Der Legostein des Widerstands

Beim Berliner Literaturfestival diskutierten Philosophen und Literaturwissenschaftler über Ästhetik und Widerstand, Schwanensee und den Lego Movie

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses - Foto: Ealdgyth/Wikimedia
Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses  Foto:Ealdgyth/Wikimedia

Vor einer Weile habe ich anlässlich meiner Rezension zu Philipp Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie über den Berliner Merve Verlag auf eine äußerst vielversprechende Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) hingewiesen. Diese Veranstaltung fand dann leider nicht wie damals angekündigt statt: als gemeinsame Exploration Felschs mit den heutigen Merve-Verlegern über die Zukunft der Theorie. Stattdessen gab es eine herkömmliche Buchvorstellung im Gespräch mit dem Zeitzeugen Michael Rutschky (der das Buch für die Zeit auch schon rezensiert hatte). Allerdings war diese Präsentation eingegliedert in eine Reihe „Ästhetiken des Widerstands“, die ihren Abschluss in einer prominent besetzten größeren Podiumsdiskussion zu diesem Titel fand, unter Beteiligung des Merve-Chefredakteurs und von Philipp Felsch moderiert. Die Anspielung auf den Titel des berühmten Romans von Peter Weiss aus den 70er Jahren kommt übrigens nicht von ungefähr: Aber wer weiß eigentlich, dass der Träger des ilb die Peter-Weiss-Stiftung ist?

Die erste Veranstaltung der Reihe galt am vergangenen Dienstag dem ebenfalls Anfang des Jahres erschienenen Buch des Berliner Philosophen Alexander García Düttmann, Was weiß Kunst? Für eine Ästhetik des Widerstands, das er im Gespräch mit seinem Frankfurter Kollegen Christoph Menke vorstellte. Düttmann, Professor für Ästhetik an der Universität der Künste, wendet sich in seinem Buch gegen eine Instrumentalisierung von Kunst durch Politik und Wirtschaft. Kunst sei dagegen etwas Widerständiges, weil sie zwischen Wissen und Nicht-Wissen stehe. Sie setze beide ins Verhältnis, sei aber selbst wiederum nicht wissbar oder nicht wissbar, sondern etwas drittes. Düttmann wendet sich also auch gegen die beliebte Reduktion der Kunst auf die Kategorie des Wissens, um sie dem ‚Irren der Idee‘ und des Denkens zurückzugeben, denn Denken sei etwas anderes als Wissen, und „die Idee gibt viel zu denken, ist aber nicht wissbar“ (wie Düttmann hier an Immanuel Kant anschloss). Darin liege aber auch die Nähe der Kunst zur Philosophie, deren Unterschied schließlich auf die griffige Formel gebracht wurde: „Kunst begegnet dem Geist in der Materie und Philosophie der Materie im Geist“.

Kunst und Widerstand

Düttmann musste nun allerdings zugeben, dass er unverschämterweiße den Weissschen Wälzer, auf den sich sein Buchtitel bezieht, überhaupt nicht gelesen hat, versprach aber, das nachzuholen. Glücklicherweise konnte Menke an dieser Stelle aushelfen und beschrieb Weiss’ Verständnis von Widerstand als dem eigentlichen „Subjekt der Ästhetik“: Der Widerstand bringe die Kunst hervor und habe mit ihr gemeinsam, dass auch er nicht wirklich wissbar sei. Wie die Kunst hat auch er ein utopisches Moment (auch wenn der Begriff Utopie nicht fiel), er ist auf eine Zukunft gerichtet, die in ihrer Kontingenz für die Gegenwart unverfügbar ist, also nicht vorher wissbar zwar, aber dennoch herstellbar. Auf die kantische Frage „Was soll ich tun“ gebe es für Düttmann im Grunde nur zwei mögliche Antworten, die letztlich aber auch als zwei Teile derselben Antwort erscheinen: „Ich weiß es nicht, aber ich tue es trotzdem.“

