Armee der Ungeborenen

Das Klimathema hat den Grünen sensationelle Wahl- und Umfrageergebnisse beschert. Doch für eine wirksame Bekämpfung des Klimawandels brechen auch sie noch zu wenig mit unserem Wachstumsmodell

Fridays for Future
Fridays for Future-Demo in Berlin – Bild: FridaysForFuture Deutschland/Flickr (CC BY 2.0)

Die EU-Wahlen haben gezeigt: Es ist nicht nur möglich, durch alternative Themensetzung den Rechtspopulisten die für sie ganz besonders wichtige Aufmerksamkeit zu entziehen (und sie ihnen nur noch für wirklich relevante Skandale leihweise zu überlassen). Es ist durch breites zivilgesellschaftliches Engagement auch der jungen Generation noch möglich, progressive, zukunftsrelevante Themen auf die politische Agenda zu setzen. Die Fridays for future-Bewegung hat über die vergangenen Wochen und Monate diese Europawahl nicht nur in Deutschland zu einer Klimawahl gemacht.

Natürlich war es von vornherein wenig überzeugend, dass sich irgendwann fast alle Parteien dieses Thema auf die Fahnen zu schreiben versuchten – auch wenn sie zunächst noch meinten, die Schüler sollten doch lieber in ihrer Freizeit streiken. Die Menschen wählen eben auch auf der progressiven Seite lieber das Original und haben dadurch den Grünen sensationelle Erfolge beschert. Den letzten (zumindest symbolischen) Todesstoß hatten die (ehemaligen) Volksparteien dann von einem 26-jährigen Youtuber bekommen, der in seiner „Zerstörung der CDU“ (und der SPD) vor allem auch mit dem Mythos der „Klimakanzlerin“ Merkel aufräumte.

Und doch mündete seine szientistische Quellenschlacht keineswegs in eine klare Wahlempfehlung für die Grünen. „Armee der Ungeborenen“ weiterlesen

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Verschwendete Jahrzehnte

Linke Positionen werden wieder dominanter in der öffentlichen Debatte. Was sagt das aus über den Zustand des Landes?

Dieser Beitrag erscheint auch beim Freitag

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Die Debatte über Sozialismus nützt auch den Europawahlen – Bild: Rock Cohen/Flickr (CC 2.0)

Da wird also in diesem in den vergangenen Jahren doch etwas nach rechts gerückten öffentlichen Diskurs in Deutschland tatsächlich wieder (halbwegs) ernsthaft über Sozialismus geredet. Ist das nun ein Zeichen für den Anfang vom Ende der Rechtswende? Oder ist es bloß die andere Seite der Medaille einer allmählichen allgemeinen Entmittung und Extremisierung? Folgt man dem Politikwissenschaftler Timo Lochocki in seinem Buch Die Vertrauensformel müsste allein die endlich wieder zunehmende öffentliche Thematisierung ökonomischer Fragen im Gegensatz zu kulturell-identitätspolitischen dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben. Denn der habe nicht zuletzt auch in der großkoalitionären wirtschaftspolitischen Einmütigkeit der Post-Agenda-2010-Jahre und vor allem der Hochkonjunkturdekade nach 2008 gut gedeihen können (siehe die „Sarrazin-Debatte“ 2010/11).

Geht es jedoch nach dem Politologen Philip Manow, ist das Populismusproblem damit noch lange nicht erledigt. „Verschwendete Jahrzehnte“ weiterlesen

Metaphysik aus der Zukunft

Klimawandel, Digitalisierung, Drohnenkrieg: Unsere Gesellschaft leidet auf allen Ebenen an Sinnkrisen, die sie verlernt hat, als metaphysische zu begreifen. Ein Philosoph gibt Nachhilfe

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Die Frage nach Erhalt oder Nichterhalt des Ökosystems ist nicht nur ein technologisches, sondern auch ein metaphysisches Problem – Bild: Mysticsartdesign/Pixabay (CC0)

