Das Ende vom Ende der Geschichte

Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls wird die Nachwendezeit oft kritisch betrachtet. Hätte das Projekt der liberalen Globalisierung nachhaltigeren Zuspruch bekommen, wäre es sozialer gewesen?

Berliner-Mauer
Am Ende vom Ende kommen Touristen – Bild: Thomas Ulrich/Pixabay (CC0)

Spätestens nach 30 Jahren beginnt die Gegenwart, Geschichte zu werden. Zumindest für den Historiker. Denn dann öffnen sich die Archive und wird die zeitgeschichtliche Forschung überhaupt erst möglich. Aber nach 30 Jahren beginnt auch im Menschenleben eine neue Generation und der Mensch fängt an, sich selbst historisch zu werden. So ist es kein Wunder, dass neben viel Forschungsliteratur rund um den Fall der Berliner Mauer und die deutsche Einheit vor 30 bzw. 29 Jahren gerade auch viele autobiographisch-essayistische Annäherungen an diesen Epochenbruch entstehen. Heute wissen wir, dass mit dem Ende des kalten Kriegs zwischen Kapitalismus und Kommunismus keineswegs auch das Ende der Geschichte eintrat, sondern fürchten vielmehr die Anfänge eines neuen heißen (Bürger-)Kriegs zwischen Kosmopoliten und Kommunitaristen, Gloablisierungsgewinnern und -gegnern, Rechten und Nichtrechten oder zwischen wem auch immer. Angesichts dieser neuen Unübersichtlichkeit gibt es also Anlass genug vor allem für die vermeintlichen Sieger von damals, einen kritischen Blick auf die eigene Geschichte zu werfen.

Bereits im Sommer hat der in Westdeutschland aufgewachsene Historiker Per Leo, der das (vermeintliche) Ende der Geschichte 1989 am (tatsächlichen) Ende der westlichen Welt, in Alaska, verbrachte, in einem Essay im Merkur die endgültige Rückkehr der Geschichte in der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten als das schockhafte Endes einer „Illusion“ erzählt: nämlich der, dass wir trotz allem noch auf einem Weg zu mehr Freiheit und Demokratie seien. Und – es sei nicht verschwiegen – auch der in Westdeutschland aufgewachsene Autor dieser Zeilen, der 1989 kurz vor der Einschulung stand, ist mit einem weiteren Essay in die Debatte eingestiegen (mehr dazu demnächst)

Der ebenfalls in Westdeutschland aufgewachsene Historiker Philipp Ther, der allerdings die „Samtene Revolution“ in der Tschechoslowakei und die Nachwendezeit unter anderem in Polen und der Ukraine miterlebte, hat aus seinem persönlichen Blick auf die Entwicklungen vom „Annus mirabilis“ 1989 zum „Annus horribilis“ 2016 und darüber hinaus nun einen ganzen Essayband gemacht, in dem er Das andere Ende der Geschichte nachzeichnet. Und wenn er auch an Leos stilistische Brillanz nicht ganz heranreichen mag, hat doch auch Ther spätestens 2014 mit seiner Geschichte des neoliberalen Europa unter Beweis gestellt, dass er zugleich spannend und äußerst fundiert Geschichte(n) erzählen kann. Ein kritischer Blick auf die postkommunistischen Transformationsprozesse machte bereits jenes Buch aus. Neu hinzugekommen ist nun die manifeste Bedrohung durch den Rechtsnationalismus, von der die voliegende Essaysammlung ihren Ausgang nimmt.