Als aber Düttmann nun auf Michel Foucaults Reportagen aus dem revolutionären Teheran von 1979 verwies mit der Feststellung: allein um diesen (nichtwissenden) Enthusiasmus gehe es bei allen Revolutionen, auch wenn sie, wie Deleuze einmal meinte, am Ende alle scheitern, – an diesem Punkt war auf einmal nicht mehr ganz klar, worin angesichts dieses Scheiterns eigentlich noch der Sinn des Widerstands läge. Auf meine Frage danach antwortete Düttmann allerdings, dass das Scheitern an der Wirklichkeit ja nicht bedeute, dass es nichts wert gewesen sei. Die Wirklichkeit bleibe dadurch nicht unverändert. Von einem Scheitern zu sprechen, heiße ja außerdem, schon vorher gewusst haben zu müssen, was am Ende herauskommen soll. Wer das aber tue, habe letztlich keine Ahnung von Widerstand.

Klassenkampf in den Archiven

Um einiges leichter begann am folgenden Abend die Buchvorstellung von Philipp Felsch vor dem wunderbaren Panoramafenster im oberen Vortragssaal des Collegium Hungaricum. Felsch zeichnet in Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990 die Entwicklung des Genres „Theorie“ vor allem anhand der Geschichte des Berliner Merve Verlags und seiner Verleger, besonders Peter Gentes, nach. Für Felsch, geboren 1972 zwei Jahre nach der Verlagsgründung, ist das aber auch, wie er jetzt sagte, der „Versuch, meinen eigenen intellektuellen Bildungsroman zu verstehen“. Er versucht dies über den Bildungsroman Gentes, der Ende der fünfziger Jahre Adorno entdeckte und daraufhin fünf Jahre lang nicht ohne dessen Minima Moralia aus dem Haus ging. Felsch identifiziert hier das Urerlebnis für Gentes späteres Projekt, „ambulatorische Bücher“ zu machen. Adorno aber habe die jungen Linken damals vor allem auch zu emphatischen Lesern gemacht. Felschs Gesprächspartner, der Essayist Michael Rutschky, war seinerzeit einer dieser Leser und hat in Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen gerade selbst ein Buch zur Zeit herausgebracht (das wiederum Felsch rezensiert hat). Hier erinnerte er nun mit Adornos Idee der „verschwiegenen Orthodoxie“ auch daran, worin diese neue Art des Lesens ihr bevorzugtes Objekt fand: in Karl Marx’ Kapital, das „von oben links bis unten rechts“ für wahr zu halten war – man musste es nur verstehen, also richtig zu lesen wissen. Anhand des atheistischen Juden Marx war hier mit dem „literalistischen“ Lesen also eine Grundtechnik der Bibellektüre revitalisiert worden. „Und das war die Geburtsstunde des Merve Verlags“, ergänzte Felsch.

Mit seinem Verlag betrieb der Leser Gente fortan „Klassenkampf in den Archiven“. Felsch und Rutschky streiften nun dessen wichtigste Stationen. Zunächst waren das die Kommunikations­utopien in den Lese- und Diskussionsrunden der 70er Jahre, zu denen sich zunächst auch das Merve-Kollektiv dreimal in der Woche traf. Felschs rückschauendes Urteil, „das konnte ja nicht funktionieren“, hatte laut Rutschky damals auch Michel Foucault schon gefällt, mit seiner Analyse von Sprache als Machtkonstellation. Einen Ausweg habe man dann ausgerechnet im antipä­dagogischen Hermetismus von rechten Denkern wie Ernst Jünger und vor allem Carl Schmitt gesucht, woran schließlich im Lauf der 80er Jahre die Ästhetisierung der Theorie anknüpfte, die im Grunde bis heute fortdauert. Im Zuge des Kunstbooms der nuller Jahre haben die minimalistischen Merve-Bändchen ihr natürliches Habitat in Museumsshops und Kunstbuchhandlungen gefunden. Aus genau dieser „Kunstecke“ aber will der aktuelle Verlagsleiter Tom Lamberty, der Merve 2007 von Gente übernahm, den Verlag und die Theorie wieder herausbringen, worauf Felsch in seinem Buch auch hinweist. In diesem Gespräch allerdings gelang das durch die „Idee der Revolution“, die bis heute eine durch und durch „romantische“ Idee geblieben sei, nur leidlich.

