Wirtschaftswissenschaft für Anfänger

Das Buch Time for Change des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis hat einen pädagogischen Ansatz und gute Intentionen. Manches daran bleibt jedoch fraglich

Von Lea Fauth

Die Ökonomie wurde - wie Europa - in Griechenland erfunden. - Bild: BITLAKE/Pixabay (CC)
Die Ökonomie wurde, wie Europa, in Griechenland erfunden. – Bild: BITLAKE/Pixabay (CC)

Erstaunlich genug, wenn man das Buch überhaupt erst in die Hand genommen hat: Mit charmantem Lächeln, lässig die eine Hand in der Hosentasche, glänzt Yanis Varoufakis mit der Sonne im Gesicht auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe seiner schon etwas älteren Veröffentlichung Time for change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre. Dahinter eine rissige Betonwand. Ein Rapper? Ein Filmstar? Das Buch wirkt wie ein People-Magazin, das im Wirtschaftsressort eigentlich nichts verloren hat.

Ein ziemlich billiges Vorgehen des Hanser Verlags, der die deutsche Übersetzung herausgebracht hat: Die Berühmtheit des ehemaligen griechischen Finanzministers soll nach bester Boulevard-Manier zunutze gemacht werden, um ordentlich auf die Kasse zu schlagen. Über Monate hatte sich das in den deutschen Medien ja auch nur allzu gut verkauft: Der lässige Motorradfahrer mit der Lederjacke, dieses viel zu coole Auftreten standen im Rampenlicht – politische Inhalte verblassten daneben. Und auch hier wird der programmatische und sehr politische Titel „Time for change“ durch die Umschlaggestaltung völlig entfremdet. So wird einmal mehr die Chance verpasst, entgegen dem Medienrummel Yanis Varoufakis als das ernst zu nehmen, was er eigentlich ist – nämlich als Wirtschaftswissenschaftler.

Als Wirtschaftswissenschaftler nämlich lässt sich der griechische Ex-Finanzminister in eine Reihe von Autoren stellen (etwa Piketty oder Graeber), die der Ideologie der Neoklassik in den letzten Jahren etwas entwaffnend Einfaches entgegengesetzt haben: eine simple, allgemein verständliche Erklärung der wirtschaftlichen Zusammenhänge und Tatsachen, die auch Laien zugänglich ist. Eine Entwirrung der volkswirtschaftlichen Grundbegriffe, eine Entzauberung eines scheinbar für normal Sterbliche unzugänglichen Fachbereichs. Das ist ein durch und durch demokratisches Vorhaben. Wenn auch inhaltlich zum Teil sehr verschieden, haben diese Bücher eine Aufforderung gemeinsam: Lassen wir die Wirtschaft nicht in den Händen einiger weniger Technokraten, klären wir uns selbst auf, um mitzubestimmen.

Varoufakis liefert mit seinem Buch Time for change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre einen besonders pädagogischen Beitrag. Das Buch richtet sich an die junge Tochter und ist in „Du-Form“ geschrieben; die vielseitigen Themen werden anhand von leicht verständlichen Beispielen und Analogien illustriert. Für den Leser ohne Vorwissen ist es eine erfrischende und bereichernde Lektüre, oft sogar unterhaltsam geschrieben.

