Spaß und Wirtschaftswachstum reichen nicht zum Leben

Die unmenschliche ‚Gesellschaftskritik‘ von Terroristen trifft dennoch einen wunden Punkt: Der aufgeklärten Moderne fehlt es nach wie vor an Entwicklungszielen jenseits der zerstörerischen Anhäufung von materiellem Besitz

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Das Abendland: Im Westen geht die Sonne unter.

Dass Terror und Massenmord vor keinem vernünftigen Urteil bestehen und mit keinem menschlichen oder gar göttlichen Maßstab gerechtfertigt werden können, ist eine Wahrheit, die nur den Verblendeten nicht aufgeht. Sie kann, darf und muss zur Selbstvergewisserung der Übrigen trotzdem ausgesprochen werden.

Dabei aber sollten diese Übrigen, also wir alle, allerdings nicht stehenbleiben. Jedes Land und jedes Gesellschaftssystem in dem sich mit weltanschaulichen Motiven begründete Gewalt ereignet, – und sei es auch kriminelles Morden großen Ausmaßes – muss sich die Frage stellen, was die Bedingungen der Möglichkeit dieser Gewalt waren und sind. Sind es nur Nachlässigkeit und mangelnde Wachsamkeit auf der einen, Boshaftigkeit und Unmenschlichkeit auf der anderen Seite, die dazu führen, dass in zahlreichen westlichen Demokratien Terorranschläge geplant werden, stattfinden und – das ist besonders beunruhigend – bei einer radikalen Minderheit der Bevölkerung (und es handelt sich dabei eben nicht um ‚Ausländer‘, sondern um MitbürgerInnen!) auf Sympathie, ja sogar Bewunderung treffen?

Der sogenannte islamistische Terror – und nicht nur er – wirft den westlichen Gesellschaften moralische Orientierungslosigkeit und moralisches Versagen vor, Kulturlosigkeit, Verlogenheit, Nihilismus. Diese Kritik klingt wohlfeil, wenn sie von solchen ausgesprochen wird, die selbst gegen alle menschlichen Werte verstoßen. Deshalb fällt es leicht, sie als dumme und falsche Propaganda zurückzuweisen und sich trotzig zur eigenen Lebensweise und Organisation unserer Gesellschaften zu bekennen. Klug ist das aber nicht.

Der Terror trifft – wie das die radikalen Gegner einer Gesellschaftsordnung nicht selten tun – ob bewusst, oder unbewusst, ob bei klarem Verstand oder im Wahn, einen wunden Punkt. Er adressiert blinde Flecken und sogar Lebenslügen unserer liberalen westlichen Ordnung. Auf eine illegitime, verwerfliche Weise zwar: Aber wir kennen das Sprichwort von dem blinden Vogel, der auch einmal ein Korn findet. Hier trifft es zu.

Das Abendland in der Sinnkrise

Unser seit einiger Zeit von Dresden aus so sehr gepriesenes Abendland ruht auf hehren Idealen und edlen Zielen. Es fühlt sich der Freiheit und Selbstbestimmung des Individuums ebenso verpflichtet wie dem Wohl aller Menschen. Es huldigt der Gerechtigkeit und der Würde des Menschen. Es gedenkt dankbar seiner geistigen Urheber und sonnt sich in seinem Wohlstand. Aber es ist dabei zu vergessen, wozu es eigentlich existiert. In seiner Ansprache kurz nach den jüngsten Anschlägen in Paris sagte der franzözische Präsident, ängstlich in die Kamera schauend: „Vive la république, vive la France“, als murmele er einen Zauberspruch, der schon lange seine Wirkung verloren hat. Aus dem Weißen Haus sekundierte Barack Obama: „liberté, égalité, fraternité“.

Zwei Männer, die sich zu verstehen scheinen. Aber versteht die westliche Welt sich noch selbst? Jenseits aller Beschwörungen dreht sich unser Leben um Arbeit, mit der wir das Wachstum eines Wohlstands bewirken wollen, den wir längst im Überfluss genießen. Und um Spaß, für den wir uns fit halten müssen, damit wir das steigende Tempo und die zunehmend sportlichen Anforderungen unserer Freizeitbeschäftigungen noch erreichen können. Adorno hat dafür die markante Formulierung vom ‚Stahlbad des Fun‘ gefunden, und sie gilt unabhängig davon, ob man unser Gesellschaftssystem als kulturindustriell verbrämten Kapitalismus verurteilt oder einfach nur aus einer wertkonservativen Haltung heraus nach Sinn sucht.

