Bedingungen demokratischer Wirkmacht

Wie können wir lernen, uns politisch mehr zuzutrauen? Dafür braucht es ein breites Zusammenspiel von Bildungseinrichtungen, Zivilgesellschaft und individueller Selbstverpflichtung

Von Regina König

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Früh übt sich! Demokratie und Partizipation können und sollten schon in der Schule gelernt werden


Vor Kurzem
forderte an dieser Stelle Ardalan Ibrahim dazu auf, uns politisch „mehr zuzutrauen als auch mehr abzuverlangen“, da unser aller Beteiligung die „Daseinsbedingung“ der Demokratie darstelle. Als politisch interessierte, aber bisher eher wenig aktiv engagierte Person möchte ich im Folgenden der meines Erachtens nicht trivialen Frage nachgehen, wie wir lernen können, uns politisch „mehr zuzutrauen“. Dazu möchte ich einerseits auf uns als individuell Handelnde schauen und andererseits überlegen, welche sozialen und institutionellen Rahmenbedingungen dafür nötig sind.

Die Fragen nach dem Zutrauen in uns selbst erscheint deshalb wichtig, weil die Erwartung eine Handlung erfolgreich durchführen und ein Ziel erreichen zu können eine grundlegende Voraussetzung für unsere Motivation zu handeln darstellt. In das Erreichen eines Ziels, das nicht erreichbar scheint, werden wir keine Energie stecken. Wenn wir also das Gefühl haben, unsere Stimme würde nicht gehört und unser Tun könne keine Veränderung bewirken, werden wir es vermutlich gar nicht erst versuchen.

Ein Begriff, der für mich zentrale Bedeutung hat, sobald Fragen von aktivem, zielgerichtetem Handeln und individueller Wirkmacht diskutiert werden, ist Agency. Das Online-Wörterbuch von Merriam-Webster definiert den Begriff unter anderem als die Möglichkeit oder den Zustand einer Machtausübung. In der Soziologie wird der Begriff oft in Abgrenzung zu den äußeren Faktoren (wie etwa kulturellen Normen) genutzt, die die Entscheidungsfreiheit und Wirkmacht von Individuen beeinflussen oder einschränken. In der Psychologie bezieht sich der Begriff mehr auf die Wahrnehmung der eigenen Handlungs- und Wirkmacht. Agency bezieht sich also auf die Frage danach, ob ich eine zielgerichtete Handlung erfolgreich durchführen und damit mein Ziel erreichen kann.

Bezogen auf demokratische Partizipation ließe sich Agency beispielsweise folgendermaßen auslegen: Sehe ich mich dazu in der Lage, mich an politischen Diskussionen zu beteiligen (z.B. ohne Angst vor einem möglichen Gesichtsverlust) und denke ich, dass meine Beteiligung an der Diskussion politische bzw. gesellschaftliche Veränderungen bewirken kann, die mir wichtig sind? Um beide Fragen mit einem überzeugten Ja beantworten zu können, ist es meiner Meinung nach unerlässlich, so früh und so oft wie möglich positive Erfahrungen zu sammeln, die die eigene Wirkmacht bestätigen.

Erfahrungsräume bieten

Diese Erfahrungsräume zu bieten, muss Aufgabe der Gesellschaft sein und durch die Politik unterstützt werden. Besonders denke ich hier an die klassischen Sozialisierungsinstitutionen wie Schulen und Universitäten. In Universitäten wird die Partizipation in Diskussion und Entscheidungsfindung etwa über Senate und Fakultätsräte organisiert, in denen sowohl die Studierenden als auch die Mitarbeitenden ein Stimmrecht besitzen. Dass dies auch schon für und mit Kindern funktionieren kann, zeigen Schulen wie die Neue Schule Hamburg.

Aber auch außerhalb klassischer Bildungsinstitutionen kann und sollte demokratische Partizipation geübt und gelebt werden. Jeder Verein, jede Initiative, jeder noch so lockere Zusammenschluss von Menschen mit einem gemeinsamen Interesse kann als Erfahrungsraum dienen: Hier können unter Gleichgesinnten Argumente getauscht und kritisch überdacht werden. Eva Erman schlägt vor, solche zivilgesellschaftlichen Institutionen als politische Akteurinnen ernst zu nehmen, da gerade in ihnen das Potential schlummert, Personengruppen Gehör zu verschaffen, die sonst wenig gehört werden.

Als Alternative zur Mitbestimmung über Wähler_innenstimmen, nennt Erman die Möglichkeit einer möglichst vollständigen und gleichwertigen Repräsentation der in den verschiedenen Interessengruppen vertretenen Argumente im Prozess der Entscheidungsfindung. Durch Diskutieren und Abwägen dieser Argumente müsste gemeinsam ein Konsens gefunden und rechtlich bindende Entscheidungen gefällt werden. Aufgabe der zivilgesellschaftlichen Institutionen wäre es, Argumente zu entwickeln und zu prüfen, sowie Interessenvertreter_innen zu wählen und sie für die Erfüllung ihrer Pflichten zur Verantwortung zu ziehen. Um dies zu realisieren, betont Erman, müsse jedoch einerseits deren gleichwertige Teilhabe und Stimme in der politischen Entscheidungsfindung gewährleistet werden. Andererseits sei es aber ebenfalls unabdinglich, dass alle Interessengruppen auch bereit sind, sich aktiv zu beteiligen.

Daran wird deutlich, dass democratic agency, im Sinne tatsächlicher Wirkmacht innerhalb demokratischer Entscheidungsfindungen, nicht ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen möglich ist. Gleichzeitig aber nützen auch die besten Rahmenbedingungen nichts, wenn wir uns nicht dazu verpflichtet fühlen, uns aktiv zu beteiligen und uns mehr „abzuverlangen“.


Regina König ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pädagogische Psychologie der Universität Duisburg-Essen. Nach einer Berufsausbildung und Tätigkeit als Ergotherapeutin hat sie anschließend Gender & Diversity Studies sowie Wirtschaftspsychologie studiert und würde sich selbst als Queer-Feministin und Humanistin bezeichnen. Sie interessiert sich besonders für individuelle und systembedingte Determinanten sozialer Ungleichheit, die sich auch im Grad der demokratischen Teilhabe verschiedener sozialer Gruppen widerspiegelt.

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