Begegnung mit uns selbst

Nach dem Gedenkjahr II: Nicht alles am Erbe von 1968 ist bewahrenswert. Doch in einigem war ’68 erst der Anfang – dem aktuellen autoritären Backlash zum Trotz

Love-not-war
„Make love, not war!“ Die Sensibilität gegenüber Krieg und Gewalt hat mit 1968 stark zugenommen – Bild: Mark Deckers/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Wo in der Menschheitsgeschichte treiben wir uns gerade so rum? In welcher “Epoche” befinden wir uns derzeit? – Ich würde ja sagen: Wir sind mitten in einer Entwicklung. Oder vielleicht genauer: Eher noch an ihrem Anfang. Rückblickend gesehen, mit historischem Abstand tut man sich mit dem Einordnen und Kategorisieren immer sehr viel einfacher. Mit historischem Abstand wird man wahrscheinlich sagen: “2019? Das ist doch keine Frage! Also Frühe Neuzeit war das eindeutig noch nicht. 2019, das war ganz klar Spätmittelalter!”

So wie ein neues menschliches Wesen nur selten nach der ersten Wehe auf diese Erde purzelt, wird auch ein neues Zeitalter nicht gleich im ersten Anlauf geboren. Es sind diese vermeintlichen “Rückschläge”, die die Illusion erzeugen, es ändere sich in der menschlichen Gesellschaft nichts Wesentliches. Es handele sich bei der menschlichen Geschichte um das ewig-immer-gleiche Geschehen, nur in unterschiedlicher Einfärbung und mit austauschbaren Inhalten.

Doch es gibt eben eine – auf längere Sicht – sehr eindeutige und durchaus lineare Entwicklung in menschlichen Gesellschaften: nämlich einen Rückgang von Gewalt, wie etwa Steven Pinker ihn beschreibt. Wenn man sich diese Entwicklung so anschaut, dann können wir z.B. mit recht großer Sicherheit sagen, waren “die 68er” nur leise Vorboten von etwas, das wir uns heute noch gar nicht so richtig vorstellen können. Etwas, das ändert, was wir für “natürlich” halten. Und etwas, das auch ändert, was wir für möglich halten.

Was wir derzeit erleben: Der Backlash des Autoritarismus, und die mit ihm verbundenen Nationalismen und Maskulismen, der kriegerische Ton in unserer politischen Auseinandersetzung – all das erscheint im Licht der menschlichen Gesamtentwicklung einerseits: naheligend, erwartbar, ja, fast schon banal, und andererseits: wie ein Hauch von Nichts. Gut, man braucht einen beinahe schon außerirdischen Abstand von der Erde, um das, was sich derzeit ereignet, als ein “Nichts” zu empfinden. In jedem Fall handelt es sich um eine überhistorische, unmenschliche Perspektive. Doch dass wir als Menschen unweigerlich immer “Mitten im Geschehen” sind, Teil des Spiels anstatt nur Zuschauer, ändert kaum etwas daran, dass wir uns die menschliche Geschichte anschauen und darin so etwas wie eine Richtung erkennen können.

Der „dünne Firnis der Zivilisation“

Natürlich steht weiteren Fortschritten vieles im Weg. Eins davon ist der beliebte Mythos vom “Dünnen Firnis der Zivilisation”. Er wird immer dann ausgepackt und neu erzählt, wenn unsere sehr schön gestiegene Empfindlichkeit nach längerer Zeit mal wieder mit dem konfrontiert ist, wozu wir Menschen unter Umständen fähig sind. Nur Ewiggestrige, die erzählen diesen Mythos immer und überall, unter gleich welchen Umständen. Er hilft ihnen, ein düsteres Weltbild zu konservieren, in dem sich alles für alle Zeit um Kampf, um Gewinnen und Verlieren drehen soll, in dem Menschlichkeit keine eigene Kraft ist, sondern immer nur Show sein kann, die das wahre, grausame Geschehen darunter vernebelt. “Realismus” at its best.

Was dabei eigentlich konserviert werden soll, ist aber vor allem ein ganz bestimmtes Menschenbild: Der Mensch, das ist dort ein rohes, grausames Tier, das mit Müh und Not und immer nur halbwegs gezähmt werden kann. Nur mit aller Kraft und unter vielen Verlusten (wenn wir dauerhaft “die Arschbacken zusammenkneifen” und “uns am Riemen reißen”), dann können wir den nächsten Zusammenbruch der Zivilisation vielleicht ein wenig hinauszögern, der aber ganz unweigerlich kommen wird, sobald wir auch nur ein wenig nachlassen. Die natürliche Brutalität des Menschen ist einfach zu übermächtig. Thukydides lässt schön grüßen.