Antworten auf die Frage nach dem Sinn hat unsere Gesellschaft viele zu bieten – und das ist auch gut so. Die Pluralität von Meinungen und Sichtweisen ist nicht zwangsläufig ein oberflächliches Kaleidoskop postmoderner Verirrungen, sondern zunächst einmal ein Ausweis lebendiger Vielfalt menschlichen Denkens und Handelns. Wenn aber von den vielen Antworten auf die Frage nach dem Sinn keine mehr durchdringt zur Oberfläche eines allgemeinen gesellschaftlichen Bewusstseins, wenn alles Suchen, Fragen und Antworten untergeht in dem großen Strudel eines Wachstumswahns, in dessen Irrsinn Spaß die einzige Rettung vor dem sinnlosen Fleiß darstellt, dann bleibt tatsächlich nur noch eine Kakophonie der Beliebigkeit.

Welche Werte?

Wozu gehen die Erwerbstätigen morgens zur Arbeit und abends ins Fitness-Studio? Wofür halten sich diejenigen bereit, die keine Arbeit haben aber bald wieder eine ausüben sollen? Das fröhliche und erfreuliche Engagement derjenigen, die sich seit Kurzem um die Nöte von Flüchtlingen kümmern, zeigt auch eines: Die Menschen sind dankbar, einer Tätigkeit nachgehen zu können, die im weit gehend sinnentleerten Einerlei unserer Wohlstand-um-des-Wohlstands-willen-Existenz endlich eine tiefere Berechtigung offenbart: Solidarität, Mitmenschlichkeit, Liebe.

Sind es solche Güter, die wir gegen den Terror verteidigen wollen? Sind es ferner Freiheit, Kreativität und echte Lebensfreude? Es bedeutete einen dumpfen Kulturpessimismus, die Präsenz all dieser Güter in unseren westlichen Gesellschaften zu verleugnen. Wir begegnen ihnen vielmehr auf Schritt und Tritt, erfreulich häufig und in bisweilen überraschender Vitalität. Es sind aber gerade nicht diese Güter, die unsere politische Öffentlichkeit und unseren Arbeitsalltag prägen. Sie ereignen sich eher nebenbei, es sind die ‚weichen Themen‘, die noch vorkommen dürfen, wenn den ‚harten Fakten‘ genüge getan ist. Mit preußisch-protestantischer Nüchternheit führen Menschen wie Angela Merkel oder der in letzter Zeit omnipräsente Thomas de Maizière unser Land – und Europa folgt ihnen, halb freiwillig, halb genötigt. Sie führen uns durch eine Welt, die mittels der Zerstörung von Lebensgrundlagen ‚Werte‘ zu ’schaffen‘ glaubt und in der die Reicheren an den Kriegen der Ärmeren verdienen.

Warum aber sollen wir ihnen in diese Welt folgen, warum soll man der Zielsetzung des fleißigen Arbeitens und Sparens um des Wirtschaftswachstums eigentlich beipflichten, selbst dann, wenn das letztere einmal eintritt, was ja in Europa zur Seltenheit geworden ist? Die restlos aufgeklärte Moderne ist noch immer das Problem nicht angegangen, das ihr schon seit Jahrhunderten zu schaffen macht: den Verlust eines Entwicklungsziels ihrer Gesellschaften, das mehr Sinn ergibt als die wahnhafte und zerstörerische Anhäufung von materiellem Besitz. Dabei fehlen die Alternativen gar nicht, auch wenn das immer wieder suggeriert wird. Im vorbehaltlosen Willkommenheißen der Flüchtlinge hat auch die Preußin Merkel etwas von dem wiedererkannt, was wirklich zählt. Es allerdings deutlich auszusprechen und zur Grundlage einer lebenswerten Zukunft zu machen, ist die große Aufgabe unseres Jahrhunderts.

Nicht zuerst der Terror, aber eben auch der Terror, ist eine deutliche Warnung, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft sich selbst unglaubwürdig wird. Hängen wir wirklich an Freiheit, Demokratie und Solidarität? Streben wir wirklich nach Liebe, Glück und Mitmenschlichkeit? Wollen wir wirklich die kreative und vitale Kulturgesellschaft, von der wir so gern schwafeln? Dann müssen wir den Mut finden, auf den Terror andere Antworten zu geben, als nur dessen Nachahmung in Form von Sicherheitspolitik und Repression. Wir müssen der Angst vor dem Nichts den Mut zur Fülle des Lebens entgegenstellen. Dann, liebe Extremisten aller Lager, klappt’s auch mit dem Abendland.

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