Wer ist das kranke Schwein?

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Edathy Einmal wieder ist die Öffentlichkeit zum Lynchmob geworden. Das lässt oft eher Rückschlüsse auf die Hetzer zu als auf ihr Opfer. Hat das Folgen für die Demokratie?

Mehr als unnötig - Foto: stevepb/Pixabay
Mehr als unnötig – Foto: stevepb/Pixabay

Gut, dass sich jetzt alle wieder empören und auskotzen können! Weil das „kranke Schwein“ jetzt auch noch ungestraft davon gekommen ist. Auf Facebook wird tausendfach zu Lynchjustiz aufgerufen. Das ist leider wohl wenig überraschend, schockierend ist es dennoch. Dass hier bereits eine Karriere völlig zerstört ist, scheint dort niemanden zu interessieren. Davon, dass hier auch ein unbequemer Politiker gezielt „erledigt“ worden sein könnte, sprechen wenigstens noch einige. Von „Sozialprognose und Resozialisierung“ allerdings kaum. Dabei müsste das doch das oberste Interesse einer Gesellschaft auch für ihre straffällig Gewordenen sein, umso mehr noch für eventuell doch „Unschuldige“ und vor allem für „Kranke“.

Als „unschuldig“ aber hat Sebastian Edathy weiterhin zu gelten, daran ändert auch sein „halbes Geständnis“ nicht viel. Dessen Forderung durch die Staatsanwaltschaft war anscheinend rechtlich nicht zulässig, es folgte daher auch nicht dem für eine formalisierte Verständigung unter Voraussetzung eines Geständnisses sonst erforderlichen Prozedere. Edathy hat durch seinen Anwalt lediglich bestätigen lassen, dass er die Dateien besessen hat, deren Besitz die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Dass diese Dateien aber auch wirklich das seien, was die Staatsanwälte behaupten, nämlich illegal, muss daraus nicht folgen. So wundert es auch nicht, dass Edathy sein vermeintliches Geständnis umgehend widerrufen hat.

Das Perfide an der Beschimpfung „krankes Schwein“ ist nun aber, dass es scheinbar eine Krankheit anerkennt (die bei Edathy übrigens ebenso wenig erwiesen ist), für die der vermeintlich Betroffene ja überhaupt nichts kann, aber ihm zugleich diese unverschuldete Krankheit zum größtmöglichen Vorwurf macht. Darin zeigt sich wohl letztlich vor allem eine ohnmächtige Angst vor den möglichen Untiefen und Abgründen auch der eigenen Seele. Fraglos, Sebastian Edathy hat nicht viel dafür getan, um sich beliebt zu machen, und zuletzt vielleicht auch nicht, um sich Respekt zu verschaffen. Aber er ist dafür nicht ganz alleine verantwortlich.

Für den Demokratietheoretiker ist hier schließlich noch interessant, was einige Kommentatoren auf Facebook reichlich defaitistisch befürchten: dass angesichts eines solchen Lynchmobs die Aussichten für eine funktionierende direkte Demokratie, gelinde gesagt, eher gering ausfallen dürften. Doch darf man natürlich nicht den Fehler machen, einen solchen ‚Lynchstorm‘ als repräsentativ anzusehen. Hass, zumal von tiefsitzenden Ängsten genährt, bricht sich bei solcher Gelegenheit eben viel leichter Bahn als ein ausgewogeneres Urteil. Auch die direkte Demokratie bräuchte eine Gewaltenteilung und eine Trennung von Recht und Moral – vor allem aber mündige Bürger. Mündige Bürger aber bräuchten auch politische Vorbilder, die nicht bei jeder Gelegenheit unbequeme „Parteifreunde“ ihrem eigenen Machtkalkül aufopfern.

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