Vergangenen Herbst verfolgte die Nation mit großer Erregung die Ereignisse im Hambacher Wald. Man könnte die dortige Auseinandersetzung in etwa auf diese beiden sich gegenüberstehenden Positionen bringen: Der Eigentümer RWE, der mit Unterstützung der Landesregierung auf der polizeilichen Räumung und der Rodung des Waldstücks zur Erweiterung seines Braunkohletagebaus bestand, verwies dabei auf das schmale Zeitfenster, das man habe, um einen künftigen Engpass in der Energieversorgung zu verhindern. Der legitime Teil des Protests dagegen konnte an den zeitgleich stattfindenden politischen Prozess um den ja bereits beschlossenen Braunkohleausstieg anknüpfen, für den die Kohlekommision dann schließlich auch einen Kompromiss erarbeitet hat. Das hier jedoch nicht nur im Wortsinn tieferliegende Problem des Klimawandels ist aber doch eines die Zeitspanne nicht nur eines Menschenlebens, sondern womöglich der gesamten Menschheit übersteigendes.

Für den Philosophen Armen Avanessian wäre diese Verwirrung von Zeitlogiken und damit verbunden auch der Zuständigkeiten von Polizei und Politik kein Sonderfall. Denn seiner Ansicht nach ist ein solches Chaos Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft „auf allen Ebenen an Sinnkrisen und Überforderungen [leidet], die wir verlernt haben, als metaphysische zu begreifen“. „Metaphysik aus der Zukunft“ weiterlesen

Ausnahmezustand Zukunftsgestaltung

Angesichts drohender Katastrophen stellt sich die Frage, ob wir überhaupt noch souverän genug sind, sie zu verhindern – oder wie wir es wieder werden können

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Gibt es für die Menschheit noch einen Ausweg aus der Katastrophe? – Bild: patrice-photographiste/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

„Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten“, sagte einst Willy Brandt. Dieser Gestaltungsoptimismus scheint uns heute eher fremd zu sein. Denn wir können zwar scheinbar besser als jemals zuvor die Zukunft tatsächlich vorausberechnen und vorhersagen, aber gerade das zumeist Katastrophische dieser Zukunft lähmt unseren Gestaltungswillen, es zu verhindern, beinahe vollständig. Das betrifft vor allem den Klimawandel, oder genauer gesagt, die bevorstehende Klimakatastrophe. Aber auch etwa die unsichere Zukunft der (liberalen) Demokratie, ihre weltweite Bedrohung durch autoritäre und nationalistische Bewegungen. Auch wenn viele in der Naturschutz- und Nachhaltigkeits-Community den gerichtlich durchgesetzten Rodungsstop im Hambacher Wald geradezu als Durchbruch eines neuen Bewusstseins feiern. Und man den beispiellosen Aufstieg einer neugegründeten Partei in Deutschland und die vielfachen Proteste gegen diese Partei auch als Zeichen einer positiven Repolitisierung deuten kann. Können wir die Zukunft also doch noch gestalten und nicht nur ihre Katastrophen vorhersehen? „Ausnahmezustand Zukunftsgestaltung“ weiterlesen

Einfach nur Arschlöcher?

Während das Land noch über „Hetzjagden“ und „Jagdszenen“ in Chemnitz streitet, würde es sich vielleicht auch lohnen, mal über einen anderen Begriff zu sprechen. Eine Dekonstruktion des Arschlochs

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… einfach nur Arschlöcher? – Bild: De Havilland/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Am Ende hat sich das Land also mal wieder vor allem über Begriffe gestritten: Kam es vor zwei Wochen in Chemnitz nun zu “Hetzjagden” oder doch nur zu “Jagdszenen”? Ein Streit über Begriffe ist eine wichtige und gute Sache, es ist für die Erfassung der Realität relevant, wie Dinge benannt werden. Und es ist besser und im Zweifelsfall zivilisierter, mit Worten zu kämpfen als mit Fäusten oder Waffen. Ein solcher Streit um Worte trägt aber nur dann zur Zivilisierung von Auseinandersetzungen bei, wenn er zumindest einen Deut mehr an Besonnenheit aufweist als diese. Andernfalls kann er sie auch verschlimmern.