Resistance is futile?

Nun ist sicher eine Reihe namens „Ästhetiken des Widerstands“ ohnehin nicht der Ort für eine Entästhetisierung der Thorie. Auch die Abschlussveranstaltung unter dem Reihentitel sollte demgemäß die Rolle vor allem der Literatur im Widerstand gegen die drängendsten globalen Probleme von Klima-, Finanz- und Flüchtlingskrise bis hin zur allgemeinen Ent- und zur rechtsextremen Repolitisierung der Gesellschaft behandeln. Dazu versammelte sie am Freitag im Institut Français unter Felschs Moderation den Literaturwissenschaftler und Merve-Chefredakteur Armen Avanessian, den schon vorgestellten Philosophen Alexander García Düttmann, den Gendertheoretiker J. Jack Halberstam und die Postkolonialismus-Koryphäe Gayatri Chakravorty Spivak, die am Vorabend bereits bengalische Lyrik auf ihr politisches Wider­stands­potenzial hin befragt hatte. Jeder der Gäste sollte einen kurzen Vortrag halten, anschließend wollte man diskutieren, der Zeitrahmen war inklusive Pausen auf vier Stunden angesetzt. Es wurde durchgehend Englisch gesprochen.

Halberstam, Literaturprofessor an der University of Southern California, begann gleich einmal mit der Warnung, dass Literatur kein Privileg in Bezug auf Widerstand besitze, sondern ebenso gut dem Status quo zudiensten sein könne. Man sollte also auch nicht in falscher Nostalgie das Widerstandspotenzial der digitalen Medien verkennen, sondern dagegen das Verhältnis von Ästhetik und Widerstand überhaupt ganz neu bestimmen, wozu uns etwa das „schwierige“ Denken der Frankfurter Schule wenig helfen könne. Das bedeute also zunächst einmal, darauf zu bestehen, dass es noch Orte gibt, die der Neoliberalismus nicht erreichen kann. Halberstam wendete sich damit auch explizit gegen die „resistance is futile“-Haltung des sogenannten „kapitalistischen Realismus“ eines Mark Fisher oder auch Slavoj Žižek, mit dem er zwar nicht so sehr über die Analyse des politischen Systems uneinig sei, dafür aber umso mehr über Kung Fu Panda und Žižeks Verurteilung des Films als gefährlich ideologisch. Denn für Halberstam sind Kindererzählungen und animierte Filme heutzutage geradezu der einzige verbliebene Ort für massenhaften Widerstand gegen das System.

Der Legostein des Widerstands

Folgerichtig forderte Halberstam deswegen auch eine gewisse Entintellektualisierung des Protests. Er sprach hier von „Entlernen, Entdisziplinierung, Ungehorsam und Desorganisierung von Wissen“, um eine soziale Stabilität aufzubrechen, die ansonsten einfach immer nur weiter ihre weiße Kultur eines kolonialistischen Kapitalismus fortführe. Als Beispiel diente Halberstam nun der gefeierte Lego Movie aus dem vergangenen Jahr, der, selbst für einen Kinderfilm bemerkenswerterweise, einmal keine Zugeständnisse an die immer viel klischeehafteren Ansprüche der erwachsenen Kinobegleitungen mache, sondern ganz auf die Verfasstheit seiner kindlichen Zielgruppe ausgerichtet sei, und die sei in erster Linie kollektivisch orientiert und nicht individualistisch wie die der meisten Erwachsenen. Ein weiteres Charakteristikum der Kinder- wie der Legowelt sei ihre ständige Restrukturierung, das dauernde Ab- und wieder Aufbauen von Welten, das vor allem für Kinder den riesigen Reiz von Lego ausmacht, von Halberstam hier unter das Stichwort impossible architectures gefasst. Doch eben diese imaginative Fluktuation will im Film der böse Lord Business beenden und mit einer Sekundenkleberkanone die Welt fixieren, um die Produktivität zu steigern.

