Eine neue Sprache finden

Ben Lerner sucht in seinem Roman „Die Topeka Schule“ nach den Ursprüngen unserer entgleisten Gegenwart – und nach einer Sprache der Heilung

Wie konnte es nur so weit kommen? Ein altes Schulhaus mit Trump-Plakat – Bild: Dan Gaken/Flickr

Jetzt, wo es vorbei ist (allerhöchstwahrscheinlich zumindest), kann man diese Frage nun mit etwas mehr Hoffnung stellen: Was ist angesichts von Donald Trumps so vollmundigem wie fatalem Versprechen, „America great again“ zu machen, eigentlich aus der Great American Novel, diesem anderen Mythos eines großen Amerika, geworden? Was haben die „großen“ amerikanischen Romanciers in den vergangenen vier Jahren aus den überdeutlichen Anzeichen dafür gemacht, dass das bisherige Amerika der Great American Novel womöglich unwiederbringlich untergegangen ist?

Einer der aussichtsreichsten jüngeren Kandidaten für diesen Titel, der im amerikanischen Heartland aufgewachsene, inzwischen in New York lebende Ben Lerner, will von solchen Schlagwörtern allerdings nichts wissen. Allzuoft sei die Great American Novel bloß ein Synonym für das Werk eines weißen Mannes, der anderen die Welt erklärt, so Lerner bei einer Podiumsdiskussion. Natürlich trifft diese Beschreibung nicht zuletzt auch auf ihn selbst zu, den damit verbundenen Anspruch eines weißen Universalismus weist Lerner allerdings entschieden von sich.

Fragwürdiger Universaltypus

Gleich zu Beginn seines dritten Romans, „Die Topeka Schule“, der in den USA für den Pulitzer-Preis nominiert war, zeigt Lerner uns seinen Protagisten und Alter Ego, Adam Gordon, als einen durchaus fragwürdigen Universaltypus. Auf der Suche nach seiner verschwundenen Freundin Amber steigt der 17-jährige Adam in ihr nächtliches Elternhaus ein und entdeckt erst, nachdem er sie friedlich schlafend in ihrem Bett entdeckt zu haben glaubt, auf dem Weg nach draußen, dass er versehentlich im falschen Haus gelandet ist. Für einen kurzen Moment hat er das Gefühl, mit sämtlichen Bewohnern der identischen Reihenhäuser dieser Vorortsiedlung eins zu sein, so wenig unterschiedlich erscheinen ihre modularen Lebensentwürfe.

Was Adam hier aber alptraumhaft verallgemeinert, sind Lebensmodell und Mindset eines privilegierten, liberalen weißen Mittelstandsjungen aus dem amerikanischen Mittleren Westen, der im Jahr 1996 – wenige Jahre nach dem vermeintlichen „Ende der Geschichte“ und kurz vor Bill Clintons „Erdrutschsieg“ gegen den republikanischen Präsidentschaftskandidaten aus Adams Heimatstaat Kansas, Bob Dole – noch ganz selbstverständlich den endgültigen Untergang des amerikanischen Kulturkonservatismus erwartet. Wir wissen heute, dass es anders kam. Was eine solche Selbstsicherheit aber zur Folge haben kann, zeigt Lerner uns wenige Seiten zuvor, wenn er die Szene von Ambers Verschwinden schildert. Auf einem nur scheinbar romantischen Bootsausflug hat Adam ihr so ausführlich und selbstvergessen seine (positiven) Gefühle für sie erläutert, dass er überhaupt nicht bemerkt, wie sie längst schon ins Wasser gegangen und ans Ufer geschwommen ist.

Narzisstische Zuwendung

Diese Episode narzisstisch geprägter Zuwendung steht stellvertretend für zahlreiche ambivalente Verhältnisse im Roman. Am folgenschwersten sicher das zu Adams Mitschüler Darren, der wegen psychischer Probleme bereits vor dem Abschluss die Highschool verlassen hat und nun von seinen Altersgenossen zwar brav trotzdem in deren Freundeskreis integriert, dabei aber zugleich weiter gehänselt wird – bis irgendwann jemand eine Billardkugel ins Gesicht bekommt. Es wundert kaum, wenn Adam im Schlusskapitel zwanzig Jahre später als berühmter Schriftsteller aus New York für eine Lesung in seine Heimatkleinstadt zurückkehrt und dort Darren mit einer roten Trumpkappe auf dem Kopf entdeckt. Lerners Roman gilt nun nicht nur der Frage, wie diese Kappe auf Darrens Kopf gelangt ist, sondern mehr noch der, wie es überhaupt zu diesen Kappen kommen konnte.

Adam und Darren wachsen, wie ihr Altersgenosse Ben Lerner (Jahrgang 1979), in Topeka, Kansas, auf. Während Darrens Mutter als Krankenschwester arbeitet und sein Vater sich im Suff totgefahren hat, sind Adams Eltern – wie auch die Lerners – erfolgreiche Psychotherapeuten an einer renommierten Stiftungsklinik. Diesen Adam hat Lerner zuvor schon zum Protagonisten seines ersten, in Ich-Perspektive erzählten Romans Abschied von Atocha (2011) gemacht und ihn dort auf ein Auslandssemester nach Madrid geschickt.

