Der Losentscheid als Belebung der Demokratie

Die Parlamente mit ausgelosten BürgerInnen zu besetzen, hätte viele Vorteile. Und auch für das dann drohende Problem einer Herrschaft des Beamtenapparats könnten wir Lösungen finden

von Ardalan Alexander Ibrahim

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Aleatorische Demokratie: Einfach mal würfeln…

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin nach 41 Jahren Leben in einer elektoralen Demokratie nur noch genervt von Parteien, ihren Wahlversprechen, ihrem realen Verhalten nach der Wahl und von den Diskussionen, die sich darum herum ranken. Und sogar unsere ausgesprochen gut kultivierte Politikerschelte nervt mich genauso wie das erwartbare Verhalten der Berufs-Politker selbst. Trotz eines recht ausführlichen Studiums der Politischen Philosophie ist mir persönlich aber sehr lange entgangen, dass es zu all dem: zu Parteibildung und zu Wahlen, sowie zu sinnlosen moralischen Debatten eine naheliegende Alternative gibt, die bereits über Jahrhunderte erprobt war, bevor sich dann wieder mal die Feigheit vor dem Volk durchgesetzt hat: sowohl während der Französischen Revolution, als auch bei der Herausbildung der Demokratie amerikanischen Typs.

Die Rede ist vom Losentscheid als Verfahren zur Besetzung politischer Ämter. Also von einem Verfahren, dass die „Selbstbeherrschung der Menschen durch die Menschen“ aka Demokratie sehr viel unmittelbarer gestaltet, als das in einer elektoral-repräsentativen Demokratie der Fall ist. Also in einer Form von Demokratie, die wir nur deswegen für state of the art halten, weil wir uns mittlerweile an sie gewöhnt haben. „Der Losentscheid als Belebung der Demokratie“ weiterlesen

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Mit Rechten reden? Differenzieren, bitte!

Die Debatte über die Eskalation auf der Buchmesse ist eskaliert, die Zeit des Redens sei vorbei. Dabei ist das ein antidemokratischer Widerspruch. Zeit zu differenzieren

Dieser Text erscheint auch beim Freitag.

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Bild: cheskapoon/Pixabay (CC0)
Seit den verbalen und tätlichen Übergriffen und der Eskalation um eine von linken Demonstranten gestörte Veranstaltung des rechten Antaios-Verlags auf der Frankfurter Buchmesse hat sich eine sehr breite Diskussion darüber entwickelt, die man gut auf den Titel eines vielbeachtet auf der Messe erschienenen Buchs bringen kann: “Mit Rechten reden”. Das Spektrum in dieser Debatte reicht naturgemäß von “Mit Rechten muss man reden (jetzt erst recht)” bis “Mit Rechten darf/kann/soll man nicht reden (und jetzt erst recht nicht mehr)”.

Den vorläufigen Höhe- und Tiefpunkt hat vielleicht am Sonntag in ihrer Kolumne bei Spiegel Online Sibylle Berg erreicht. Sie entlarvt zwar nicht ganz unzutreffend die hohle Phrase eines linken “sich positionieren Müssens” und die widerliche Eklatanz in den unterschiedlichen Reaktionen auf “rechte” und “linke” Straftaten seitens der Behörden. Und doch ist ihr fatalistisches Resümee, “die Zeit des Redens ist vorbei”, und ihre letzte Hoffnung auf den linken “Schwarzen Block, die jungen Menschen der Antifa, die Faschisten mit dem einzigen Argument begegnen, das Rechte verstehen”, herablassend, viel zu einseitig und offensichtlich falsch. Hier sollte dringend differenziert werden – wohlgemerkt aber ohne irgendetwas zu relativieren.

„Mit Rechten reden? Differenzieren, bitte!“ weiterlesen

Mit|diskutieren

Lust, diesen Herbst mit uns über die Zukunft der Demokratie zu reden?! Dazu gibt es gute Gelegenheiten in Berlin, Düsseldorf und Dresden:

Diskussion „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, Filmvorführung mit Podium
25. Oktober 2017, ab 18:30 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin
Für das d|d diskutiert: Andreas Schiel
Link zur Veranstaltungsseite

Diskussion Alternatives in Progress? Degrowth & #Acceleration
27. Oktober 2017, ab 16:00 Uhr im Zentrallabor, Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung, Sophienstraße 22a, Berlin. Podiumsdiskussion ab 18:00 Uhr (auf Englisch)
Für das d|d diskutiert: Tom Wohlfarth
Link zur Facebook-Veranstaltung

Impuls Die Sehnsucht nach Resonanz und die Privatisierung der Politik
23. bzw. 24. November 2017 beim NRW-Dialogforum 2017 des FGW, Düsseldorf
Impulsgeber: Tom Wohlfarth und Andreas Schiel

Vortrag In Zukunft besser mit Gefühl?! Die Emotionalisierung unserer Demokratie als Herausforderung und Chance
28. November 2017, 19:00 Uhr im Stadtmuseum Dresden
Vortrag: Andreas Schiel
Link zum Flyer der Veranstaltungsreihe

It’s the system, stupid!