Ich bin leider nicht sicher, ob Halberstam auch erwähnte, dass der Held Emmet im Film Lord Business mithilfe eines (Lego-)„Steins des Widerstands“ besiegen soll, der sich am Ende einfach als der Deckel der Klebertube herausstellt. Aber er betonte mehrfach die Möglichkeit und Notwendigkeit, solche Steine des Widerstands in Form von Öffnungen im System aufzufinden und auszunutzen, und beendete sein Plädoyer gegen das Schwierige und für das Einfache, Leichte mit einem Ausblick auf den Titel seines in Arbeit befindlichen Buchs The Wild und mit einem Aufruf zur wunderbaren Wildheit des Widerstands. Philipp Felsch erlaubte sich im Anschluss an den Vortrag noch den Hinweis auf den antikapitalistischen Klassiker Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, den die Autoren eigentlich als Kinderbuch für 7- bis 14-Jährige geschrieben haben wollen, stellte aber als Theorietheoretiker des ’schwierigen Denkens‘ die Frage, ob eine „leichte Theorie“ überhaupt möglich sei.

Widerstand gegen Ästhetik

Armen Avanessian kündigte daraufhin ein „derridasches Pastiche“ an, das er gleich mit einer selbstreflexiven Bemerkung begann: Wenn man einmal nach der gegenwärtigen Veranstaltung googelte, fände man etwa zwanzig verschiedene Ankündigungen, die aber fast alle gemeinsam hätten, dass sie im Namen des Widerstands Ästhetik und Kunst durcheinanderwürfen. Ihm sei es dagegen wichtig, etwa Literatur von Ästhetik zu unterscheiden und damit auch von deren Fokus auf Vernunft und Wahrnehmung, bei dem nie ganz klar sei, ob sie sich überhaupt für politische Probleme interessiere. Der erste Schritt also für eine der Ästhetik gegenübergestellte „Poetik“ des Widerstands liege darin, das Scheitern der ästhetischen Strategien in Kunst und Wissenschaft der vergangenen Jahrzehnte anzuerkennen. Avanessian fasste hier im Grunde die Positionen seines kürzlich erschienenen Buchs Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz zusammen, einer Abrechnung mit dem ästhetischen Regime der Gegenwart. Dieses sei um 1800 gleichzeitig mit – und überwiegend an – der modernen (humboldtschen) Forschungsuniversität entstanden und durchziehe daher Wissenschafts- wie Kunstbetrieb gleichermaßen und über diese inzwischen die gesamte Gesellschaft. Für Walter Benjamin sei etwa die Ästhetisierung der Politik noch ein Zeichen des Faschismus gewesen, heute funktioniere das wieder ganz affirmativ: etwa über die ästhetischen Paradigmen der „Selbsterfindung“ und „Selbstoptimierung“, die alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrängen.

Diese „Ästhetisierung von allem“ sei problematisch, weil sie durch eines ihrer Hauptinstrumente, die „Kritik“, dauerhaft Selbstwiderstand simulieren könne, ohne aber letztlich den Status quo zu gefährden. Kritik legitimiere letztlich nur das, was sie zu kritisieren meint. Man sieht hier deutlich, warum Ästhetisierung und Kapitalismus sich so gut miteinander vertragen – falls sie sich überhaupt voneinander trennen lassen. Ein weiteres Kennzeichen dieser Ästhetisierung sei der Siegeszug der visual arts. Alle neueren akademischen Paradigmenwechsel, visual turn, cultural turn etc., seien letztlich gegen das Sprachparadigma des Strukturalismus gerichtet und marginalisierten damit auch die Literatur.

