It’s the psychology, stupid!

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Die Herausforderung der rechtsstaatlichen Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die dadurch bewirkte Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968.

Von der Politik zur Buchhalterei…

Aber der Reihe nach. Ich habe mein politisches Bewusstsein in den 1990er Jahren entwickelt. Es war eine Zeit, in der zwei Primaten miteinander kämpften, aber nur sehr kurz. Und nein, denken Sie jetzt nicht zu bildlich und emotional, etwa an Affen, sondern ganz sächlich und neutral. Das eine Primat, das der Ökonomie nämlich, besiegte schon bald ziemlich umfassend das andere, das der Politik. Denn irgendwie schien es in den neunziger Jahren und lange Zeit danach vor allem und manchmal nur noch ums Geld zu gehen, selbst dort, wo es zuvor kaum eine Rolle spielte. Und Bill Clinton gewann mit seinem Wahlspruch „It’s the economy, stupid!“ gleich zweimal hintereinander die Wahlen zum US-Präsidenten.

Aber mit diesem Bekenntnis, dem bald schon die Mehrheit der politisch denkenden Menschen beipflichtete, breitete sich ein eher trister Buchhaltergeist in der gesamten Gesellschaft aus. Und Politik wurde dadurch zu einer ziemlich langweiligen Angelegenheit, weil es oftmals nur noch um die Umsetzung der von Chefökonomen und ihren Buchhaltern ausgegebenen Handlungsempfehlungen zu gehen schien.

Spätestens den Rest der Geschichte kennen wir alle: Mit dem Börsencrash im Jahr 2008 begann ein Jahrzehnt der Krisen, das immer größere Unzufriedenheit mit den Parteien, den (politischen) Eliten und bei nicht wenigen auch ‚dem System‘ oder ‚der Demokratie‘ mit sich brachte. Viele sind enttäuscht, nicht wenige frustriert und manche äußern ihren Unmut laut und deutlich. Und in manchen Fällen ist es in der Tat angemessen, von Pöblern und Hetzern zu sprechen. Die Debatten über Politik sind jedenfalls hitziger geworden, und überall sind plötzlich Emotionen im Spiel, nicht selten negative wie Angst, Wut und Hass.

…zur (Re)emotionalisierung von Politik

Die Gefühle, sie sind wieder zurück auf der politischen Bühne. Aber vielleicht ist das gar nicht so schlecht und fatal, wie es vielen im Augenblick erscheint. Vielleicht liegt in dieser Emotionalisierung von Politik auch eine Chance. Eine Chance zur Belebung und Erneuerung unserer Demokrate.

Gehen wir doch einmal die Gründe und Ursachen durch, die uns in Deutschland allmählich weggeführt haben von den hitzigen Debatten der 1960er und 70er Jahre zum vergleichsweise neutralen, ruhigen und teilweise schon einschläfernd langweiligen Diskussionsklima der 90er und 2000er Jahre. Ein wichtiger Faktor der jüngeren Zeit war dabei ganz offensichtlich die von vielen geteilte Ansicht Bill Clintons und die daraus erwachsene Überzeugung, dass Politik am besten von ökonomisch versierten Experten gemacht werden müsse.

Der jetzige Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, verkörpert nahezu idealtypisch diesen Politikertypus. Er wirkt weniger wie ein Volksvertreter als der Chefvolkswirt einer mächtigen Bank. Und es scheint ihm auch nicht besonders wichtig zu sein, dass seine Argumente von allen verstanden werden, solange er sie nur für die klügeren hält. Dass diese Art Politik zu machen kein Höhepunkt demokratischer Kultur ist, darüber sind sich mittlerweile viele einig.