Das posttrumpatische Stresssyndrom

Der archimedische Punkt für die Geschichte dieser Großen Transformation sind nun auch hier die USA, die seit 2016 gewissermaßen am posttrumpatischen Stresssyndrom leiden. Ther, seit 2018 als Gastprofessor in New York unmittelbar Zeuge dieses Amerikanischen Traumas, stößt nun in einer Manhattaner Buchhandlung zufällig auf einen unverhofften Ariadnefaden im Labyrinth der neoliberalen Transformation in der Wirrnis der Nachwendewelt: und zwar auf Karl Polanyis Klassiker The Great Transformation von 1944. In den 1930ern aus Österreich erst nach England, dann in die USA emigriert, untersuchte Polanyi die Entstehung der kapitalistischen Marktgesellschaften im 19. Jahrhundert, deren zunehmende „Entbettung“ seit dem Ersten Weltkrieg und besonders in den 1930er Jahren zum Zusammenbruch der liberalen Marktgesellschaften im Faschismus führte. Entgegen häufiger Vergleiche der Weltfinanzkrise 2008 mit der von 1929 sind wir aber Ther zufolge ganz so weit noch nicht. Parallelen sieht er eher zum Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts. Dementsprechend fragt er nun nach der Entwicklung vom einstigen Triumphalismus der (neo-)liberalen Demokratie 1989 zum rechtsnationalen Trumpismus der „illiberalen Demokratie“ 30 Jahre später.

Polanyi ging von einer historischen Pendelbewegung aus zwischen dem Prinzip des freien Marktes und dem „sozialen Schutzbedürfnis“ der Gesellschaft, wobei letzteres wiederum in zwei Richtungen ausschlagen kann: nach links zum (demokratischen) Sozialismus, nach rechts zum Faschismus. Es gehört zur Vorgeschichte der Umwälzungen von 1989, dass sich dieses Pendel nach dem Zweiten Weltkrieg auch im Westen zunächst in Richtung eines stark eingebetteten Kapitalismus und starken Sozialstaats bewegte – um dann aber seit den 70er Jahren wieder zurückzuschwingen. Als im Jahr 1989 allgemein verkündet wurde, der Sozialismus habe verloren und der Kapitalismus gewonnen, galt es als ausgemacht, dass es die möglichst freie, „entbettete“ Marktwirtschaft war, in der nach Francis Fukuyamas These nun die Geschichte enden sollte. Die globale Hegemonie des Neoliberalismus dokumentierte sich im „Washington Consensus“, der dann auch den Aktionsplan für die ökonomischen „Schocktherapien“ in den ehemaligen Ostblockstaaten lieferte: Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung, begleitet von einer strikten Austeritätspolitik.

Der polnische Patient

Polen war ab Herbst 1989 der erste Patient. Doch obwohl Bruttoinlandsprodukt (BPI) und Beschäftigung zunächst rapide sanken und Kritiker von einem „Schock ohne Therapie“ sprachen, verordneten die Therapeuten nur eine noch strengere Behandlung. Die darauf angeblich folgende „success story“ Polens unterschlägt gegenüber einem nun allmählich einsetzenden BIP- und Wirtschaftswachstum die sehr ungleiche Verteilung des neuen Wohlstands. Dank umfangreicher Schuldenerlasse und seiner strategischen Bedeutung als postkommunistischer Modellstaat konnte Polen bis 2014 sein BIP von einem auf zwei Drittel des westeuropäischen Durchschnitts steigern, ein rasanter Aufschwung, wie ihn in ähnlicher Form zuletzt Ende des 19. Jahrhunderts Deutschland gegenüber England erlebt hatte. Das Deutsche Reich aber baute mit diesem Wohlstand einen Sozialstaat auf, während die postkommunistischen Länder ihre Sozialausgaben reduzierten. Erst die seit 2015 regierende, rechtskonservative PiS hat diese Entwicklung beendet, was trotz ihrer teils verfassungswidrigen Macht- und Gleichschaltungspolitik zu ihrer großen Beliebtheit in der Bevölkerung beiträgt – wie sich in den Parlamentswahlen im Oktober bestätigt hat.