Auch nach dieser Bundestagswahl wird es nicht reichen, demokratisch selbstgefällig die AfD zu missbilligen. Wir  brauchen vielmehr einen grundlegenden Wandel unseres politisch-ökonomischen Systems  und eine zweite Aufklärung

Von Philipp von Becker

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Wir brauchen mehr als nur die Wahl, wir brauchen Wandel – Foto: Pixel2013/Pixabay (CC0)

Die Privatisierung der Politik

In den unteren Schichten gibt es die meisten Nichtwähler und die meisten Extremwähler. Beide stehen für eine Privatisierung der Politik, die Folge einer jahrzehntelangen Politik der Privatisierung ist.

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Politiker oder Privatmann? Donald Trump – Foto: Phillip Pessar/Flickr (CC BY 2.0)

Unser mit|denker Tom Wohlfarth hat in letzter Zeit zweimal über die Privatisierung der Politik geschrieben. Anlässlich der Bundestagswahl geht er bei ZEIT ONLINE der Frage nach, ob es uns eigentlich zu gut oder zu schlecht geht, um mit Wahlen etwas verändern zu wollen. Zuvor hat er beim Freitag die Privatisierung der Politik durch Trump und Co. aus einer jahrzehntelangen Politik der Privatisierung hergeleitet. Beide Texte wurden intensiv diskutiert.

Mehr Möglichkeit!

Über Demokratie und Zukunft

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Die Zukunft beginnt jetzt #FutureHubs #D2030

Der Philosoph Søren Kierkegaard hat einmal eine sehr präzise Analyse des Fatalismus geliefert: Es ist ein Zustand, in dem der Mensch unfähig geworden ist, in Möglichkeiten zu denken. Alles was er tun kann, ist die bestehende Wirlichkeit ins Unendliche aufzublasen und bis zum Ende zu denken. Das Ergebnis ist erwartbar: Nichts Neues ist mehr zu erwarten, und wenn doch allenfalls Schlechtes: Der beschleunigte und verfrühte Verfall des Bestehenden, der einen, allein denkbaren Wirklichkeit, die doch das letzte ist, an was sich der Fatalist noch halten kann. Früher oder später geht alles den Bach runter. Hoffentlich später, sagt sich der Fatalist – aber das ist dann auch schon alle Hoffnung, die er noch aufbringen kann.

Diese Beschreibung eines Fatalisten passt leider ganz gut auf den Menschen des frühen 21. Jahrhunderts. Auch er bedarf dringend der Möglichkeit, die man einem Fatalisten, so Kierkegaard, zuführen müsse wie dem Erstickenden die rettende Luft. Zum…

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It’s the psychology, stupid!

Die Herausforderung der Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968. „It’s the psychology, stupid!“ weiterlesen

Welt ohne Ordnung

Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami über die drängenden Fragen von Gegenwart und Zukunft nachgedacht und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Spekulativer Strand – Foto: Ricardo Mangual/Flickr (CC BY 2.0)

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden zu gehen scheinen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben? „Welt ohne Ordnung“ weiterlesen

Redet miteinander. Jetzt!

Unsere Welt scheint immer unübersichtlicher und feindlicher zu werden. Unverständnis und Nichtakzeptanz spalten unsere Gesellschaften. Doch es gibt auch Hoffnung. Und einiges, das jeder von uns beitragen kann

Von Thomas Eisinger

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Miteinander reden – Foto: Pixabay/CC

Die unerwarteten und falsch vorhergesagten Ergebnisse bei Brexit und Trump sowie die allgemein als immer unsicherer empfundene Weltlage (Terror, Syrien, Flüchtlinge, Ukraine etc…) stellen viele Menschen vor die Frage: Wohin bewegen wir uns, was ist auf dieser Welt eigentlich los? Die Medien verlieren in nie gekanntem Ausmaß an Vertrauen und auch die Politiker können den Bürgern die Welt nicht mehr erklären geschweige denn glaubhafte Lösungen aufzeigen. Wie konnte es soweit kommen? Und wie kommen wir wieder dazu, miteinander zu reden und um Lösungen zu ringen, anstatt die jeweils andere Seite zu verleumden und zu diskreditieren? „Redet miteinander. Jetzt!“ weiterlesen

Das Ende des Humanismus

Yuval Harari sieht in neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten für die menschliche Evolution. Wir können dabei zu Göttern werden oder untergehen. Oder beides zugleich

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Intelligenz ohne Bewusstsein? – Bild: John Lund/gettyimages (CC)

Angesichts einer zunehmend angespannt erscheinenden politischen Weltlage mag die folgende These zunächst überraschen: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte sind im 21. Jahrhundert obsolet geworden. Abgesehen von einigen gesegneten Weltregionen seien sie zwar noch nicht völlig verschwunden, aber sie sind von unkontrollierbaren Naturgewalten zu handhabbaren Herausforderungen geworden. Auf der eigentlichen Agenda der Menschheit stehen zu Beginn des dritten Jahrtausends drei andere Dinge: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit.

Das behauptet zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. „Das Ende des Humanismus“ weiterlesen