Es ist ja nicht nur so, dass es einigen schlichten ‚Populisten‘ nicht in den Kram passt, wenn Männer oder gar Frauen, die wahrscheinlich klüger sind als sie selbst, die Geschicke eines Landes oder eines ganzen Kontinents mit ihrem Expertenwissen bestimmen. Nein, es gibt auch handfeste, demokratietheoretische Einwände gegen diese Form einer Expertokratie. In Bezug auf die EU und ihre ‚Euro-Rettungspolitik‘ hat zum Beispiel der umstürzlerischen Gedanken ziemlich unverdächtige, renommierte Politikwissenschaftler Fritz Scharpf kritisiert, dass manche Formen der Entscheidungsfindung in der EU-Politik reichlich undemokratisch daherkommen.

Sometimes, economists are stupid!

Dazu kommt ja noch, dass die Expertise, auf die sich Politik hier stützt, um entlang mal mehr, mal weniger demokratischer Maßstäbe Entscheidungen zu fällen und umzusetzen, eine recht einseitige ist. Mehr und mehr zeigt sich, dass sich in der Volkswirtschaftslehre, die ja bis heute als Basis vieler politischer Entscheidungen herangezogen wird, eine ungute methodische Eingleisigkeit etabliert hat, die dazu neigt, die Wirklichkeit in Modelle zu pressen, die viel zu eng sind für die Realität. Eine wachsende Bewegung von Ökonomen, die sich für eine vielfältigere Betrachtung der Zusammenhänge einsetzt, kritisiert das zurecht.

Der Verweis auf ökonomische Sachzwänge ist also ein wichtiger Grund, warum politische Debatten heutzutage manchmal so blutleer sind: Es gibt immer schon ein Mathegenie im Hintergrund, das zumindest glaubt zu wissen, wie die Entscheidungen zu fällen sind. Aber die vielfältigen praktischen und (demokratie)theoretischen Widersprüche dieser Perspektive auf Politik sprechen dagegen, dass wir ausgerechnet deshalb auf kontroverse und bisweilen auch hitzige Debatten über (Wirtschafts-)politik verzichten sollten. Das Primat der Ökonomie hat die Politik in vielen Bereichen zwar ausgetrocknet und auch etwas wirklichkeitsfern gemacht. Aber das ist eben nur ein struktureller Grund für die Nüchternheit und Eintönigkeit vieler politischer Debatten – und nicht etwa ein gutes Argument dafür, dass wir auch in Zukunft ausschließlich so über Politik diskutieren sollten.

Die für mittlerweile viele Bürger sehr unbefriedigende Situation, dass politische Debatten immer öfter in den sogenannten Hinterzimmern ökonomisch geschulter Politiker und ihrer Berater geführt werden, weil es ihnen nicht ratsam erscheint, normale, mehr oder weniger ungebildete Menschen daran zu beteiligen, wird nun natürlich von extremistischen Politikern und ihren Parteien ausgenutzt. Und während etwa die ‚Euro-Rettungspolitik‘ eines Jeroen Dijsselbloem geradezu aseptisch daherkommt und nur mit Zahlen und schwer verständlichen Formeln für sich wirbt, strotzen die Reden und Verlautbarungen der sogenannten Populisten nur so vor Emotion. Und wir alle wissen: Nur sehr selten setzen sie dabei auf positive Gefühle. Meistens machen sie sich auf die eine oder andere Weise Angst, Wut und Hass zu Nutze, um Unterstützung und Stimmen zu gewinnen.

Das ist alles andere als erfreulich. Es ist sogar brandgefährlich. Und hier kommen wir zum zweiten, weitaus besseren Argument, warum Gefühle vielleicht doch keine so große Rolle spielen sollten, im politischen Leben. Es wird immer wieder und regelmäßig vorgebracht, vor allem von Angehörigen der älteren Generation und es lautet, stark verkürzt: Der Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg und der Massenmord an Millionen von Menschen sind entstanden aus einem kollektiven Gefühlstaumel vor allem der Deutschen. Statt sich besonnen und nüchtern mit den politischen Herausforderungen der Weimarer Zeit auseinanderzusetzen, setzten die Menschen in den 1930er Jahren auf die emotionale Karte und begaben sich damit schnurstracks ins tiefste Unrecht und schließlich in den Untergang.