Genealogie der Gegenwart

Für seine Genealogie der Gegenwart geht Lerner nun einige Jahre zurück und wechselt nicht nur in die objektivere dritte Person, um die Geschichten von Adam und Darren zu erzählen. Er lässt außerdem Adams/seine Eltern in Ich-Berichten ihre Versionen seiner wie auch ihre eigenen Geschichten schildern. Eine komplexe literarische Psychoanalyse mit Familienaufstellung. Und in der Tat gibt es hier einiges durchzuarbeiten. Adams Mutter ist als Kind von ihrem Vater missbraucht worden, schreibt später feministische Bestseller, geht aber ausgerechnet bei ihrer besten Freundin in Therapie. Adams Vater musste als Jugendlicher eine Affäre seines eigenen Vaters miterleben, die er für den frühen Tod seiner Mutter verantwortlich macht; trotzdem lässt er sich später selbst zu ähnlichem Verhalten hinreißen, als ihm der berufliche Erfolg seiner Frau über den Kopf wächst.

In Bezug auf Adam scheint die drängendste Frage der Eltern allerdings die vergleichsweise harmlose zu sein, ob es denn wirklich die richtige Entscheidung war, den Sohn anstatt im liberalen New York im konservativen Topeka aufwachsen zu lassen. Dabei zeigt sich Adams Schwanken zwischen den politischen Codes nicht nur in seiner Haarmode, die „zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist, während die Seiten seines Schädels rasiert sind, ein katastrophaler Frisurenkompromiss zwischen seinem links angehauchten Elternhaus und dem republikanischen Staat, in dem er aufwuchs“. Es wird auch deutlich auf dem Feld, auf dem Adam in der Schulzeit seine größten Erfolge feiert: dem Wettkampfdebattieren.

Rhetorische Nahkampfausbildung

Zwar hat er es auch in diesem ideologisch biegsamen Umfeld, in dem man seine Überzeugungskraft stets den aktuellen Pro-oder-Contra-Erfordernissen anpassen muss, geschafft, seine liberalen Einstellungen zu behalten. Sein privater Tutor wird aber ausgerechnet ein Mann, der später „zum Schlüsselarchitekten der rechtesten Regierung werden [sollte], die Kansas je erlebt hat, […] ein wichtiges Vorbild für die Regierung Trump“. Von diesem rechten Trollprototypen bekommt Adam eine rhetorische Nahkampfausbildung, die Lerner als Vorläufer heutiger Infokriege und politischer Sprachverwahrlosung deutet: in der „Trennung von Politik und Werten“ und der informationellen Überwältigungsstrategie des „24-Stunden-Nachrichtenzyklus, den Twitter-Stürmen, dem algorithmischem Handel, den Tabellenkalkulationen und der DdoS-Attacke“.

Zugleich aber lässt er Adam darin auch Verteidigungstechniken gegen das übliche Schulhofmobbing entwickeln, um als Debattierer nicht nur als „Nerd“ und als angehender Dichter nicht nur als „Pussy“ zu gelten. In Form der damals unter weißen privilegierten Kids verbreiteten Möchtegern-Freestyle-Rap-Battles gelingt es Adam, seine Randbegabungen in etwas Cooles zu verwandeln. Und später schafft er als Schriftsteller schließlich auch noch den Sprung „in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste […], von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Sprache als Waffe oder Therapie

Lerner lotet in seinem vielstimmigen, zwischen lyrischen Traumbildern, therapeutischer Aufarbeitung und leitartikelhaften Thesen changierenden Roman zahlreiche Dimensionen aus, wie Sprache als Waffe oder Manipulationswerkzeug dienen kann. Dabei werden auch poetische und therapeutische Sprache letztlich noch als Teile eines instrumentell-„magischen“ Denkens verstanden, das mit ihrer Anwendung immer nur bestimmte „Effekte“ erzielen will.

Wenn aber selbst Lyriker und Psychoanalytiker nicht aus dieser instrumentellen Dimension der Sprache herausfinden können, kann es am Ende vielleicht nur darum gehen, ihre Zwecke umzuwidmen und die Mittel entsprechend anzupassen. Im letzten Kapitel berichtet Adam schließlich in Ich-Perspektive aus dem Jahr 2018, wie er mit Frau und Töchtern und gemeinsam mit einigen anderen Familien in das New Yorker Gebäude der US-Polizei- und Zollbehörde ICE eindringt, um dort mit Gesang und Transparenten gegen Trumps brutale Einwanderungspolitik zu demonstrieren. Ein kleines Licht im Tunnel einer nicht nur sprachlich entgleisten Welt.

Einige Rezensenten haben moniert, dass Lerner gerade in seinen dozierenden Passagen letztlich genau die Art von Sprache reproduziere, die er kritisiert. Nimmt man aber die psychoanalytische Dimension des Romans ernst, kann man diese Reproduktion auch als Teil des Durcharbeitens im Analyseprozess verstehen, der erst dadurch überhaupt zu einer neuen Form der Sprache finden könnte. Vielleicht muss man also nach diesem Wunderwerk an – im wörtlichen Sinne – Sprachgewalt ebenso gespannt darauf sein, was ihm noch folgen wird.

Ben Lerner, Die Topeka Schule, Suhrkamp 2020, 395 S., 24 €.

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