Poetik des Widerstands

Avanessian übertrug dies nun mit einem weiteren reflexiven Bogen zurück zu seiner Eingangsbemerkung auf eventuelle Marginalisierungs- und Machtstrategien auch in der Veranstaltungsankündigung. Eine zweite Konstanz in allen unterschiedlichen Versionen sei nämlich die immer gleiche Reihenfolge der Namen der Gäste: Spivak, Halberstam, Düttmann, Avanessian. Diese Reihung folge keiner unmittelbar einsichtigen Regelung, außer einer eher unwahrscheinlichen umgekehrt alphabetischen. Sie scheine also vielmehr einer unterschwelligen Machkonstellation zu folgen: von der prominentesten, akademisch arriviertesten Person bis hin zum einzigen Nicht-Professor der Runde, Avanessian selbst. Dessen rhetorische Frage hierzu lautete nun: Was gewinnen wir durch solche Machtstrategien für eine Theorie des Widerstands? Seine Antwort, „nicht viel“, wirkte freilich noch etwas untertrieben.

Nach dieser „Abschweifung“ musste Avanessian dann allerdings auch noch seine Lösungsvorschläge präsentieren, die alle die Literatur ins Zentrum stellten. Er tat dies anhand dreier Bereiche. Zunächst leitete er aus der gigantischen Überproportion des Derivate-Markts gegenüber der Realwirtschaft ein „derivatives Paradigma“ der Gegenwart ab, das sich nicht zuletzt durch ein spezielles Zeitregime auszeichne: Mithilfe von Derivaten soll die ansonsten kontingente Zukunft verfügbar gemacht werden (z. B. indem auf zukünftige Preise ’spekuliert‘ wird). Die Literatur nun könne mit der Spekulativität ihrer (Erzähl-)Zeiten eine Antwort auf diese Derivativität geben. Zweitens werfe die zunehmende Flut an (digitalen) Daten die Frage auf, wie diese Fülle überhaupt noch Signifkanz erhalten kann. In jedem Fall setze das aber die Fähigkeit voraus, die Daten zu lesen, und auch hier biete die Literatur ein Modell. Drittens stellten neue Technologien wie etwa die Nanotechnologie die Anforderung, mit jenen Daten nicht nur rezeptiv, sondern auch produktiv umzugehen. Die Literatur muss hier also nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben lehren. Und darin bestehe letztlich ihre Bedeutung für eine Ethik und „Poetik des Widerstands“, die am Ende auch „echten“, nicht nur theoretischen Widerstand hervorbringen soll.

Kunst des Widerstands

Nach einer kurzen Pause brach Alexander Düttmann zunächst eine Lanze für das Schwierige, denn ohne Schwierigkeit gebe es keinen Widerstand. Sein Vortrag versuchte dann auch sogleich, dieses Programm einzulösen. Es handelte sich um einen äußerst dicht formulierten philosophischen Essay, dem ich nur zuhörend vielleicht noch gut hätte folgen können, wenn ich nicht versucht hätte, das ein oder andere schriftlich festzuhalten. Düttmann knüpfte zunächst an Jacques Derrida an mit dem Diktum, Widerstand sitze am Herzen der Literatur. Die Literatur könne zwar alles sein und tun, aber eben deswegen sei, sie zu schreiben, zugleich das Allerschwerste. Es sei auch bei weitem nicht alles Literatur, was sich fiction nenne, zu Literatur gehöre mehr als nur ein erfundener Plot. Der Literatur eigne ein Trotz (defiance), der in einer doppelten Unterwerfung bestehe, derjenigen des Schreibers unter den Leser und umgekehrt. Darin liege die stärkste (und damit zugleich schwächste) mögliche Form des Widerstands, nämlich eines Widerstands der Literatur gegen sich selbst, indem sie immer schon selbst ihre eigenen Grenzen auslote. Widerstand scheine also eine Kunst zu sein.