Emotion und Politik – eine bisweilen hochexplosive Mischung

Dieses Argument wiegt schwer, und auch wenn Historiker immer wieder auch auf die nicht zu vernachlässigenden ökonomischen Ursachen des Erfolgs der Nationalsozialisten hingewiesen haben (Bill Clinton lässt grüßen!), ändert das nichts an der Richtigkeit dieses Arguments. Die Verbindung von Emotionen und Politik ist stets eine energiegeladene Mischung – und bisweilen erweist sie sich als hochexplosiv. Ist es angesichts solcher Katastrophen historisch einmaligen Ausmaßes nicht tatsächlich richtig, ja unweigerlich geboten, Gefühle – soweit das nur irgend möglich ist – stets aus der Politik heraus zu halten?

Das Problem ist knifflig. Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen, so steht es schon bei den griechischen Philosophen, und daran könnten wir uns halten. Debatten über die Einseitigkeit einer in Teilen durch Ökonomen gelenkten Demokratie können wir auch mit rationalen Argumenten führen und auch Diskussionen über die Angemessenheit und das gewünschte Ausmaß von Einwanderung – oder?

Nur: Der Mensch ist auch ein emotionales Wesen. Wir leben, wir lieben, wir fürchten, wir hoffen und manchmal hassen wir auch. Wenn wir die Emotionen nicht aus unserem Leben verbannen wollen, dann müssten wir, für eine möglichst emotionslose Politik, die Politik aus einem Teil unseres Lebens verbannen. Und ist es nicht genau das, was gerade geschieht, in schönster Arbeitsteilung natürlich? Viele politisch verantwortungsvolle Positionen werden heute von Menschen ausgefüllt, die möglichst wenige Emotionen zeigen, ja möglicherweise kaum Emotionen erleben. Siehe Jeroen Dijsselbloem, siehe Angela Merkel. Übermäßig emotional auftretende Charaktere werden als unprofessionell und unmöglich gebrandmarkt, oder jedenfalls als Menschen mit populistischen Tendenzen. Nicht nur Donald Trump, sondern auch Horst Seehofer und sogar (von unterschiedlichen Seiten des politischen Spektrums natürlich) Martin Schulz und Christian Lindner.

Sind wir nicht alle ein bisschen populistisch?

Dieweil leben viele Menschen ihr ganz normales Leben. Sie lachen, sie weinen, sie fürchten und hoffen und manche, zum Glück nur wenige von ihnen, leben nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihren Hass gegen andere frei aus. Die große, die richtige Politik scheint in diesem Leben kaum vorzukommen, denn Politik ist ja eine Aufgabe der Vernunft, und somit gefasster, gebildeter Leute. Ein kleines bisschen erinnert das – wie so manches in unserer merkwürdigen Zeit – an die Welt des dystopischen Romans 1984 von George Orwell. Darin leben die proles, die Angehörigen einer ungebildeten Unterschicht ein relativ freies, jedenfalls lebendiges Leben. Von der großen Politik des Einparteienstaats bekommen sie allerdings sehr wenig mit. Sie sind der Spielball einer politischen Elite, die – gefangen in ihrer unmenschlichen, hyperrationalen Ideologie – auf fast alle Regungen menschlichen Lebens verzichten muss. Weil die Ratio des Systems es so von ihr verlangt.

So weit ist es, das kann man bei der Betrachtung der Realität dann doch erleichtert feststellen, bei uns zum Glück noch nicht. Aber wohin steuert eine Gesellschaft, die in einer so wichtigen Angelegenheit wie der Politik, die die Römer zurecht als res publica, als Angelegenheit aller bezeichneten, keine Gefühle mehr zulässt? In eine unmenschliche Zukunft, darauf können Sie wetten! Nein, die Aussonderung der Emotion aus dem Kosmos der Politik ist keine Option, die wir wirklich anstreben sollten. Der Preis wäre zu hoch – und schon jetzt zeigt sich in Ansätzen, wie hoch.

