Keine, eine oder viele Alternativen?

Von den Gefahren des Versuches, die Regentschaft der Kaiserin TINA mit den ideologischen Waffen des 20. Jahrhunderts zu beenden

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Wenn Situationen für ausweglos erklärt werden, lohnt es sich an Kant zu denken: Den Ausgang findet man meistens durch die Überwindung der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Das Ende der politischen Alternativen verkünden seit einigen Jahren Politiker und Wissenschaftlerinnen rund um den Globus. Da sind Abweichungen von dieser Sprachregelung sehr erfrischend: „The end of nature“, das Ende der Natur – oder vielleicht besser ins Deutsche übertragen: der Umwelt – vermeldete am 05. Februar der Geograph Erik Swyngedouw bei einer Veranstaltung an der Berliner Humboldt Universität. In einem der ungewöhnlichsten und inspirierendsten Vorträge, die ich in den letzten Jahren Gelegenheit hatte zu hören, erläuterte der in Belgien geborene und derzeit an der University of Manchester lehrende Wissenschaftler seine Sicht auf die Klimapolitik im Besonderen und auf den Status von Politik im 21. Jahrhundert im Allgemeinen.

Und diese Sicht beruht nicht etwa auf einer leichten Variation des bekannten TINA-Themas, sondern ist außerordentlich bemerkenswert und erhellend für alle, die an einer kritischen Analyse der größten Defizite westlicher politischer Systeme in unserer Gegenwart interessiert sind. Swyngedouw entlarvt geistreich die Denkfehler, ja man möchte sagen, die Idiotien einer Politik der Ausweg- und Alternativlosigkeit, die ganze Gesellschaften lähmen und handlungsunfähig machen kann.

Zwar ist er (zum Glück) nicht der einzige, der auf solche Probleme aufmerksam macht. Aber wie Swyngedouw in klassisch aufklärerischer Manier (dabei übrigens mit rhetorischen Talenten versehen, die einem Demagogen gut zu Gesicht stehen würden) rücksichtslos die scheinbare Rationalität einer krisengewohnten, ja krisenverliebten Politik zerlegt und als zutiefst unvernünftige Anbetung des status quo geradezu beschimpft, das ist mehr als originell. Weniger originell sind allerdings einige der politischen und weltanschaulichen Konsequenzen, die der Geograph aus dieser kritischen Analyse zieht. Die erinnern dann doch stark an das 20. Jahrhundert und sind dem Denken derjenigen, die heute den Ablauf der Politik wesentlich bestimmen, nur bedingt überlegen.

Der Gegensatz Mensch vs. Umwelt ist zu einfach gedacht

Aber der Reihe nach: Wie kommt Swyngedouw dazu, das Ende der Natur zu verkünden, und wozu soll diese Ankündigung dienen? Er richtet sich damit gegen eine Verabsolutierung und Glorifizierung, eine regelrechte Vergötzung der Natur, die auf die Vorstellung eines Antagonismus zwischen (böser) menschlicher Zivilisation und (gutem) ökologischem Gleichgewicht aufbaut. Dieser Antagonismus ist für Swyngedouw die tragende Denkfigur der heutigen Klima- und Umweltpolitik. Dieser Vorwurf eines quasi-religiösen Denkens an die Adresse von Umweltpolitikerinnen und Klimaforschern wird immer wieder geäußert. Aber nur wenige begründen ihn so pointiert, scharfsinnig und bissig wie Swyngedouw. Er attackiert seine Gegner mit einem Argument, das diese selbst gern als Waffe einsetzen: dem Vorwurf der Realitätsverleugnung.

Während die Anhängerinnen des Klimaschutzes und Fürsprecher der Umweltpolitik noch die nahende Katastrophe einer Zerstörung der Natur durch den Menschen fürchten, sagt Swyngedouw: Die Katastrophe ist bereits da. Während sie mit ihrer Untergangsrhetorik vor einer zu großen Einflussnahme des Menschen auf die Ökosysteme warnen, sagt Swyngedouw: Wir leben im Anthropozän, in einem Zeitalter das durch die massive Wechselwirkung von menschengemachter Lebenswelt und Natur geprägt ist. „The end of nature“ bedeutet also: Natur oder Umwelt existieren nicht unabhängig von uns Menschen. Sie sind in unserer heutigen Welt immer schon auf so vielfältige Weise mit menschlichem Leben und Handeln verknüpft, dass die Vorstellung der ‚unberührten Natur‘ endgültig als irrationaler Romantizismus zurückgewiesen werden muss.

