Die Krise als postkoitale Depression

Der Ökonom Tomáš Sedláček unterzieht seine Disziplin einer Psychoanalyse und will so den Kapitalismus vom Wachstumswahn heilen. In Berlin hat er sein Buch vorgestellt

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Sex und Selbsterkenntnis - Wandversion von John Colliers
Sex und Selbsterkenntnis: Street Art mit John Colliers „Lilith“ (1892) – Foto: Salvatore Vastano/Flickr

Vergangene Woche hat er in Berlin sein neues Buch Lilith und die Dämonen des Kapitals vorgestellt

, in dem er mit seinem Koautor, dem Wiener Journalisten Oliver Tanzer, die kranke Ökonomie auf Freuds Couch legen, diesmal also die Methode der Psychoanalyse auf seine Disziplin anwenden, ihr einen therapeutischen Spiegel vorhalten – und dadurch letztlich zur Heilung verhelfen möchte. Neben einem umfangreichen Katalog an examinierten Pathologien, von Wahrnehmungs- über Angst- bis Aggressionsstörungen, bedeutet das aber vor allem auch den Rückgriff auf Mythen, die bekanntlich auch Sigmund Freud – manchmal vielleicht etwas über Gebühr – faszinierten. Sedláčeks Ineinander von Pathologisierung und dezidierter Interdisziplinarität ist hier erst recht ein offener Frontalangriff auf den bisweilen religionsartigen Alleinvertretungsanspruch vieler seiner Fachkollegen.

Was im Buch erst einmal als ein vielleicht etwas leichtfertiger Umgang mit Freuds und auch C. G. Jungs selbst alles andere als unproblematischen Theorien erscheint, trägt Sedláček im Gespräch mit dem glänzend vorbereiteten, übersetzend zuspitzenden RBB-Moderator Thomas Böhm jedoch durchaus überzeugend vor. Denn der überraschend junge ehemalige Berater Václav Havels (damals war er 24, heute 38) und Chefmakroökonom der größten tschechischen Geschäftsbank (der aber eher aussieht wie ein früh gealterter skandinavischer Rocksänger – oder tatsächlich auch wie ein 70er-Jahre-Psychoanalytiker), ist ein äußerst charismatischer Redner, der auch ein nicht funktionierendes Mikro mit seinem sonoren Bariton und einem Martin-Buber-Zitat über die Dialektik der Technik – in der allerdings auch überschaubaren, gut gefüllten Buchhandlung Lehmanns – mühelos übertönte.

Der verdrängte Dämon des Kapitals

Naturgemäß erklärte er zunächst, warum er die nach wie vor zu unbekannte Figur der Lilith als ein Sinnbild des (Wachstums-)Kapitalismus versteht. Mittelalterlicher jüdischer Traditionzufolge ist Adams erste Frau – im Unterschied zu Eva, seiner zweiten – ihm gleich erschaffen. Sie weigert sich daher aber, sich ihrem Mann unterzuordnen, namentlich beim Geschlechtsakt unter ihm zu liegen. Sie flieht aus dem Paradies und wird von Gott zu einem Dämon verflucht, der in der Dämmerung neugeborene Knaben tötet und aus ihnen massenweise neue Dämonen gebiert, die er allerdings sofort wieder töten muss. Lilith ist damit für Sedláček zugleich ein Sinnbild für das Verlangen nach Freiheit wie für das daraus entstehende „Drama des modernen Kapitalismus“, den gefährlichen Kreislauf von Produktion und Vernichtung, Konsum und Zerstörung.