Wenn Sie aber zu denjenigen gehören, die auf wissenschaftlich belegte Argumente mehr geben als auf den gesunden Menschenverstand und die lebendige Phantasie, dann habe ich einen Hinweis für sie. Schauen Sie doch einmal in das 2016 erschienene Buch „Resonanz“ des Soziologen Hartmut Rosa. Und lesen Sie dort nach, warum wir modernen und aufgeklärten Menschen einfach nicht davon loskommen, auch und gerade in den nüchternsten und vernünftigsten Umwelten nach emotionalem und sinnlichem Widerhall zu suchen. Und warum sich dieses Bedürfnis nach Resonanz sogar auf die Demokratie ausdehnt und dazu führt, dass wir sehnsüchtig nach einer Politik dürsten, in der wir etwas von uns selbst wiederfinden können. Und sei es die destruktive Wirkung unserer Stimme bei einem der Regierung unangenehmem Referendum.

Politik ohne Emotionen? Kaum denkbar.

Und diesen Zusammenhang hat Rosa übrigens nicht erfunden. Auch Hannah Arendt, die große Philosophin der Nachkriegszeit, hat ihn beschrieben in ihren Ausführungen über Politik und Demokratie. Politik, sagt sie, muss man sich aneigenen können. Sonst bleibt sie anonym und unpersönlich. Und wie bitte, eigne ich mir etwas an, wenn ich darin nicht vorkommen darf, als denkender und fühlender Mensch? Das hat noch keiner geschafft. Bei Licht betrachtet sind die Argumente derjenigen, die angesichts von Krieg und kollektivem Wahn vor zu viel Gefühl in der Politik warnen auch ziemlich emotional: Sie gründen sich auf die zutiefst erschreckende Erfahrung einer totalitären und brutalen Epoche. Es verwundert nicht, dass wiederum Menschen, die diese emotional einschneidende Erfahrung nicht aus nächster Nähe mitgemacht haben, manchmal Schwierigkeiten haben, die tiefe Berechtigung dieser Warnungen zu begreifen.

Und somit trifft auf alle politische Angelegenheiten nicht nur der oft treffende, aber eben zu einseitige Wahlspruch Bill Clintons zu, sondern auch eine gänzlich andere Erkenntnis:
It’s the psychology, stupid!

Und mit ihr verhält es sich ganz ähnlich: Auch diese Einsicht ist eine bisweilen unbequeme Wahrheit, mit der wir uns besser vertraut machen sollten, wenn wir nicht hinterrücks und böse von ihr überrascht werden wollen. Ist sie aber nur das, eine unbequeme Wahrheit? Nein, diese Einsicht eröffnet auch Potenziale, die wir nicht ungenutzt lassen sollten!

Es ist ja so: Ebenso, wie die Ökonomie nunmal zum menschlichen Leben dazu gehört, sobald eine Gesellschaft nicht nur von der Hand in den Mund leben und ihr Überleben komplett vom Zufall abhängig machen will, so ist es auch mit der Psychologie. Sie spielt bereits überall dort eine Rolle, wo Menschen auch nur in kleinen Gruppen zusammenleben. Und natürlich lohnt es sich, Gedanken darüber zu entwickeln, wie eine kluge Psychologie für eine moderne Demokratie aussehen könnte, genau so wie es sich lohnt, über Wirtschaftspolitik zu streiten und unermüdlich nach den besten Ansätzen zu suchen.

Denn wie der Erfolg der sozialen Martwirtschaft mindestens bis zum Ende des Kalten Krieges gezeigt hat, lohnt es sich ganz gewaltig, nach guten, nach besseren Konzepten der Gestaltung von Gesellschaft zu suchen, statt sich vor den Herausforderungen furchtsam zurückzuziehen. Warum soll eine Gestaltung der Gesellschaft aus psychologischer Sicht, die es in guten wie in schlechten Ansätzen ja lange schon gibt – nur meistens wenig durchdacht und nicht selten in manipulativer Absicht – nicht eines Tages zu ähnlichen Erfolgen gelangen?