Polen ist also nicht nur ein Musterbeispiel für eine vermeintlich erfolgreiche neoliberale Transformation nach 1989, sondern auch dafür, was an dieser Tranformation alles grundlegend schiefgelaufen ist, in Ost wie West. Denn die globalisierte freie Markwirtschaft und liberale Demokratie haben sich keineswegs als die Ultima Ratio des Weltgeistes erwiesen. Doch anstatt das allein den neuen Nationalisten und Autoritären anzulasten, will Ther lieber vor der eigenen liberalen Haustür kehren. Das sind bei Ther im Laufe der Jahre ziemlich viele Haustüren in Ost und West gewesen. Und von dieser großen Anschauungsfülle leben Thers Essays ebenso wie von der beeindruckenden Datenfülle, bei der Ther zum Teil auf seine Studie von 2014 zurückgreifen kann.

Die erste Haustür sind die USA, wo Ther nicht nur in New York seine Essays schreibt, sondern wo er 1993 als Fulbright-Student in Washington auch die Amtseinführung Bill Clintons hautnah miterlebte. Dessen sogenannter „Dritter Weg“ einer liberalen Sozialdemokratie zementierte – gemeinsam mit Tony Blair in Großbritannien und später Gerhardt Schröder in Deutschland – erst die Hegemonie des Neoliberalismus, nicht nur quer durch die Welt, sondern quer durch alle politischen Lager. Es war freilich ein „progressiver Neoliberalismus“, mit dem diese „moderne“ Sozialdemokratie vermehrt Wert auf Identitätspolitik legte und Minderheitenrechte stärkte, um den gleichzeitigen Rückbau des Sozialstaats zu kaschieren. Das Ergebnis ist der heutige Kulturkampf, in dem vor allem weiße Amerikaner der Mittelschichten ihre berechtigten materiellen Abstiegsängste auf illusionäre Bedrohungen wie „Islamisierung“ und „Umvolkung“ projizieren.

Populisten oder Nationalisten?

Beim Thema Rechtspopulismus freilich ist der politikwissenschaftlich informierte Leser zunächst etwas irritiert. Denn aus der Tatsache, dass rechte Populisten sich – entsprechend gängiger politischer Theorien – zunehmend radikalere nationalistische Ideologien einverleiben, will Ther die Konsequenz ziehen, am besten gar nicht mehr von „Rechtspopulismus“, sondern nur noch von „Rechtsnationalismus“ zu sprechen. Damit fällt aber auch das Thema Linkspopulismus unter den Tisch. Geht hier also mit Ther doch ein wenig der plaudernde Osteuropa-Historiker mit USA- und Italienerfahrung durch, der zum Zeitpunkt der Niederschrift nach dem absehbaren Aus der italienischen links-rechts-populistischen Regierungskoalition noch mit Neuwahlen und einem rechten Ministerpräsidenten Matteo Salvini rechnete? Hätte ein weiterer geographischer Fokus, etwa auch auf Spanien und Portugal, hier eine ausgewogenere Einstellung zum Populismusbegriff bewirkt, wie sie etwa der mehrfach zustimmend zitierte Philip Manow in seiner Politischen Ökonomie des Populismus nahelegt?

Die Lektüre des Italienessays freilich zeigt, dass Ther den Populismusbegriff dennoch weiter verwendet. Und vielleicht sind es ja auch gerade sein nicht allzu theoriezentrierter Umgang mit diesem Begriff und stattdessen die Konzentration auf die tatsächlichen Geschehnisse, die ihm zweierlei ermöglichen: einerseits die Rechten nicht pauschal zu verteufeln. Und andererseits klarzumachen, dass das große Nachwendeprojekt der liberal-demokratischen Globalisierung gewiss größeren Zuspruch gefunden hätte, wäre es zugleich – wenn schon nicht sozialistischer – so doch sozialer gewesen.

Philipp Ther, Das andere Ende der Geschichte. Über die Große Transformation, Suhrkamp 2019, 200 S., 16€.

Dieser Text erschien in veränderter Fassung zuerst im Neuen Deutschland, in der vorliegenden Fassung zuerst beim Freitag.

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