Das mögen viele akzeptieren. Aber wenn man das tut, warum sollte man dann nicht den Konsequenzen folgen, die Swyngedouw vorschlägt? Den Klimawandel und die menschengemachte Veränderung von Ökosystemen nicht als Frevel und Sünde verdammen, sondern nüchtern als Realität anerkennen? Sich den konkreten Problemen aber auch den Chancen stellen, die eine menschlich beeinflusste Ökologie mit sich bringt, statt auf internationalen Gipfeln das Zwei-Grad-Ziel anzubeten wie Wolfgang Schäuble seine schwarze Null? Was Swyngedouws Position dabei so stark macht, ist seine Bereitschaft, auch die Schattenseiten des von ihm konstatierten Anthropozäns zu sehen: Er ist kein ‚Klima-Retter‘, aber eben auch kein ‚Klima-Leugner‘. Die Klimakatastrophe ist da, wird er nicht müde zu wiederholen, allerdings nur „for some in some places“, also begrenzt und nicht notwendigerweise unbeherrschbar.

TINA hat Anhänger auch in der Öko-Szene

Wie aber sollen wir ein Problem politisch oder auch technisch beherrschbar machen, wenn wir unsere Energie darauf verschwenden, einer quasi-religiösen Ideologie Opfer zu bringen? Das ist die provokante Frage, die Swyngedouw aufwirft. Und sie gewinnt an Brisanz durch die gedanklichen Verbindungen, die er zieht, zu den bekannten Problemen der Ökonomisierung von Politik und der Depolitisierung der Ökonomie, zum Dogma der Alternativlosigkeit in Fragen der internationalen Finanzpolitik, zu den Tendenzen einer allgemeinen Depolitisierung der politischen Institutionen und des politischen Diskurses. Dabei ist die Klimapolitik für Swyngedouw das Trojanische Pferd der Depolitisierung. Mit ihrer erfolgreichen Behauptung einer negativen Zukunftsutopie, die nur eine Entwicklung kennt und die nur eine Form der Reaktion auf ihre apokalyptischen Herausforderungen erlaubt, führe sie im grünen Gewand und mit dem Versprechen der Errettung der Welt vor dem drohenden Untergang die Alternativ- ja die Ausweglosigkeit in das politische Denken des 21. Jahrhunderts ein.

Und aus diesem grün gestrichenen Trojanischen Pferd, so Swyngedouw, kletterten nun nach und nach die Verfechter von Argumenten, die zwar vollkommen andere politische Inhalte betreffen mögen, aber doch derselben Struktur folgen: Die Eurokrise? Ein apokalyptisches Szenario, das nur eine mögliche Lösung zulässt, wollen wir dem kollektiven Untergang entgehen: Austerität. Die finanzielle Überforderung sozialer Sicherungssysteme? Eine existenzielle Bedrohung des Staatshaushaltes die nur durch eine Politik abgewendet werden kann: Einsparungen und Privatisierung. Hier erscheint der kritische, der aufklärerische Scharfsinn, der Swyngedouws Analysen zu Grunde liegt. Es gibt nicht das links-alternativ-progressive Projekt der Umweltpolitik auf der einen und das reaktionäre, kapitalistisch-neoliberale Programm von Sparpolitik und Privatisierung auf der anderen Seite. Bei Licht betrachtet folgen beide derselben, denkbar schlichten Logik: Angesichts apokalyptischer Bedrohungen gibt es keine alternativen Handlungswege, sondern immer nur eine Lösung. TINA ist nicht nur eine gute Freundin von Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und der Troika. Sie hat auch beste Kontakte in die Öko-Szene.

Mit moderner Ideologie gegen postmodernes TINA-Denken?

Diese Kritik muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen. Sie abzuwehren bin ich der Falsche, sie erscheint mir allzu plausibel. Die Frage ist allerdings, ob man aus dieser deprimierenden Erkenntnis dieselben Konsequenzen ziehen sollte wie Erik Swyngedouw. Mir erscheinen diese nämlich, ganz im Unterschied zu seinen kritischen Beobachtungen, nur bedingt einleuchtend und vor allem den Erfordernissen unserer komplexen Gegenwart nur begrenzt angemessen. Was aber schlägt Swyngedouw vor? Er möchte die Politik der Alternativlosigkeit überwinden, indem er aus null Alternativen eine macht. „Politics is a matter of choosing sides“ sagt er und wirbt mit teilweise neuen Worten für ein altes Deutungsmuster von Politik: ein dialektisches.