Den Punkt, an dem diese paradoxale Kunst politisch werden soll, habe ich dann leider überhört, aber Düttmann erweiterte sein oben bereits erwähntes Beispiel von Foucaults Bericht aus dem revolutionären Iran von 1979 nun noch um Maurice Blanchots Beobachtungen zum Pariser Mai ’68 – Blanchot hatte sich geweigert ein Scheitern der Revolution anzuerkennen – als Beispiele für ein Eingreifen der Literatur in die Politik. Die „Kunst des Widerstands“, die die Promiskuität der Literatur befördere, beruhe auf Literatur als institutionalisierter Praxis. Die Revolutionen ’68 und ’79 waren Reaktionen auf unlebbare Zustände. Solche hätten wir heute wieder, trotzdem passiere (fast) nichts. „Wie können wir dafür sorgen, dass es passiert? Wohl leider nicht mit Lego.“ Dieser Absage an Halberstams Ansatz stellte Felsch dann allerdings noch kurz die Frage entgegen, ob es sich bei Düttmanns an Friedrich Schlegels Idee der „progressiven Universalpoesie“ (in der ebenfalls alles zu Literatur werde) erinnernden Konzeption von promiskuitiver Literatur nicht letztlich zumindest um ein ähnlich romantisches Konzept handle wie Halberstams. Außerdem hielt er fest, dass mit „Ästhetik“, „Poetik“ und „Kunst“ des Widerstands nun gleich drei verschiedene Widerstandskonzepte vorlägen.

Schwanensee als Hatha-Yoga

Gayatri Spivak, Literaturprofessorin an der New Yorker Columbia University, erteilte nun zuletzt allen dreien eine Absage und stellte als ihre erste Regel auf: „Wir sind nicht die Subjekte des Widerstands.“ Vielmehr sollten wir diese Subjekte in unserem Umfeld suchen. Außerdem könne Widerstand weder eine Ästhetik noch eine Poetik haben. Er lasse sich schlicht nicht theoretisieren, weil seine Gegenstände unendlich seien. Ihre zweite Regel besagte, man dürfe nicht einfach seine eigene individuelle Perspektive von Widerstand für andere generalisieren und auf sie zu übertragen versuchen. Denn sie könnten eine völlig andere Perspektive haben. Zur Illustration erzählte sie, wie einmal eine indische Kollegin nach einer Aufführung von Schwanensee an der New Yorker Motropolitan Opera die Bewegungen der Tänzer als „perfekt synchronisiertes Hatha-Yoga“ bezeichnet hätte.

Sie erzählte dann noch einiges mehr, etwa von ihrer Teilnahme am World Economic Forum – auch wenn mir nicht ganz klar wurde, was sie darüber erzählen wollte –, und dass das bengalische Wort für Literatur ursprünglich etwas Ähnliches wie „Zusammensein“ bedeute. Nachdem sie noch einen vedischen (oder hatte sie tatsächlich „prävedischen“ gesagt?!) Vers über die Unsterblichkeit gesungen und dann festgestellt hatte, dass auch auf einem illiteraten Level gleichwohl das Literarische existieren könne, schloss sie ihren Vortrag nach der jedem eingeräumten Zeit von 20 Minuten mit dem Hinweis, wenn sie jetzt noch Zeit gehabt hätte, hätte sie uns gerne gezeigt, dass Erich Auerbachs Mimesis-Studien weniger widerständig seien als die (sagte sie apulischen?) Volkslieder, die sie uns dann vorgetragen hätte.

