herausforderungen geworden. Auf der eigentlichen Agenda der Menschheit stehen zu Beginn des dritten Jahrtausends drei andere Dinge: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit.

Das behauptet zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. „Das Ende des Humanismus“ weiterlesen

Demokratie und Globalisierung

Andreas Wirsching analysiert in seinem jüngsten Buch die Widersprüche in Europa seit 1989

Von Michael Hagel

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Europa von Osten aus betrachtet – Foto: Rogiro/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Flüchtlingskrise, der Streit um angepasste Flüchtlingsquoten, der Syrienkrieg und Islamfeindlichkeit, Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien, die Eurokrise und der Austritt Großbritanniens aus der EU: Das derzeitige Europa befindet sich in einer schwierigen Phase.

Viele der gegenwärtigen Probleme Europas lassen sich besser verstehen, wenn man sie in eine historische Perspektive stellt. Dies versucht Andreas Wirsching, seines Zeichen Direktor am Institut für Zeitgeschichte München, in seinem jüngsten Buch Demokratie und Globalisierung. Europa seit 1989 im Kontext verschiedener Konflikte und Ereignisse des jüngeren Zeitgeschehens dem Leser verständlich zu erklären. „Demokratie und Globalisierung“ weiterlesen

Für eine Demokratie, die antwortet

Die Demokratie befindet sich in Deutschland, wie in vielen Ländern des Westens, in einer schwerwiegenden Akzeptanzkrise. Das hat eine Menge mit schlechter Kommunikation zu tun – aber auch mit Resonanz, wie der Soziologe Hartmut Rosa sagt. Seine Einsichten könnten helfen, diese Krise zu überwinden. Hoffentlich kommen sie nicht zu spät.

Die Demokratie ist in der Krise. Vor wenigen Jahren wäre ich mit einem solchen Satz noch sehr vorsichtig gewesen – denn wir leben in einer geradezu krisenversessenen und untergangsverliebten Zeit, in der jedes noch so kleine Problem zur Krise aufgeblasen wird. Vielleicht weil es in den Ohren einer nach wie vor ziemlich friedlichen und etwas wohlstandssatten Gesellschaft, wie wir sie in Deutschland  vorfinden, einfach gut klingt, wenn ein Problem nicht nur ein Problem, sondern etwas wirklich Wichtiges und vor allem sehr, sehr Schlimmes ist.

Außerdem kann man bekanntlich Krisen auch herbeireden, und davon sollte man bei etwas so Wichtigem wie der Demokratie lieber absehen, weil wir sie auch in Zukunft noch brauchen werden. Das Dumme ist nur: Auch wenn man in unserem Land – und in durchaus vielen anderen Ländern des Westens – wirklich noch nicht von einer echten Funktionskrise der Demokratie reden kann (weil das politische System eigentlich noch ziemlich reibungslos funktioniert, die politischen Eliten, entgegen vielerlei Behauptungen ganz überwiegend nicht korrupt, die Verwaltung nicht gelähmt und die Justiz funktionsfähig sind und die Wahlen im Großen und Ganzen normal und so wie es sich eben gehört ablaufen), ist es sehr, sehr schwer, noch länger das zu übersehen, was uns in den nächsten Jahren noch weitaus mehr zu schaffen machen dürfte: Eine Akzeptanzkrise der Demokratie. „Für eine Demokratie, die antwortet“ weiterlesen

Jenseits von Gegenwart

Die kapitalistische Gegenwart wird zunehmend von einer automatisierten Zukunft bestimmt und geschluckt. Da helfen nur Spekulation und Grammatik, meint ein neuer Textband

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

Zeitkomplex
Im Zeitkomplex verschmelzen Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart

Man hätte eigentlich glauben sollen, dass spätestens mit dem Ende des ‚Endes der Geschichte‘ und seiner Spielart der (Post-)Postmoderne auch die Rede von ‚Post-dieses‘, ‚Post-jenes‘, ‚Post-alles‘ aufhören, oder zumindest etwas abebben würde. Die Karriere der Postdemokratie und aktuell des Postkapitalismus lassen allerdings eher etwas anderes vermuten. Das Problem an einer solchen negativen, nur in einer Abgrenzung bestehenden Begriffsbildung ist ja, dass sie (noch) nicht sagt, was sie will, sondern erst einmal nur, was sie nicht will. Als Zwischenschritt mag das ja in Ordnung, manchmal gar notwendig sein, – solange man nicht dabei stehen bleibt.

Insofern gibt ein neuer Textband, den die Philosophen Armen Avanessian und Suhail Malik gerade bei Merve herausgegeben haben, ein ganz ordentliches Vorbild ab. „Jenseits von Gegenwart“ weiterlesen

Eine neue Hegemonie

Nick Srnicek und Alex Williams entwerfen Postkapitalismus als Projekt eines linken Populismus. Doch kann der den Kapitalismus beenden? Und wer ist eigentlich sein ‚Volk‘?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag sowie bei Le Bohémien

Find_the_right_path
„Find the right path“ – Foto: Justin Brown/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wer seit seinem Erscheinen 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen und vielleicht auch die darüber entstandene Debatte ein wenig verfolgt hat – in der den Akzelerationisten unter anderem vorgeworfen wurde, mit ihren Forderungen zu vage zu bleiben –, der wird womöglich mit großem Interesse auf dieses Buch der beiden britischen Politologen gewartet haben. So auch der Rezensent. Doch man sollte an Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work dennoch nicht die falschen Erwartungen stellen: etwa die nach einem Masterplan zur sofortigen Überwindung des neoliberalen Kapitalismus.

Denn wenn das nicht ohnehin eine hoffnungslos überzogene Erwartung an jedes beliebige Buch wäre, ist es auch Srniceks und Williams‘ tatsächlichem Anliegen unangemessen. Was sie zu skizzieren unternehmen, ist kein revolutionärer Coup, sondern eine belastbare Langzeitstrategie zur Überwindung des Neoliberalismus durch eine nachhaltige Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins – ebenso wie auch der Neoliberalismus selbst den sozialdemokratisch-keynesianisch geprägten Nachkriegskapitalismus abgelöst hat: in jahrzehntelanger geduldiger Kampagnenarbeit. „Eine neue Hegemonie“ weiterlesen