Swyngedouw argumentiert hier weit gehend klassisch und bedient sich linker Denkmuster, um Auswege aus der Politik der Alternativlosigkeit zu finden. In einer allgemeinen Situation der Depolitisierung westlicher Gesellschaften, die Colin Crouch ‚Postdemokratie‘ nennt, vermisst Swyngedouw schmerzlich den politischen Streit, den Konflikt. Er sieht Marginalisierte und Ausgegrenzte, aber auch sich selbst entmächtigende Menschen, denen es gut täte zu erkennen, dass es eine Alternative zur Politik der Alternativlosigkeit gibt. Das ist sicher keine falsche Beobachtung, und es ist erfreulich zu sehen, dass in Griechenland gerade eine neue Regierung für das Versprechen einer alternativen Politik gewählt wurde und ermutigend, dass sie tatsächlich den Willen und womöglich auch die Fähigkeit zu einer solchen besitzt.

Wenn eine Politik, die sich selbst endlich wieder nennenswerte Handlungsspielräume erarbeiten will, vom TINA-Denken zum Denken in politischen Dichotomien und Gegensätzen gelangt (also etwa Sozialfürsorge statt Sparpolitik, Verstaatlichung statt Privatisierung, Sozialismus statt Kapitalismus) dann ist das zunächst sicherlich ein Fortschritt. Die Frage ist allerdings, ob die Antwort auf die platte These vom Ende der Geschichte die Rückkehr ins ideologische Denken des 20. Jahrhunderts sein kann. ‚Es gibt nicht keine, sondern eine Alternative!‘ – das mag für die geplagten Untertanen der Kaiserin TINA wie eine Erlösung klingen. Aber ist es das tatsächlich?

Mut zu anderen, zu neuen Perspektiven!

Soll, ja muss man das Dilemma einer alternativlosen Politik der Depolitisierung wirklich ideologisch und machtheoretisch erklären? Natürlich kann man das tun – die Argumente für eine solche Einordnung sind nicht schwer zu finden und nicht leicht von der Hand zu weisen. Depolitisierung führt die Menschen in politische Apathie, lähmt sie und hindert sie, die Verhältnisse in ihrem Sinne zum Besseren zu verändern. Die Erzählung Al Gores von einem unendlich bedrohlichen aber letztlich technisch beherrschbaren Klimawandel legitimiere und stabilisiere das kapitalistische System ungleicher Wohlstandsverteilung und der Ausbeutung vieler durch wenige, sagt Swyngedouw. Stimmt wahrscheinlich. Jede Politik, die den status quo zu erhalten trachtet, erhält mit ihm auch seine Ungerechtigkeiten und Fragwürdigkeiten. Jede Politik die unsere Welt so erhalten will, wie sie ist, legitimiert damit mindestens indirekt auch die Strukturen von Ausbeutung und hemmungsloser Bereicherung, die ihr eigen sind.

Nur: Wie entsteht eigentlich eine TINA-Mentalität und mit was für einer Pathologie unserer politischen Systems haben wir es da zu tun? Geht es hier nur um die Sicherung der Privilegien weniger zu Lasten der großen Mehrheit der Menschen? Dieses Motiv spielt sicherlich eine Rolle. Aber ich möchte hier den Versuch einer alternativen (!) Erklärung machen, der vielleicht helfen kann das Problem besser zu verstehen, als wenn wir es nur durch die machttheoretische, historisch-dialektische Brille betrachten. Stattdessen möchte ich es aus zwei anderen Blickrichtungen beleuchten. Die erste ist eine rein technische auf die Funktionalität unserer politischen Systeme fokussierte (und mag der einen oder dem anderen deshalb vielleicht etwas kalt erscheinen). Die zweite Perspektive ist dagegen etwas ‚gefühliger‘, denn sie befasst sich mit unserem Verhältnis zur Freiheit und der Angst, die wir damit verbinden.

