Politisches Vertrauen schaffen

Die Vertrauenskrise der Politik lässt sich nicht lösen, solange nur bestehende Machtverhältnisse reproduziert werden. Die Politik muss den Bürgern etwas zutrauen

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Alle hören, einer spricht? So geht Dialog ganz sicher nicht! – Bild: BMVI/Flickr (CC BY-ND 2.0)

Die politische Krise unserer Gesellschaft ist vor allem auch eine Vertrauenskrise: Bürger misstrauen ihren gewählten Politikern. Und sie misstrauen einander wechselseitig. Zur Lösbarkeit des letzteren Punkts: wie fördern wir systematisch das Vertrauen zwischen Bürgern mit völlig unterschiedlichen Milieus, Lebenssituationen, Meinungen, Ängsten, Wünschen, habe ich schon so viel salbadert, dass ich mir das hier spare. Vertrauen zwischen Menschen entsteht normalerweise in der Unmittelbarkeit der Begegnung und in der Notwendigkeit konstruktiver Zusammenarbeit. „Notwendigkeit“ heißt hier wiederum, dass es für alle unmittelbar einsichtig ist, dass man aufeinander eingehen muss, damit man selber nicht in einer für einen unmittelbar fühlbaren Not landet. „Politisches Vertrauen schaffen“ weiterlesen

Jenseits von rechts und links

Unsere Gesellschaft wird nach wie vor bestimmt vom politischen Entweder-Oder. Dabei widerspricht das den Grundprinzipien demokratischer Institutionen – aber auch dem Wesen des Menschen. Was wir brauchen, ist eine realistische politische Anthropologie

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Müssen rechts und links einander immer bekämpfen? – Bild: mwewering/Pixabay (CC0)

Es scheint für uns sehr schwer zu sein zu begreifen, dass in uns von Anfang bis Ende BEIDES angelegt ist: die Fähigkeit zur Kooperation und Empathie. UND die Fähigkeit zu Kampf und Krieg. Wir neigen gegenüber dem, was man eigentlich „menschlichen Realismus“ nennen müsste, zu einer bemerkenswert armen Anthropologie: Einem Selbstverständnis, das immer nur einseitig ist und einseitig bleibt. Entweder blenden wir unsere Kampfanlage aus, oder wir blenden unsere Empathieanlage aus. Dass beide Schaltkreise in uns angelegt sind, scheint nicht in unseren Kopf hineinzupassen – Und fließt daher auch nicht in die Gestaltung unserer Institutionen ein. „Jenseits von rechts und links“ weiterlesen

Begegnung mit uns selbst

Nach dem Gedenkjahr II: Nicht alles am Erbe von 1968 ist bewahrenswert. Doch in einigem war ’68 erst der Anfang – dem aktuellen autoritären Backlash zum Trotz

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„Make love, not war!“ Die Sensibilität gegenüber Krieg und Gewalt hat mit 1968 stark zugenommen – Bild: Mark Deckers/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Wo in der Menschheitsgeschichte treiben wir uns gerade so rum? In welcher “Epoche” befinden wir uns derzeit? – Ich würde ja sagen: Wir sind mitten in einer Entwicklung. Oder vielleicht genauer: Eher noch an ihrem Anfang. Rückblickend gesehen, mit historischem Abstand tut man sich mit dem Einordnen und Kategorisieren immer sehr viel einfacher. Mit historischem Abstand wird man wahrscheinlich sagen: “2019? Das ist doch keine Frage! Also Frühe Neuzeit war das eindeutig noch nicht. 2019, das war ganz klar Spätmittelalter!”

So wie ein neues menschliches Wesen nur selten nach der ersten Wehe auf diese Erde purzelt, wird auch ein neues Zeitalter nicht gleich im ersten Anlauf geboren. „Begegnung mit uns selbst“ weiterlesen

Das Private ist nicht politisch

Jetzt, da das 1968-Gedenkjahr vorbei ist, kann man es ja sagen: Das Private und das Politische brauchen und bedingen einander in der Demokratie, aber nur wenn sie klar voneinander getrennt sind

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Nein, so stand das Motto nicht auf dem Transparent während einer Demonstration zum 40. Jahrestag von 1968, 2008 – Bild: Frank M. Rafik/Flickr, Bearbeitung: dE (CC BY-NC-SA 2.0)

Um so öfter ich sie mir anschaue, um so mehr finde ich, dass diese beiden Videos mit Uwe Lübbermann zum internen Umgang miteinander in der Firma Premium Cola den Kern dessen, worin Demokratie besteht und was für sie unverzichtbar ist, auf den Punkt bringen. Schöner kann man das kaum zusammenfassen. Besser kann man das kaum praktizieren. Demokratie bedeutet demzufolge eine erhöhte Konfliktfähigkeit, ein viel höheres Beziehungsinvestment und auch ein ganz anderes Zugehörigkeitverständnis, als wir es sonst meist gewohnt sind.

Und Demokratie bedeutet die Anerkennung aller an ihr beteiligten Menschen, dass wir zwar alle, jeder einzelne von uns, wichtig und unverzichtbar sind, dass aber zugleich keiner von uns wichtiger ist als irgendein anderer. Und das wiederum bedeutet, dass wir offene oder verkappte Aristokratie zwischen uns nicht dulden. Wann immer sich irgendwer von uns „erhöht“, kann er sich in einer Demokratie mit großer Sicherheit darauf verlassen, dass er durch seine Mitbürger – freundlich – von seinem kleinen Ego-Höhenflug wieder heruntergeholt wird.