Leider eskalieren in Deutschland derzeit sowohl verbale wie nonverbale Auseinandersetzungen. Gewaltbereite Rechtsextreme entwickeln ein wahrlich beängstigendes Mobilisierungspotential, aber auch die öffentliche Debatte entgleist, die Grenzen des Denk- und Sagbaren verschieben sich immer weiter, wo man schon vor Kilometern denken mochte, es sei nicht noch mehr Entgleisung und Entgrenzung möglich. Angesichts der jüngsten Interview-Äußerungen von Alexander Gauland hat selbst einer der Verfasser des mit seinem meist als Imperativ missverstandenen Titel inzwischen fast schon zu einer ideologischen Wasserscheide gewordenen (und dabei wohl umso seltener gelesenen) Buchs Mit Rechten reden, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, eine rote Linie gezogen. Mit offensichtlich verfassungsfeindlichen Beteuerern ihrer Verfassungstreue wolle auch er nicht mehr reden. „Einfach nur Arschlöcher?“ weiterlesen

Wo ist die (inter)nationale Solidarität?

In einem der reichsten Länder der Welt könnten wir uns internationale Solidarität gut leisten. Dennoch werden sogar die Armen im eigenen Land weiter stigmatisiert

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Blockupy-Demonstranten in Frankfurt/Main 2013 – Bild: Tim/Flickr (CC BY 2.0)

Wir leben in einem der wohlhabensten Länder der Welt. Die Stimmung der Menschen spiegelt das allerdings nicht ganz so eindeutig wider. Zwar geben in Umfragen die meisten Menschen an, mit ihrer Gesamtsituation eher zufrieden zu sein. Doch soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit halten trotzdem viele für ein Problem. Der darin enthaltene Widerspruch steigert sich schließlich noch einmal, wenn es um die Frage geht, was denn jeder einzelne bereit wäre beizutragen, um soziale Ungleichheit zu bekämpfen. So gut geht es uns dann doch wieder nicht. „Wo ist die (inter)nationale Solidarität?“ weiterlesen

Warum machen wir das nicht einfach?

Wenn die neue Regierung nicht über die Zukunft redet, müssen es eben andere tun. In der Berliner Urania haben einige schon mal angefangen

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Zukunftsdenker Ronzheimer, Burmeister, Göpel, Brandt – Foto: denkzentrum|demokratie (CC)

Beinahe ein halbes Jahr hat sie gedauert, die Regierungsbildung nach der Bundstagswahl im vergangenen Herbst. Und herausgekommen ist nun doch nur wieder dasselbe wie vorher, eine Große Koalition unter Kanzlerin Merkel, die morgen nach langem Bangen endlich in ihrem Amt bestätigt werden wird. Es ist, da sind sich viele Beobachter und Kommentatoren einig, eine Koalition von gestern, ein nur noch nachhallender Abgesang der im Grunde längst an ihr Ende gekommenen Ära Angela Merkels, die sich nur mit letzter Kraft noch einmal an ihr Amt zu klammern vermochte. Statt der wenigstens noch etwas frischen Wind versprechenden Experimente einer Jamaika-Koalition oder einer Minderheitsregierung, statt der bis zuletzt in Teilen der SPD so sehnlich erhofften “Erneuerung” der Partei nun eine erneute alte Groko mit immerhin einigermaßen ausgetauschtem Personal. Der einzige Trost der auch Erneuerung des Landes Erhoffenden dürfte der sein, dass wohl auch keine andere der nach dem Wahlergebnis vom Herbst realistischen Regierungskonstellationen die wirklich wichtigen Zukunftsfragen irgendwie beherzter angegangen wäre als die Groko.

Umso wichtiger ist es, dass andere diese Zukunftsfragen weiter stellen. „Warum machen wir das nicht einfach?“ weiterlesen