TINA-Denken als Versagen der Politik im Angesicht komplexer Problemlagen

Zum Ersten: Die Tendenz zu einer Politik der Alternativ- und Ausweglosigkeit, zu apokalyptischen Szenarien und Lähmungen der Demokratie durch Depolitisierung ist zunächst einmal ein Defekt eines politischen Systems, den man auch einfach als dessen Versagen im Umgang mit Komplexität beschreiben kann. Wenn wir den Klimawandel, die Eurokrise, die Probleme der Staatsfinanzierung und Haushaltspolitik und viele viele weitere Fragen einmal eingehend betrachten, müssen wir zugeben, dass es zu diesen Problemen keine einfachen Lösungen gibt. Und nicht nur der Laie ist durch sie überfordert, nein, auch die gut geschulte Expertin wird kein Modell, keine Analyse- und Prognosemethoden finden, die ihr erlauben, die Situation erschöpfend zu überschauen und angemessene, absolut zuverlässige Lösungen zu finden! Wir haben es mit Problemen zu tun, für die es schlicht und einfach keine eindeutige Lösung gibt. Weder die Eurokrise noch der Klimawandel sind aufwändige Matheaufgaben, die gelöst werden könnten, hätte man nur genug Rechen- bzw. ‚Manpower‘. Sie erfordern stets und immer mutige politische Entscheidungen, die sich nicht zuletzt auf Intuition, auf Hoffnung, auf Vermutungen und Erwartungen gründen müssen.

Weil das aber der Wählerschaft in Demokratien einerseits, und andererseits – noch weit schwieriger (!) – der Medienöffentlichkeit, die Wählerschaft und Politik entscheidend beeinflusst, nicht leicht zu vermitteln ist, kann es schnell passieren, das Politikerinnen, die ihr Amt über den Tag hinaus behalten wollen, einfachen Erklärungen zugeneigt sind. Dabei mag auch die Lust an und die Sucht nach Macht eine Rolle spielen, dabei mögen finanzielle Interessen ein zusätzliches Motiv darstellen. Aber allein schon die Herausforderung, einer grundskeptischen Medienlandschaft und einer notorisch ungeduldigen Bevölkerung schwierige und notwendigerweise unsichere Lösungen für komplexe Probleme schmackhaft zu machen, kann ausreichen, um selbst anständige und intelligente Politiker (von denen es mehr gibt, als viele glauben!) in ängstliche Phrasendrescher zu verwandeln, die nur noch den Einflüsterungen TINAs lauschen.

Die Furcht vor der Freiheit als mächtige Komplizin TINAs und aller Ideologen

Es könnte mithin sehr lohnenswert sein, sich ausführlich Gedanken darüber zu machen, was sich an den Strukturen unseres politischen Systems, vor allem an seinen Diskurs- und Kommunikationsstrukturen verändern müsste, um dessen Umgang mit komplexen Problemlagen zu verbessern. Und dazu müsste dringend auch eine zweite Überlegung kommen: Wie gehen wir mit Kontingenz, also Beliebigkeit um? Wie ertragen wir die Tatsache, dass wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen nicht absehen können, aber am Ende doch für sie verantwortlich sind. Kurz: Wie halten wir es mit der Freiheit?

Ein wesentlicher Grund nämlich, warum wir so gern in einfachen Weltbildern denken, ist sicherlich unsere Furcht vor der Freiheit. Diese von Erich Fromm geprägte Phrase beschreibt die Schwierigkeiten des modernen Menschen im Umgang mit der Tatsache, dass er in eine unübersichtliche Welt geworfen ist, in der er die Gründe und Ziele seines Handelns selbst finden und verantworten muss. Jean Paul Sartre hat dazu einmal geschrieben: Der Mensch ist verdammt, frei zu sein. Möchten Sie an Angela Merkels Stelle sein, wenn es darum geht, den richtigen Weg aus der Eurokrise zu finden? Hätten Sie Lust, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden und endlich einmal die wirklich richtigen weltpolitischen Entscheidungen zu treffen? Den meisten von uns dürfte die alltäglich Überforderung schon reichen, die damit verbunden ist, die Entscheidungen des eigenen Lebens zu treffen und gegenüber sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Auch hier geht es nicht selten um komplexe Probleme, die wir bestenfalls nachträglich überschauen können.