Natürlich bringt ein solch pädagogisches Vorgehen auch immer ein Risiko mit sich: Bei einer allzu einfachen Darstellung werden Sachverhalte manchmal verkürzt und verfälscht. Vor allem in den ersten zwei Kapiteln erliegt Varoufakis dieser Schwierigkeit. Nicht etwa, weil er sein Fachgebiet nicht kennt, sondern weil er sich mit der naiven Ansichtsweise des Volkswirts auf andere Gebiete begibt. Anthropologische, kulturwissenschaftliche und historische Belange werden grob – allzu grob – angerissen. Und so wird sogar Varoufakis vom Dogma des ewigen Homo oeconomicus eingeholt und beherrscht: Das menschliche Handeln und Erfinden wird auf Überlebensnotwendigkeit reduziert, der „schiere Hunger“ und nicht die „bewusste Entscheidung“ hätten zu bahnbrechenden Erfindungen wie Landwirtschaft oder sogar Kunst und Schrift geführt. In dieser Darstellungsweise ist kein Platz für menschliche Kreativität, hier gibt es nur nutzenorientiertes Handeln. Auch andere Phänomene werden platt geredet. Das Konzept des Privateigentums taucht als Gegebenheit in der Geschichte der Menschheit auf, und alle Gesellschaftsformen erklären sich überhaupt nur aus dem, was Varoufakis hier „Überschuss“ nennt, ein Zauberwort, mit dessen Hilfe sämtliche Phänomene und Entwicklungen kurzerhand klargestellt und abgehakt werden.

Schließlich sind noch historische Ungenauigkeiten zu bedauern – etwa bei einer kurzen Zusammenfassung des Übergangs von Feudalgesellschaft zur Marktgesellschaft im zweiten Kaptiel. Auf so hastige Art die Geschichte der Menschen mal eben nacherzählen zu wollen, konnte eben nur danebengehen.

In den darauf folgenden Kapiteln mag man dem Autor diese Mängel und Allgemeinplätze verzeihen. Schulden und Schuldensysteme als Grundstein einer kapitalistischen Gesellschaft werden anschaulich aufgebrochen; zum Verständnis von Bank- und Geldwesen wird der Leser mit einfachen Analogien regelrecht an die Hand genommen. Unter dem Titel „ödipale Märkte“ wird außerdem eine Verhaltenstheorie aufgestellt, in der Herdenverhalten, Pessimismus und Optimismus die Variablen sind, die den Verlauf der Wirtschaft maßgeblich beeinflussen. Was harmlos klingt, ist für die aktuellen Wirtschaftswissenschaften tatsächlich ein Sakrileg, wie jeder VWL-Studierende bestätigen könnte. In der aktuellen Lehre gibt es nur einen nutzenorientierten „rationalen“ Menschen, der vorhersehbar funktioniert und das Wirtschaftsgeschehen genauso vorhersehbar macht. Varoufakis fasst die Gegenargumente zu dieser vorherrschenden Theorie schlagend zusammen. Wie Piketty plädiert er dafür, Ökonomie als facettenreiche Geisteswissenschaft zu begreifen.

Wer diese ganzen Punkte vertiefen wollte, wird zwar nicht fündig – das Buch richtet sich eindeutig an noch unkundige Leser, die das Grundlegende verstehen wollen. Doch für diese Zielgruppe wenigstens ist es ein gelungenes Buch.

Wer allerdings ein radikales Manifest erwartet hat, wird geradezu enttäuscht sein. Demokratie für aufgeklärte und verantwortungsvolle Bürger ist das Schlüsselelement in diesem Buch – darin liegt die einzige Hoffnung des Autors, und dies verhilft letztlich zu dem optimistischen Grundton des Textes.

Die neoliberale Ideologie wird in ihrem pseudo-wissenschaftlichen und möchtegern-rationalen Ansatz entlarvt. Denn was ist eigentlich rational? „Im antiken Griechenland wurden diejenigen, die sich weigerten, in Begriffen des Gemeinwohls […] zu denken, idiotes (Einzelpersonen) genannt“, schreibt Varoufakis. Und genau daher kommt auch das Wort ‚Idiot‘. Besteht unsere individualistische eigennützige Gesellschaft aus Idioten? Rational, das wäre nämlich eine Menschheit, die sich zusammentut und auf vernünftige Art und Weise ihr Gemeinwohl organisiert, ihren Planeten erhält – kollektiv, demokratisch und aufgeklärt.

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Yanis Varoufakis, Time for Change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre, Hanser 2015, 184 S., 17,90 €
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