Fußball als Kulturfrage

Sehr viele Menschen stehen dem internationalen Fußballverband FIFA kritisch gegenüber, dessen WM gucken sie trotzdem. Wie geht das zusammen?

Von Martin Michaelis

Stadion Rio de Janeiro WM 2014
80.000 passen rein, doppelt so viele wurden umgesiedelt: das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro während der WM 2014 in Brasilien – Wikimedia (CC BY 2.0)

Wenn wir eine andere Kultur wollen, fangen wir doch am besten gleich mit uns selbst an. Wenn nicht, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass die große Mehrheit der Menschen auf der Welt morgens mit guten Vorsätzen aufsteht, meint das Richtige zu tun, aber die Welt gefühlt trotzdem am Abgrund steht. 

Ich werde häufiger gefragt, wie wir eine neue, menschenfreundliche und der Welt dienliche Kultur in Organisationen und anderen, auch politischen Systemen unterstützen können, „da das doch relativ schwierig sei“.  Meine Gegenfrage lautet dann meist: Was tust du, und was nicht, um diese Kultur gerade zu unterstützen? Und was bist du bereit, für eine Veränderung zu opfern? In meinem Fall ist das gerade die laufende Fußballweltmeisterschaft in Russland, die ich vermeide, weil sie eine Kultur und ein System unterstützt, das der Welt, wie ich sie möchte, nicht dient.  

Ich will nicht falsch verstanden werden. Ich bin Fußballfan, ich habe jede Welt- und Europameisterschaft seit 1990 gesehen. Auch dieses Jahr würde ich gerne gucken, aber etwas hält mich zurück. Das ist die Frage, was ich dabei unterstütze, wenn ich „die (deutsche) Mannschaft“ und andere Länder und Begegnungen schaue. Und dann kommt die Frage: Möchte ich das unterstützen?! 

Der bewusste Umgang mit der WM  eine Kulturfrage 

Nun, was unterstütze ich eigentlich mit der WM? Da kommt mir spontan erstmal ein „Verein“ in den Sinn, dem ich sehr kritisch gegenüber eingestellt bin: die FIFA. Da ist zum einen meine persönliche Abneigung, dass es der FIFA mehr um Geld als um den Sport Fußball selbst geht. Anders ist zumindest die WM-Vergabe 2022 in den Wüstenstaat Katar, nicht gerade als Fußballmutterland bekannt, nicht zu erklären.  

Zum anderen wird immer klarer, dass die selbst ernannte „FIFA-Familie“ ein Netz von Korruption, Bestechungen, Vetternwirtschaft, Nötigung und Manipulation ist. Das kommt nicht erst seit den Ermittlungen gegen den ehemaligen Vorsitzenden Blatter oder dem Enthüllungsbuch Fifa-Mafia des langjährigen Sportjournalisten Thomas Kistner auch in der Öffentlichkeit an. Dass sie trotz ihrer Milliardenumsätze, aufgrund ihrer Schweizer Vereinsregistrierung, nur in geringem Maße Steuern zahlt, ist da ja nur die Spitze des Eisbergs.  

Neben der Vielzahl von Indizien für kriminelle Machenschaften der FIFA spüren und fühlen ja auch immer mehr Menschen, dass bei diesen Sportveranstaltungen wie der WM im großen Maße etwas nicht stimmt. Stadien werden neu gebaut an Orten, von denen vorher Menschen umgesiedelt wurden (in Brasilien geschätzt mehr als 150.000 Menschen), ohne Pläne für danach zu haben. Länder verschulden sich, aber akute Probleme der Menschen werden stattdessen nicht angegangen. Das führte in Brasilien im Vorfeld der WM 2014 zu erheblichen Spannungen in der Bevölkerung.   

Aber trotz dieser Vielzahl von Gründen, diese Ereignisse nicht zu unterstützen, verfolgen und gucken wir trotzdem deren Spiele. Wir geben trotzdem Geld dafür aus, und wir geben trotzdem unsere Energie weiter. Weil natürlich auch Positives mit der WM verbunden ist. Fremde Menschen kommen zusammen, sie feiern öffentlich und gemeinsam, lernen sich kennen, das unterstützt die dringend benötigte Völkerverständigung. Und natürlich bringt es vielen Menschen Spaß, Fußball zu schauen, sich abzulenken und dabei zu entspannen, oder anzuspannen und Gefühle rauszulassen. 

Aber ist es das wert, diese Organisation und die damit verbundenen Werte und Kultur zu unterstützen?  

Der Effekt „das geht gar nicht, aber irgendwie halt doch“

Dieser Effekt, das „geht gar nicht“, aber irgendwie halt doch und „eigentlich gar nicht so schlimm“, wenn ich mich dafür ändern müsste oder etwas weglassen müsste (ein Opfer bringen), dem begegne ich häufiger. Im Alltag bei Kaufentscheidungen von Handys, Fleisch oder Klamotten, bei Wahlentscheidungen in der Politik, und in Organisationen häufig im Umgang mit und der Vermeidung von Konflikten. Dabei ist zu differenzieren: Dem bewussten Entscheidungsprozess für etwas (Fußballschauen), und damit gegen etwas anderes (Unterstützung der FIFA), liegt eine (konkludente) Werteanalyse zugrunde, nach der das eine wertiger/wichtiger als das andere ist.  