Was die große Politik betrifft, diagnostiziert Erich Fromm, flieht die große Mehrheit lieber in die eine oder andere Form von Konformismus, in die Bescheidwisserei des Mainstreams oder schließt sich wenigstens einer größeren Gruppe von Menschen an, die das Gleiche denken, um die eigenen Ansichten nicht mehr hinterfragen und verteidigen zu müssen. Wir können dann die Mantren TINAs nachbeten, wir können uns linken oder rechten Ideologien verschreiben, oder einfach den Weltdeutungen der Leitartikler und Kommentatoren aus Funk und Fernsehen glauben usw. usf. Wir könnten natürlich auch ehrlich zu uns und zu anderen sein und zugeben, dass wir nicht immer wissen, was das Richtige ist. Diese Erkenntnis kann aber so bedrückend und furchterregend sein, dass sie genauso lähmt wie der Glaube an die eine Lösung. Und so ist nochmals zu fragen: Wie können unsere politischen Systeme Denk- und Handlungsfreiheit zurückgewinnen im Angesicht komplexer, unüberschaubarer und nicht zuletzt beängstigender Herausforderungen wie dem Klimawandel und der Finanzkrise?

Revolution – und dann?

Erik Swyngedouw möchte die Demokratie revitalisieren durch den Rückgriff aufs Revolutionäre. Er unterscheidet zwischen ‚der Politik‘ (der Eliten, des Staatsapparats etc.) und ‚dem Politischen‘, einer Qualität, die dann aufscheint, wenn Menschen sich selbst ermächtigen, wenn sie sich in Gegensatz setzen zum Bestehenden, Anerkannten und Etablierten. Natürlich ist dieser revolutionäre Kern von Politik eine stete Quelle der Erneuerung, des Fortschritts und nicht zuletzt der Korrektur von fehlgeleiteter, gegen die Interessen von Minderheiten oder Mehrheiten gerichteter Politik. Aber sollte es wirklich der Gipfelpunkt von Politik im 21. Jahrhundert sein, zu den Revolutionen und Klassenkämpfen des 19. und 20. Jahrhunderts zurückzukehren?

Natürlich können machtpolitische Konstellationen auftreten, in denen solche Reaktionen unausweichlich erscheinen. Aber es wäre durchaus ein tragischer Schlussakkord der Geschichte der Demokratisierung des Westens, wenn diese in erneutem ideologischen Kampf, in mehr oder weniger gewaltsamem Ausagieren von Politik enden sollte, müsste. Erik Swyngedouw stellt der depolitisierten Konsens-Demokratie das Modell einer latent revolutionären, einer im Wortsinne radikalen Dissens-Demokratie gegenüber. Politik und politische Meinungsbildung soll nicht gelingen über das Anstreben einer objektiven Perspektive auf das Ganze, sondern durch den Widerstreit der Subjekte. Demokratie kann somit überhaupt nur gesunden, wenn sie zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Aber was sind das eigentlich für Wurzeln? Die griechische Polis, die für eine Gemeinschaft von zehntausend Menschen die angemessene Organisationsform sein mochte, aber sicher nicht für einen Millionenstaat? Die im Ansatz gescheiterten Modelle einer Rätedemokratie? Swyngedouw jedenfalls zeigt Sympathien zu sozialistischen Politikansätzen. Aber diese Fragen berührt er nur am Rande.

Gegen apokalyptische Ängste helfen Hoffnung, Mut und der Wille zum Handeln

Andere haben sich damit ausführlich befasst. Und stellen immer wieder wenig überraschend fest: Die moderne Massendemokratie ist auf repräsentative, vermittelnde, zentral steuernde Organe und Institutionen angewiesen, soll sie irgend funktionieren. Es stimmt schon: Leider funktioniert sie heute nicht in allen Teilen optimal. Die Demokratie weist augenscheinlich Defekte auf. Defekte, die einer wie Erik Swyngedouw sehr prägnant aufzeigt. Auf diese Analyse und Kritik von ‚Ökologien der Angst‘, wie er formuliert könnte man aber durchaus mehr aufbauen, als er es tut. Was können wir setzen gegen Angst und apokalyptische Fantasien von Zerstörung? Ganz einfach: Hoffnung, Mut und die Bereitschaft zu konstruktivem Handeln.