Die psychologischen Potenziale der Gesellschaft erschließen

Der Psychologe und Philosoph Erich Fromm, der übrigens auch ein Zeitzeuge von NS-Terror und Zweitem Weltkrieg war, wurde niemals müde in seinen zahlreichen Büchern, die so vielversprechende Titel tragen wie The Sane Society (für deutsche Pessimisten übersetzt als: Auswege aus einer kranken Gesellschaft) oder Die Kunst des Liebens, die Entwicklungspotenziale einer Gesellschaft aufzuzeigen, die sich die eigenen psychologischen Herausforderungen und Chancen bewusst macht. Und wenn wir heute diesen Faden wieder aufnehmen wollen, müssen wir dabei vielleicht gar nicht ganz so grundsätzlich werden wie Erich Fromm.

Für den Anfang würde es jedenfalls ausreichen, uns darüber Gedanken zu machen, wie wir unsere Demokratie so gestalten können, dass in ihr seltener die negativen, die destruktiven Emotionen ins öffentliche Leben eingreifen und weitaus häufiger die positiven und konstruktiven. Die erfolgreiche Kandidatur Emmanuel Macrons als französischer Präsident ist ein Beispiel für eine solche Aktivierung und natürlich auch Instrumentalisierung positiver Emotionen. Der zweimalige Wahlerfolg Barack Obamas war ein anderes. Aber an der dramatischen Entwicklung in den USA sieht man auch, dass eine solche positive Emotionalisierung von oben sicher nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann, zumal in Demokratien mit sehr aktiven Zivilgesellschaften.

Hier bieten sich nämlich ganz andere Optionen, als wie ein verzagter Backfisch auf den glorreichen Retter zu warten. Wir können nach Formen der Beteiligung und politischen Entscheidungsfindung suchen, die positive Emotionen nicht nur aufrufen, sondern sogar selbst produzieren. Weil Menschen in ihrem Engagement und ihrer Wirkung merken, dass da ein Teil von ihnen selbst zu Politik wird. Das aber setzt natürlich voraus – so viel Ehrlichkeit ist unbedingt nötig –, dass Bürger nicht nur konsultiert werden, wenn es gerade passt. Sondern, dass sie überall dort, wo ihre Mitwirkung möglich und irgend sinnvoll ist, aktiv eingebunden werden – als Entscheidende und Gestaltende, nicht nur als Abnicker. Das geschieht heute bereits in unzähligen, erfolgreichen Formaten der Bürgerbeteiligung – auch wenn es immer noch ausreichend Gegenbeispiele gibt, die manchen den Eindruck vermitteln, Politik bleibe eben doch für immer eine Angelegenheit von ‚denen da oben‘.

Und selbstverständlich müssen wir, damit solche noch relativ jungen Formen der Beteiligung ebenso wie die etablierten Formen der Wahl und der parlamentarischen Debatte, wirklich positive, konstruktive emotionale Erfahrungen produzieren können, an unserer Kommunikation arbeiten. Denn natürlich sind weder unflätige Pöbeleien noch besserwisserische Zurechtweisungen der Gipfelpunkt einer klugen, demokratischen Debattenkultur. Welche Optionen uns hier zur Verfügung stehen, das kann man z.B. hier und hier in Papieren unseres denkzentrum|demokratie nachlesen.

Was aber sind die mittel- und langfristigen Potenziale, die ein bewusster und kluger Umgang mit den psychischen Herausforderungen moderner Demokratien erschließen kann? Da kann sich die Politik – wie in den 1990ern, aber hoffentlich diesmal mit etwas weniger Überschwang und mehr Überlegung – übrigens auch einiges aus der Wirtschaft abschauen. Dort nämlich fängt man gerade an zu verstehen, wie ungeheuer kreativ und innovativ Teams und ganze Unternehmen arbeiten, wenn sie auf das zurückgreifen können, was man so leichthin intrinsische Motivation nennt. Die ist selbstverständlich nicht immer umsonst zu haben, und manchmal kann es eine Weile dauern, bis alle verstanden haben, dass ein derart innerliches Feuer eben nicht auf Kommando und von außen zu entfachen ist.

