Einfach nur Arschlöcher?

Während das Land noch über „Hetzjagden“ und „Jagdszenen“ in Chemnitz streitet, würde es sich vielleicht auch lohnen, mal über einen anderen Begriff zu sprechen. Eine Dekonstruktion des Arschlochs

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… einfach nur Arschlöcher? – Bild: De Havilland/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Am Ende hat sich das Land also mal wieder vor allem über Begriffe gestritten: Kam es vor zwei Wochen in Chemnitz nun zu “Hetzjagden” oder doch nur zu “Jagdszenen”? Ein Streit über Begriffe ist eine wichtige und gute Sache, es ist für die Erfassung der Realität relevant, wie Dinge benannt werden. Und es ist besser und im Zweifelsfall zivilisierter, mit Worten zu kämpfen als mit Fäusten oder Waffen. Ein solcher Streit um Worte trägt aber nur dann zur Zivilisierung von Auseinandersetzungen bei, wenn er zumindest einen Deut mehr an Besonnenheit aufweist als diese. Andernfalls kann er sie auch verschlimmern.

Leider eskalieren in Deutschland derzeit sowohl verbale wie nonverbale Auseinandersetzungen. Gewaltbereite Rechtsextreme entwickeln ein wahrlich beängstigendes Mobilisierungspotential, aber auch die öffentliche Debatte entgleist, die Grenzen des Denk- und Sagbaren verschieben sich immer weiter, wo man schon vor Kilometern denken mochte, es sei nicht noch mehr Entgleisung und Entgrenzung möglich. Angesichts der jüngsten Interview-Äußerungen von Alexander Gauland hat selbst einer der Verfasser des mit seinem meist als Imperativ missverstandenen Titel inzwischen fast schon zu einer ideologischen Wasserscheide gewordenen (und dabei wohl umso seltener gelesenen) Buchs Mit Rechten reden, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, eine rote Linie gezogen. Mit offensichtlich verfassungsfeindlichen Beteuerern ihrer Verfassungstreue wolle auch er nicht mehr reden. „Einfach nur Arschlöcher?“ weiterlesen

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Ein Bild der Demokratie der Zukunft

Wie wäre es, wenn wir die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, überwinden durch Bilder von einer Zukunft, die wir wollen? Ein Versuch

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Ob in Konflikt oder Konsens, in der Demokratie der Zukunft werden wir alle auf einer gemeinsamen Ebene unterwegs sein – Bild: Earth Day Shabbat/rac.org

Dieser Artikel ist die späte Antwort auf einen Text, den Andreas Schiel vor nun schon einigen Jahren hier bei demokratiEvolution verfasst hat. Er forderte dort mit dem  anthroposophischen Bankier Wilhelm Ernst Barkhoff dazu auf, „’die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten‘, zumindest für einen Tag zu ‚überwinden durch Bilder von einer Zukunft, die wir wollen.’“ – Ich bin gespannt, ob das Folgende diesem Anspruch gerecht wird. „Ein Bild der Demokratie der Zukunft“ weiterlesen

Fußball als Kulturfrage

Sehr viele Menschen stehen dem internationalen Fußballverband FIFA kritisch gegenüber, dessen WM gucken sie trotzdem. Wie geht das zusammen?

Von Martin Michaelis

Stadion Rio de Janeiro WM 2014
80.000 passen rein, doppelt so viele wurden umgesiedelt: das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro während der WM 2014 in Brasilien – Wikimedia (CC BY 2.0)

Wenn wir eine andere Kultur wollen, fangen wir doch am besten gleich mit uns selbst an. Wenn nicht, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die große Mehrheit der Menschen auf der Welt morgens mit guten Vorsätzen aufsteht, meint das Richtige zu tun, aber die Welt gefühlt trotzdem am Abgrund steht. 

Ich werde häufiger gefragt, wie wir eine neue, menschenfreundliche und der Welt dienliche Kultur in Organisationen und anderen, auch politischen Systemen unterstützen können, „da das doch relativ schwierig sei“.  Meine Gegenfrage lautet dann meist: Was tust du, und was nicht, um diese Kultur gerade zu unterstützen? Und was bist du bereit, für eine Veränderung zu opfern? In meinem Fall ist das gerade die laufende Fußballweltmeisterschaft in Russland, die ich vermeide, weil sie eine Kultur und ein System unterstützt, das der Welt, wie ich sie möchte, nicht dient.  

Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich bin Fußballfan, ich habe jede Welt- und Europameisterschaft seit 1990 gesehen. Auch dieses Jahr würde ich gerne gucken, aber etwas hält mich zurück. Das ist die Frage, was ich dabei unterstütze, wenn ich „die (deutsche) Mannschaft“ und andere Länder und Begegnungen schaue. Und dann kommt die Frage: Möchte ich das unterstützen?! „Fußball als Kulturfrage“ weiterlesen

Bedingungen demokratischer Wirkmacht

Wie können wir lernen, uns politisch mehr zuzutrauen? Dafür braucht es ein breites Zusammenspiel von Bildungseinrichtungen, Zivilgesellschaft und individueller Selbstverpflichtung

Von Regina König

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Früh übt sich! Demokratie und Partizipation können und sollten schon in der Schule gelernt werden


Vor Kurzem
forderte an dieser Stelle Ardalan Ibrahim dazu auf, uns politisch „mehr zuzutrauen als auch mehr abzuverlangen“, da unser aller Beteiligung die „Daseinsbedingung“ der Demokratie darstelle. Als politisch interessierte, aber bisher eher wenig aktiv engagierte Person möchte ich im Folgenden der meines Erachtens nicht trivialen Frage nachgehen, wie wir lernen können, uns politisch „mehr zuzutrauen“. Dazu möchte ich einerseits auf uns als individuell Handelnde schauen und andererseits überlegen, welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen dafür nötig sind. „Bedingungen demokratischer Wirkmacht“ weiterlesen

Die Zukunft der Demokratie II

Wir halten die Demokratie für selbstverständlich. Aber wissen wir überhaupt, was sie ist, oder gar, was sie sein kann? Um die Zukunft der Demokratie in den Blick zu kriegen, müssen wir auch ihre Vergangenheit verstehen

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Unser mit|denker Tom Wohlfarth wird morgen auf dem FUture Slam der Langen Nacht der Wissenschaften an der FU Berlin eine kurze Geschichte der Demokratie erzählen. Seid dabei!

https://www.langenachtderwissenschaften.de/

Die selbstbewusste Demokratie

Demokratie ist keine rein rationale Angelegenheit, sie lebt vom emotionalen Erleben ihrer Akteure, der Bürger. Die Demokratie muss also viel stärker in unserem Alltag integriert sein, um uns zu selbstbewussten Demokraten machen zu können

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Ein frühes Beispiel für selbstbewusste Demokratie: Perikles‘ Gefallenenrede – Bild: Philipp Foltz/Wikimedia

Was kann eine demokratische Gemeinschaft von Menschen tun, damit sie eine selbstbewusste demokratische Gemeinschaft wird und bleibt? Es geht bei dieser Frage wohl darum, ob „Demokratie“ von jenen „Bürgern“ tatsächlich als ein Gut erlebt und empfunden wird. Denn Churchills Schwundformel: „No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ ist wohl kaum für oder von Bürgern geprägt, die „ihre“ Demokratie als ein hohes Gut empfinden, das sie zu schätzen wissen.

Wer einen „emotionalen“ Vergleich in Sachen demokratischem Selbstbewusstsein erleben will, der sei auf die berühmte Perikles-Rede bei Thukydides hingewiesen. Oder auf Äußerungen von Teilnehmern an „Citizen Assemblies“, die noch ganz unmittelbar von dem geflasht sind, was sie da gerade mit ihren Mitbürgern erlebt haben. Es macht also für uns als Menschen, die es schätzen, in einer Demokratie zu leben, einen nicht ganz kleinen Unterschied, ob wir unsere Demokratie auch als ein Gut für uns erleben können, oder ob wir es uns denken müssen, dass die Dinge doch eigentlich gar nicht so schlecht sind. Zumindest im Vergleich zu den katastrophalen Alternativen.

Für unser demokratisches Selbstbewusstsein ist also unser unmittelbares Erleben entscheidend. „Die selbstbewusste Demokratie“ weiterlesen

Wo ist die (inter)nationale Solidarität?

In einem der reichsten Länder der Welt könnten wir uns internationale Solidarität gut leisten. Dennoch werden sogar die Armen im eigenen Land weiter stigmatisiert

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Blockupy-Demonstranten in Frankfurt/Main 2013 – Bild: Tim/Flickr (CC BY 2.0)

Wir leben in einem der wohlhabensten Länder der Welt. Die Stimmung der Menschen spiegelt das allerdings nicht ganz so eindeutig wider. Zwar geben in Umfragen die meisten Menschen an, mit ihrer Gesamtsituation eher zufrieden zu sein. Doch soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit halten trotzdem viele für ein Problem. Der darin enthaltene Widerspruch steigert sich schließlich noch einmal, wenn es um die Frage geht, was denn jeder einzelne bereit wäre beizutragen, um soziale Ungleichheit zu bekämpfen. So gut geht es uns dann doch wieder nicht. „Wo ist die (inter)nationale Solidarität?“ weiterlesen