Und worin bitte sollte diese bestehen, wenn nicht in der Suche nach Wegen zu einer Reform unserer Demokratie? Die müssen ja die Kritik an TINA-Politik, an Machtmissbrauch und Ausbeutung nicht ausschließen – sonst wären sie wenig haltbar. Aber ebenfalls nicht ausschließen sollte man die Möglichkeit einer friedlichen, wenn auch sicher nicht einstimmigen Lösung. Swyngedouw sieht Methoden der Partizipation, der Bürgerbeteiligung in einer Komplizenschaft mit den Anhängern der alternativlosen Politik, weil die Beteiligung in staatlich vorgegebenen Formaten die Zustimmung zum allgemeinen Konsens schon voraussetze. Das ist ein durchaus starkes Argument, das ich im Hinblick auf bestimmte Ansätze der Partizipation auch schon selbst vorgebracht habe.  Wenn aber schon die Einigkeit derjenigen, die am Ende eine für alle tragbare Lösung erreichen wollen, also der bloße Wille zur Einigung in den Verdacht gerät, Demokratie als Konsens-Diktatur zu missbrauchen, ist dann eine Reform, eine konstruktive Evolution der Demokratie überhaupt noch denkbar?

Es gibt Wege von Beteiligung, von Mitbestimmung und Repräsentation, die zumindest versuchen die Vielfalt und Vielzahl der Meinungen und Zielsetzungen, durch die eine Demokratie stets gekennzeichnet sein sollte, zu berücksichtigen und aus ihr politisches Kapital zu schlagen. Aber natürlich funktionieren sie nicht perfekt. Die Repräsentation durch Parteien ist ein Beispiel dafür. Noch jedenfalls bringen Parteien durchaus und immer wieder auch stark voneinander unterschiedene Standpunkte zum Ausdruck. Aber wie gut gelingt es ihnen wirklich, den Bedürfnissen und Interessen tatsächlich großer Bevölkerungsteile Geltung zu verschaffen?

Und das Vertrauen auf die Wandlungsfähigkeit der Demokratie!

Kein Zweifel: Die Demokratie muss sich dringend weiterentwickeln. Aber dazu müssen wir an sie glauben! Nicht an ihre Defizite, Halbheiten und Lebenslügen. Sondern an ihr Versprechen einer nicht konflikt- aber doch weitgehend gewaltfreien Lösung auch schwieriger gesellschaftlicher Probleme. Das Schöne an einer auch nur halbwegs funktionierenden Demokratie ist: Sie weiß in den allermeisten Fällen nicht nur einen, nicht nur zwei mögliche Wege zur Lösung eines Problems, sondern viele. Diese Vielfalt der möglichen Lösungen und Weltentwürfe, die der Freiheit entspringt, sollten wir nicht deshalb aufgeben, weil einige Repräsentanten der politischen Eliten aufgehört haben, an sie zu glauben. Und wir sollten auch nicht in Denkmuster des vergangenen Jahrhunderts zurückfallen, sondern lernen auf neue Art und Weise über Politik nachzudenken. Auf eine Weise, die uns in den Stand setzt, auch komplexe Probleme zu lösen und zu diskutieren. Gerne gegeneinander – aber nicht ohne die Bereitschaft zur Einigung auch mit unseren Gegnerinnen. Gerne macht- und sozialkritisch – aber nicht ohne einen Blick für die unendliche Vielfalt und Komplexität der Realität.

Wenn wir stattdessen unsere Hoffnung in die Problemlösungskompetenz von Ideologien und Ideologen setzen, kann leicht geschehen, was der gerade verstorbene Richard von Weizsäcker verhindern wollte, als er am 8. Mai 1985 forderte „Lasst Euch nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen!“ Es liegt in unserer Hand, die Defizite und Mängel unserer Demokratie auf friedliche, auf demokratische Art und Weise zu bekämpfen und zu überwinden. Durch die Anwendung der Instrumente, die sie uns schon heute dazu bietet und durch deren Überarbeitung und Weiterentwicklung. Durch stetige Evolution statt Revolution. Dabei müssen wir uns – das gibt auch Swyngedouw zu bedenken – nicht einschüchtern lassen von scheinbar übermächtigen Menschen: Denn Macht, weiß der Geograph, hat keinen Ort. Sie verschwindet urplötzlich, wenn die Vielen den Wenigen nicht mehr zu folgen bereit sind. Dazu bedarf es keiner allzu einfachen Lösung für komplexe Probleme, sondern einfach nur den Mut und die Entschlossenheit wahrhaft aufgeklärter Bürger. Erliegen wir also nicht den Einflüsterungen der Kaiserin TINA! Aber fliehen wir auch nicht vor ihr in die Arme greiser und schlichter Ideologien, sondern beenden wir gemeinsam ihre Regentschaft, indem wir wieder lernen, an die Vielfalt der Möglichkeiten zu glauben, die unsere Demokratie trotz allem bereithält!

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