Dass unsere Sensibilität gegenüber Gewalt deutlich angestiegen ist (was wir als “Gewalt” empfinden, was wir bereit sind zu dulden und wie wir auf sie reagieren), wird dabei immer gerne ausgeblendet. Man muss aber nur ganz oberflächlich in ein paar historische Wälzer hineinschauen, um zu realisieren: Der Maßstab, was wir in dieser Hinsicht für “normal” halten, hat sich offenbar verändert. Und zwar nicht nur mal eben. Sondern kontinuierlich, Backlashes inbegriffen. Eine derart “sensible” Gesellschaft, was Gewalt angeht, wäre für beinahe alle menschlichen Gesellschaften vor uns undenkbar gewesen. Zumindest für diejenigen, aus denen wir hervorgegangen sind. Denn friedlichere menschliche Gesellschaften haben unsere kriegerischen Vorfahren nicht ganz zufälligerweise ausgerottet.

Die Angst vor dem Erschlaffen

Das ist zugleich die Urangst derjenigen unserer Mitmenschen, die auch heute immer noch so gerne vom “dünnen Firnis der Zivilisation” fabulieren: Dass man nachlassen könnte und in der Folge von kriegerischen Gesellen ausgelöscht würde. Weil man sich einfach nicht mehr zu wehren wüsste. Ganz so, wie es über Jahrtausende Menschheitsgeschichte ja auch immer sehr zuverlässig gewesen ist. Unsere lieben Mitbürger “trauen dem Frieden nicht”. Denn historisch lauert hinter jedem Frieden gleich der nächste Krieg. Und darauf muss man eben vorbereitet sein! Wachsam bleiben! lautet die Parole. Und brav die ererbten Kriegertugenden weiterpflegen!

Zugegeben: Manche haben es damit etwas übertrieben. Aber das heißt ja noch lange lange lange nicht, dass an unserem Kriegertum etwas ganz grundverkehrt geworden wäre. Dass wir etwa selber jene Kriege künstlich am Leben halten würden, für die wir jene in jeder Generation mühsam neu erarbeiteten Kriegertugenden dann bitter nötig brauchen. Nein, nein: Es ist so, dass Gewalt einfach die unabänderliche menschliche Natur ist. Und deswegen heißt es: Hart bleiben!

Dass Angst vor dem Erschlaffen überhaupt keinen Sinn machte, wenn Gewalt einfach die unabänderliche menschliche Natur wäre, darüber sehen wir mal großzügig hinweg. Denn dann müsste man das Gewaltreservoir in der Gesellschaft nicht künstlich kultivieren. Dann wäre es immer gegeben. Und man könnte sich entspannt zurücklehnen und der Dinge harren, die da kommen. Denn man wäre “von Natur aus” auch auf das Schlimmste immer vorbereitet.

Der menschliche Drang nach Selbsterkenntnis

Stattdessen ist nun aber tatsächlich eine gewisse Unlust auf Krieg in unsere Gesellschaft eingekehrt. So eine eklige Weichheit und Freude an Austausch und Zusammensein. Und noch viel schlimmer: an “Vermischung”. Die bittere Wahrheit scheint zu sein: 1968 war kein Ausrutscher. Und weder Trump, noch AfD, noch Orban, noch Erdogan, noch Kurz drehen das Rad der Geschichte zurück. 1968 scheint eher ein leiser Anflug von dem gewesen zu sein, was auf uns zukommt: Wir selbst.

Dem Drang menschlicher Wesen nach Selbsterkenntnis scheint sich nichts dauerhaft in den Weg stellen zu können. Er spült alles weg, was wir ihm in den Weg stellen. Zur Not umfließt er es und lässt es hinter sich zurück. Und nicht einmal in der Kontinuität des Laufs unserer Welt können wir Trost finden. Denn die Entwicklung findet nicht kontinuierlich statt. Sie springt eher herum wie ein junges Reh. Sie springt mit uns um, dass uns ganz schwindlig werden muss. Wer auf dem Rücken dieses verrückten Tiers sitzt, kann jedenfalls nur schwer irgendeine Richtung erahnen. Der ist viel zu beschäftigt, sich vor den schlimmsten Stößen zu schützen und seinen wunden Hintern zu kühlen.

Dass wir mittendrin stecken, dass Entwicklung auch immer wieder schmerzhaft sein kann, dass Wohl und Wehen in ihr nah beieinander liegen, scheint dieser Entwicklung vollkommen gleichgültig zu sein. Denn nur weil es mehrere Anläufe braucht, bis ein Kind das Licht der Welt erblickt, heißt das ja nicht, dass Geburt keine Plötzlichkeit kennt.

Just Imagine!

Dieser Text erschien zuerst auf Ardalans Blog What you read is what I’ve felt. Mit dem Erbe von 1968 hat er sich auf demokratiEvolution kürzlich schon einmal auseinandergesetzt.

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