Es sei nun zwar eine bedeutende Einsicht der Psychoanalyse, dass das Unterdrückte, Verdrängte als Dämon aus dem Unbewussten zurückkehre. Dass Lilith und Adam nicht einfach einen Sex-Berater konsultieren und sich auf eine andere Stellung einigen konnten, scheint für Sedláček indes weniger eine Frage von struktureller Unterdrückung zu sein (so habe er selbst sich zum Beispiel noch nie unterdrückt gefühlt, wenn er beim Sex unter einer Frau lag, bekannte er etwas am Punkt vorbei) als ein Zeichen dafür, dass Götter ein Problem mit der Erschaffung von symbolischer Ordnung hätten. Denn am Ende gebe es immer soziale Ungleichheit. Freilich ist die letztlich ein Problem der Menschen, die auch in ihren großartigsten religiösen Imaginationen nicht einmal Gott zutrauen wollen, dass er einen perfekten Zustand erschaffen könne: nicht Eden, wo Adam einsam ist und auf Eva die Schlange wartet; nicht Rivendell in J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe, von wo die Elben unglücklich nach Westen aufbrechen.

Institutionalisierte Aggression

Sedláček und Böhm durchstreiften nun die griechische Mythologie und befragten einige Figuren auf ihr psychoanalytisches und kapitalismuskritisches Potenzial. Sedláčeks und Tanzers Lesart etwa des griechischen Helden Achilleus lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Was in dessen die gesamte Handlung von Homers Ilias leitendem, epischen Zorn noch impulsiver Affekt war, ist im heutigen wirtschaftlichen Paradigma zur rational institutionalisierten Aggression geworden. Die Gefahr sieht Sedláček darin, dass ein Affekt vielleicht eine Handvoll Menschen töten könne, rationales Planen aber, pathologisch fehlgeleitet wie etwa bei Hitler oder Stalin, Massenmord möglich mache. Analog sei die Ökonomie von einer überwiegend weiblichen Praxis der Haushaltsführung (so bei Aristoteles) zu einer machistischen Pseudowissenschaft geworden, die uns zu vernichten drohe.

Weiter veranschaulichen lässt sich das am Mythos vom Satyr Marsyas, einem herausragenden Flötespieler, der den Gott Apollon zum musischen Wettstreit herausfordert und diesen zunächst sogar gewinnt – bis Apollon seine Kithara umdreht und mit der anderen Hand spielt, was Marsyas mit seiner Flöte unmöglich ist. Dass der Gott dem Satyr anschließend zur Strafe für seinen Hochmut bei lebendigem Leib die Haut abziehen lässt, ist für Sedláček ein Zeichen von eifersüchtig narzisstischem Sadismus, dem ein krankhaftes Verständnis von Wettbewerb zugrunde liege. Dieser behindere dadurch Schönheit und Fortschritt und vernichte genauso auch bei uns noch massenhaft Wohlstand. Apollon und Marsyas hätten schließlich auch einfach eine Band gründen können, ergänzte Böhm.

Der letzte präsentierte Mythos war der des Hirtengotts Pan, dessen schrecklicher Schrei die Giganten in der Schlacht gegen die olympischen Götter so verängstigte, dass sie den Kampf schließlich verloren. Daher nennen wir heute irrationale Angst nach ihm ‚Panik‘, die regelmäßig auch die angebliche Rationalität der Märkte Lügen straft, die Börsenkurse zusammenbrechen lässt und sie schließlich, wie man häufig hört, in Depressionen stürzt. Das wiederum sei aber eine zu einseitige Diagnose, denn die Finanzmärkte seien in Wahrheit bipolar, also manisch-depressiv, was wir aber nicht sehen, weil wir ihre Manie für einen gesunden Zustand halten.

Ökonomie als religiöse Minderheit

Nach dieser beunruhigenden Anamnese fragte nun Böhm, warum Sedláček damit eigentlich so furchtlos am Baum der von ihm doch zugleich so geliebten Ökonomie säge, auf dem er zudem selbst sitze. Weil es ein kranker Baum sei, erwiderte er. Die heutige Ökonomik sei eine religiöse Ideologie, die sich als Wissenschaft präsentiere. Wann immer sie einmal zutreffend die Zukunft prognostiziert hätte, sei das allein dem Zufall geschuldet gewesen. Darin sei sie nicht besser als die Astrologie, die im tschechischen Fernsehen übrigens, anders als hierzulande, wie Pornographie nur nach 22 Uhr gezeigt werden dürfe. Die Ökonomik soll also, wie alle anderen Wissenschaften auch, nicht zur Zukunftsvorhersage missbraucht werden, sondern diesbezüglich so betrachtet werden wie andere religiöse Minderheiten auch. Denn selbst die meisten Religionen hegen manchmal Zweifel, ob ihre Götter wirklich die Zukunft kennen. Ohne die illusionären Prognosen der Ökonomen wären wir 2007/8 nicht mit voller Geschwindigkeit gegen die Wand gefahren.