Aber stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der Menschen gerne Steuern zahlen, weil sie bewusst zu deren positiver Entwicklung beitragen wollen. Stellen sie sich eine Stadt vor, in der Menschen, statt achtlos ihren Müll fallen zu lassen, Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen und anfangen, Bäume zu pflanzen und Plätze umzugestalten. Gibt es alles schon, irgendwo? Na dann, multiplizieren Sie das Ganze mit 10 oder 20 – und da wären wir, in einer munteren und bunten Zivilgesellschafts-Demokratie, die von unzähligen Menschen deshalb gestaltet und gepflegt wird, weil sie Freude daran empfinden und aktiven Anteil nehmen an der res publica.

Und jetzt hätte ich noch eine Bitte: Behalten sie dieses Bild im Kopf und radieren Sie einmal alle Gefühle aus.

Ziemlich trist jetzt, oder?

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2 Gedanken zu “It’s the psychology, stupid!

  1. In Wolkenkuckucksheim Sie leben tun.

    Schreiben Sie tun: „….. sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968.“ Das großes AUA im Bauch machen, wenn AfD werden so erfolgreich wie APO sein.

    Kap!tal!smus das Problem sein, dieser überwunden werden müssen, wie damals Staatskap!tal!smus im Osten geworden. M!sthaufen der Gesch!chte rufen schon.

    Räteprinzip (= imperatives Mandat = intrinsische Gesellschaft) sein werden Evolution von Demokratur.
    (Nichts zu tun haben mit „Rätekommunismus“ & „Rätedemokratie“!!!)

    ARTE: Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Teil 1

    ARTE: Kein Gott, kein Herr! Eine kleine Geschichte der Anarchie Teil 2

  2. Drei Anmerkungen zu Ihrem Kommentar:
    1.) Auch die linksgerichtete APO der 1960er und 70er Jahre wies extremistische und gewalttätige Tendenzen auf, die alles andere als menschenfreundlich waren (Teile davon führten zur Entstehung der RAF). In einer gemeinsamen Anstrengung der Zivilgesellschaft gelang es aber, Veränderungsmut und Veränderungswut so zu kanalisieren, dass sie konstruktiv und überwiegend positiv die Gesellschaft verändern konnten. Für einen differenzierten Blick auf diese Epoche empfehle ich Götz Alys Buch: „Unser Kampf“.
    2.) Auch Sie scheinen davon auszugehen, dass es letzten Endes nur die Strukuren von Gesellschaft und Organisationen sind, die über ein Gelingen bzw. Misslingen menschlichen Zusammenlebens entscheiden, nach dem Motto: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich glaube das nicht. Es kommt eben nicht nur auf die Wirtschaft und die richtige Verteilung von Besitz an. Durch Umverteilung von Geld entsteht nicht automatisch gesellschaftlicher Zusammenhalt, wie zum Beispiel die Geschichte der DDR gezeigt hat.
    3.) Und auch die Geschichte des Anarchismus, den Sie offenbar für eine beispielhafte Ideologie halten, liefert ziemlich offensichtliche Hinweise, dass es keine gute Idee ist, psychologische Faktoren gering zu schätzen. Macht und Herrschaft, die der Anarchismus zurecht als problematische Phänomene kritisiert, sind komplex. Auch und gerade dort, wo es keine ordnenden Strukturen gibt (z.B. in selbst organisierten Projekten, in Wohngemeinschaften ohne verbindliche Verhaltensregeln, in der antiautoritären Erziehung von Kindern etc.) stellen sich sehr schnell Machtverhältnisse und Formen der Unterdrückung ein. Die können dann sehr destruktiv wirken und alle humanen Zielsetzungen über den Haufen werfen. Und am Ende werden wir wieder feststellen: It’s the psychology, stupid!

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