Häufig erscheint der Entscheidungsprozess aber nicht wirklich bewusst zu sein, es erscheint eher als eine Art müder Ignoranz durch mögliche Überforderung im Alltag. Nach dem Motto „ich weiß zwar, da hängt viel Dreck dran, aber lieber nicht mehr weiter darüber nachdenken“. „Zum Glück“ sind die Folgen des „Ignorierens“ auch nicht gleich fühlbar, das erleichtert einiges. Denn meine persönliche Unterstützung der FIFA im Moment des Guckens hat keine direkt fühlbaren Konsequenzen. Aber sie bleibt eine Unterstützungsleistung einer Kultur, die aus meiner Sicht der Erde nicht guttut und andere Menschen schädigt.   

Die Abwägung „ich und das große Ganze“ hilft 

Was lässt sich nun tun, wenn ich in eine solche Abwägungskrise komme? Also mir bewusst ist, dass mein Spaß an anderer Stelle mich und andere viel kostet, oder ich zumindest etwas unterstütze, hinter dem ich nicht stehe? 

Ich kann mich daran orientieren, was ich zum Wohl des Großen und Ganzen, vielleicht der Erde und der sie bewohnenden Lebewesen beitragen kann. Wenn das mein Kriterium bildet, kann die Abwägung relativ einfach erfolgen. Denn Spaß und Völkerverständigung ist ja auch anders relativ einfach möglich, nur die Stärkung der FIFA, das dient der Erde und den Menschen ja mal so gar nicht.  

Wenn wir eine Vorstellung davon haben, welche Kultur wir leben möchten, dann sind die wichtigen Schritte die ganz kleinen: Was möchte ich vor allem nicht mehr unterstützen? Und was mache ich anders, welche Alternativen biete ich stattdessen an? Kultur zu verändern, weil die so nicht mehr stimmt, weil sie nicht zukunftsträchtig ist, weil sie kontrolliert und nicht kreiert, weil sie Misstrauen unterstützt, statt Menschen zu verbinden: Das ist eine Frage der Bewusstmachung, und danach zu handeln, setzt eine Entscheidung voraus, es wirklich zu wollen. 

Motivation: Was können wir tun? 

Was kann uns motivieren, konsequent das zu unterstützen, was wir wollen, und das andere nicht mehr? Vielleicht, wenn wir uns vorstellen, was wäre, wenn die WM stattfindet, und keiner guckt hin? Was würden Sponsoren sagen, was die TV-Sender, wenn die Einschaltquote bei einem Deutschland-Spiel einsackt?  

Was wäre eigentlich, wenn die Stadien leer blieben, weil selbst Free-Tickets nicht benutzt werden. Was, wenn selbst die Hooligans zu Hause blieben, und die russischen Hooligans sich weiter mit sich selbst beschäftigen müssten? Was wäre, wenn wir uns einfach umdrehen, und sagen: „Das will ich nicht – spielt, aber ich nehme nicht teil“. Ich gehe stattdessen zum Spiel meiner Kinder oder kicke selbst. Oder grille und spiele Wikinger-Schach im Park. Also wenn ich das Schöne daran mitmache, aber das Hässliche weglasse? Geht das? Und wäre es nicht ermutigend? 

Ich möchte keinem sagen, gucke nicht WM. Ich möchte sagen: Wenn du WM gucken möchtest, dann bloß los – aber vielleicht bist du dir dabei bewusst, was da so alles mit verbunden ist, wen du damit auch unterstützt, und wen vor allem nicht. Also nach dem Motto: „Mach weiter wie bisher, aber schau dir dabei zu und gucke nicht weg!“ Und wenn du dir dabei nicht mehr zuschauen kannst, dann hilft der nächste Drink, oder du lässt das nächste Spiel mal weg und machst was anderes. Und vielleicht fragst du dich auch, habe ich heute dem großen Ganzen geholfen? 

Update: Trotz meines Ziels, die WM nicht am Fernseher zu verfolgen, konnte ich ihr nicht ganz ausweichen. Ich habe 20 Minuten des Spiels Deutschland – Schweden verfolgt, 30 Minuten Deutschland – Südkorea, und dem Elfmeterschießen beim Achtelfinale Kolumbien – England konnte ich auch nicht aus dem Weg gehen. 

***

Martin Michaelis ist Systemberater, Mediator und Coach in Berlin. Er war zuvor als politischer Mediator in Krisengebieten in Südosteuropa und im Mittleren Osten tätig. Er hat Jura und Politikwissenschaften in Freiburg und Mainz studiert und ist HSV-Fan.
https://www.martin-michaelis.com/

 

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