Dieses Alle-sind-gleich-wichtig ist jedoch im Privaten nicht dauerhaft durchhaltbar. Mehr noch: Im Privaten ist es sogar unmenschlich. „Das Private ist nicht politisch“ weiterlesen

Ein Bild der Demokratie der Zukunft

Wie wäre es, wenn wir die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten, überwinden durch Bilder von einer Zukunft, die wir wollen? Ein Versuch

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Ob in Konflikt oder Konsens, in der Demokratie der Zukunft werden wir alle auf einer gemeinsamen Ebene unterwegs sein – Bild: Earth Day Shabbat/rac.org

Dieser Artikel ist die späte Antwort auf einen Text, den Andreas Schiel vor nun schon einigen Jahren hier bei demokratiEvolution verfasst hat. Er forderte dort mit dem  anthroposophischen Bankier Wilhelm Ernst Barkhoff dazu auf, „’die Angst vor einer Zukunft, die wir fürchten‘, zumindest für einen Tag zu ‚überwinden durch Bilder von einer Zukunft, die wir wollen.’“ – Ich bin gespannt, ob das Folgende diesem Anspruch gerecht wird. „Ein Bild der Demokratie der Zukunft“ weiterlesen

Die selbstbewusste Demokratie

Demokratie ist keine rein rationale Angelegenheit, sie lebt vom emotionalen Erleben ihrer Akteure, der Bürger. Die Demokratie muss also viel stärker in unserem Alltag integriert sein, um uns zu selbstbewussten Demokraten machen zu können

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Ein frühes Beispiel für selbstbewusste Demokratie: Perikles‘ Gefallenenrede – Bild: Philipp Foltz/Wikimedia

Was kann eine demokratische Gemeinschaft von Menschen tun, damit sie eine selbstbewusste demokratische Gemeinschaft wird und bleibt? Es geht bei dieser Frage wohl darum, ob „Demokratie“ von jenen „Bürgern“ tatsächlich als ein Gut erlebt und empfunden wird. Denn Churchills Schwundformel: „No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ ist wohl kaum für oder von Bürgern geprägt, die „ihre“ Demokratie als ein hohes Gut empfinden, das sie zu schätzen wissen.

Wer einen „emotionalen“ Vergleich in Sachen demokratischem Selbstbewusstsein erleben will, der sei auf die berühmte Perikles-Rede bei Thukydides hingewiesen. Oder auf Äußerungen von Teilnehmern an „Citizen Assemblies“, die noch ganz unmittelbar von dem geflasht sind, was sie da gerade mit ihren Mitbürgern erlebt haben. Es macht also für uns als Menschen, die es schätzen, in einer Demokratie zu leben, einen nicht ganz kleinen Unterschied, ob wir unsere Demokratie auch als ein Gut für uns erleben können, oder ob wir es uns denken müssen, dass die Dinge doch eigentlich gar nicht so schlecht sind. Zumindest im Vergleich zu den katastrophalen Alternativen.

Für unser demokratisches Selbstbewusstsein ist also unser unmittelbares Erleben entscheidend. „Die selbstbewusste Demokratie“ weiterlesen

Politische Kultur

Aus Angst vor totalitären Regimen ist der naive Liberalismus unpolitisch geworden. Er wird aber genau deswegen weiter Totalitarismus erzeugen. Deshalb brauchen wir als Gesellschaft eine sehr viel politischere Kultur, als wir sie bisher haben

Von Ardalan Alexander Ibrahim

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Wir brauchen mehr als nur Zuschauerdemokratie  Foto: © European Union 2014 – European Parliament/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Wir können politische und nicht-politische Kulturen oder Gesellschaften anhand von folgendem Merkmal unterscheiden: In politischen Kulturen ist die Zughörigkeit zur „Polis“, zum politischen Gemeinwesen, für uns Menschen der wichtigste Aspekt unserer individuellen Identität. In nicht-politischen Kulturen ist es irgendetwas anderes, ein willkürlicher Aspekt aus unserem „Privatleben“, der für unsere Identität besondere Bedeutung hat, möglicherweise auch mehrere, so dass eine „Identität ohne Zentrum“ (Richard Rorty) möglich wird: Arbeit, Familie, Hobbys, Essensgeschmack, Musikgeschmack, sportliche Aktivitäten, Themen, die man interessant findet etc.

Ich bin mir sicher, dass die allermeisten heutigen Menschen, wenn sie von dieser Unterscheidung hören, spontan letztere Kultur bevorzugen. Sie scheint „toleranter“, „liberaler“, menschenfreundlicher usw. Doch zumindest letzte Zuschreibung könnte auch ein Irrtum sein. Ein historisch bedingter Irrtum. Denn der Grund, aus dem sich unsere Gesellschaft darauf verlegt hat, das Privatleben so überaus zu schätzen, sind ganz offensichtlich die totalitären Experimente des 20. Jahrhunderts: Faschismus und Kommunismus. „Politische Kultur“ weiterlesen