Widerstand und Transformation

Nach einer weiteren Pause kam es nun also zur Diskussion, die Philipp Felsch mit der Frage an Jack Halberstam eröffnete, was uns die Missachtung von Kinderbüchern über den gegenwärtigen Status des Widerstands verrate: dass wir, so Halberstams Antwort, nicht mehr an echten Widerstand glaubten. Spivak warf ein, dass Widerstand nicht von alleine passiere, er sei „enklitisch“, so ihre grammatische Metapher, müsse sich also immer an etwas „anlehnen“, außerdem sei immer auch etwas auf der anderen Seite. Daher bedürfe es Strategien und Methoden des Widerstands. Für Düttmann muss dagegen jeder Widerstand ein „Jenseits“ oder einen „Überschuss“ haben, in dem auch Politik und Literatur zusammenfielen. Ohne das sei Widerstand in der Tat zwecklos. Avanessian bestand allerdings darauf, Politik und Literatur zu unterscheiden, weil nur dann das spezifische Widerstandspotenzial der Literatur deutlich werde: Dieses liege in der Widerständigkeit der literarischen Sprache, die immer eine Positionsbestimmung des Sprechers verlange. Eine solche Positionsbestimmung brauche man auch für das Subjekt des Widerstands, denn ohne solche Unterscheidungen verlören wir an Boden gegen einen starken Feind.

Düttmann warf dann die Frage auf, wie man Solidarität zwischen verschiedenen Widerstandsbewegungen herstellen könne und verwies noch einmal auf Foucaults Irantexte als positives Beispiel. Avanessian aber betonte gegen Düttmanns Zweifel, dass wir nicht mehr im Mai ’68 lebten, sondern in Zeiten von NSA und Nanotechnologie, woraufhin Spivak mahnte, man solle nicht so sicher sein, dass alle Menschen in derselben Zeit lebten. Halberstam schließlich forderte dazu auf, nicht nostalgisch auf vergangene Zeiten zu blicken, in denen Widerstand funktioniert habe, sondern lieber konkret zu fragen, wie Widerstand heute aussehen müsste.

Aus dem Publikum kam dann zuletzt allerdings noch die Warnung, das Sprechen von Widerstand könne auch leicht einen Gegner reifizieren; wir sollten uns, wie auch Spivak es empfohlen hätte, eher um größere Sensibilität für unser Umfeld und die Wahrnehmung ungehörter Stimmen kümmern. Halberstam stimmte zu, wir sollten Widerstand nicht fetischisieren. Auch Düttmann stellte dem Widerstand nun den Begriff der Transformation an die Seite, die letztlich auch das Scheitern von Revolutionen überdauern könne. Auch die Vorgänge in Griechenland und der gegenwärtige deutsche Umgang mit der Flüchtlingskrise („unconditional hospitality“) böten, wie gering auch immer, Beispiele für solche transformativen Öffnungen. Auch wenn sie erst einmal zu scheitern scheinen, lohne es sich, ihnen Beachtung zu schenken. Zumindest der Ausgang der griechischen Wahlen am Sonntag schien Düttmann hier Recht zu geben.

***

Armen Avanessian, Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz, Merve, Berlin 2014, 264 S., 18 €.
Alexander García Düttmann, Was weiß Kunst? Für eine Ästhetik des Widerstands, Konstanz University Press, Paderborn 2015, 320 S., 29,90 €.
Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990, C.H. Beck, München 2015, 327 S., 24,95 €.
J. Jack Halberstam, Gaga Feminism. Sex, Gender, and the End of Normal, Beacon Press, Boston 2012.
Christoph Menke, Die Kraft der Kunst, Suhrkamp, Berlin 2013, 179 S., 14 €.
Michael Rutschky, Mitgeschrieben. Die Sensationen des Gewöhnlichen, Berenberg, Berlin 2015, 432 S., 25 €.
Gayatri Chakravorty Spivak, An Aesthetic Education in an Era of Globalization, Harvard University Press, Cambridge, 2012.
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