Sedláček zeichnete auch große historische Entwicklungslinien nach und wies auf unsere gegenwärtigen Paradoxien und Widersprüche hin. Während in der Antike Kulturgeschichte zumeist als Verfallsprozess dargestellt wurde, sind wir so sehr vom Fortschrittsparadigma besessen, dass wir ihn als reinen Selbstzweck betrachten und nicht merken, dass er sich darin totfortschreitet. Die Dogmen der ökonomischen Kirchen von IWF bis OECD entsprechen immer noch weitestgehend der ultradisziplinierten Arbeitsethik eines Landes wie Japan, in dem es als ehrenvoll gilt, an der eigenen Arbeit zu sterben, das aber dennoch seit 30 Jahren kein Wirtschaftswachstum mehr aufweist. Denn nach wie vor gilt uns Wachstum als das Non plus ultra, obwohl sein Fehlen doch im Grunde nur bedeutet, dass es uns eben an nichts mehr fehlt. Die gegenwärtige Krise bezeichnete Sedláček daher als eine postkoitale Depression, die eben nur dann eintritt, wenn das Ziel erreicht ist. „Die Kuh ist ausgemolken“, wie er eine Anekdote zusammenfasste. Aber uns fehle der Maßstab für die gegebene Milch, unseren eigenen Reichtum, und der Sinn für unser Ziel. Selbst der für Sedláček einfallsreichste linke Denker, Slavoj Žižek, habe hier keine Lösung.

Kritik mit Kondom

Sedláček selbst glaubt weiterhin an den demokratischen Kapitalismus. Denn die gegenwärtige Krise sei keine des Kapitalismus überhaupt, sondern nur eine des Wachstumskapitalismus. Der demokratische Kapitalismus aber sei veränderbar und wir sind es, die ihn verändern und gestalten müssen. Denn der Kapitalismus lebe geradezu von Kritik. Nun gibt es freilich Stimmen, die gerade das als Problem betrachten, dass der Kapitalismus noch seine eigene Kritik zu inkorporieren vermag und daher kaum wirksam kritisiert werden kann. Doch Sedláček wirft etwa einem vermeintlich radikalen Kritiker wie Žižek vor, letztlich doch nur „Kritik mit Kondom“ zu betreiben. Er wolle wohl gar nicht, dass daraus Kinder entstünden, denn sonst müsste das System längst schon tot sein.

Es ist aber nicht tot, sondern nur krank. Und diese Krankheit hält Sedláček für heilbar. Es liege freilich im Wesen auch der ökonomischen Psychoanalyse, dass sie kein einfaches Allheilmittel anbiete, sondern einen komplexen Prozess der Selbsterkenntnis darstelle, der zunächst einmal die Ursachen der Krankheit finden möchte, bevor an seinem Ende auf Heilung zu hoffen sei. Denn wenn man erst einmal den Namen des Dämons kenne, sei der Exorzismus schon halb gelungen. Dieser Optimismus deckt sich sicher nicht immer mit Sigmund Freuds eigener Sicht auf das menschliche Seelenleben und dessen „Unbehagen in der Kultur“. Sedláčeks und Tanzers Buch bietet aber dennoch einige äußerst anregende Perspektiven auf eine ökonomische Disziplin, die einer Mythen-, Religions- und Ideologiekritik weiterhin dringendst bedarf (auch wenn Wolfgang Streeck in der SZ das Buch inzwischen brilliant verrissen hat).

Tomáš Sedláček/Oliver Tanzer, Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch, Hanser 2015, 352 S., 26 €
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