Begegnung mit uns selbst

Nach dem Gedenkjahr II: Nicht alles am Erbe von 1968 ist bewahrenswert. Doch in einigem war ’68 erst der Anfang – dem aktuellen autoritären Backlash zum Trotz

Love-not-war
„Make love, not war!“ Die Sensibilität gegenüber Krieg und Gewalt hat mit 1968 stark zugenommen – Bild: Mark Deckers/Flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Wo in der Menschheitsgeschichte treiben wir uns gerade so rum? In welcher “Epoche” befinden wir uns derzeit? – Ich würde ja sagen: Wir sind mitten in einer Entwicklung. Oder vielleicht genauer: Eher noch an ihrem Anfang. Rückblickend gesehen, mit historischem Abstand tut man sich mit dem Einordnen und Kategorisieren immer sehr viel einfacher. Mit historischem Abstand wird man wahrscheinlich sagen: “2019? Das ist doch keine Frage! Also Frühe Neuzeit war das eindeutig noch nicht. 2019, das war ganz klar Spätmittelalter!”

So wie ein neues menschliches Wesen nur selten nach der ersten Wehe auf diese Erde purzelt, wird auch ein neues Zeitalter nicht gleich im ersten Anlauf geboren. „Begegnung mit uns selbst“ weiterlesen

Werbeanzeigen

Das Private ist nicht politisch

Jetzt, da das 1968-Gedenkjahr vorbei ist, kann man es ja sagen: Das Private und das Politische brauchen und bedingen einander in der Demokratie, aber nur wenn sie klar voneinander getrennt sind

privat-nicht-politisch
Nein, so stand das Motto nicht auf dem Transparent während einer Demonstration zum 40. Jahrestag von 1968, 2008 – Bild: Frank M. Rafik/Flickr, Bearbeitung: dE (CC BY-NC-SA 2.0)

Um so öfter ich sie mir anschaue, um so mehr finde ich, dass diese beiden Videos mit Uwe Lübbermann zum internen Umgang miteinander in der Firma Premium Cola den Kern dessen, worin Demokratie besteht und was für sie unverzichtbar ist, auf den Punkt bringen. Schöner kann man das kaum zusammenfassen. Besser kann man das kaum praktizieren. Demokratie bedeutet demzufolge eine erhöhte Konfliktfähigkeit, ein viel höheres Beziehungsinvestment und auch ein ganz anderes Zugehörigkeitverständnis, als wir es sonst meist gewohnt sind.

Und Demokratie bedeutet die Anerkennung aller an ihr beteiligten Menschen, dass wir zwar alle, jeder einzelne von uns, wichtig und unverzichtbar sind, dass aber zugleich keiner von uns wichtiger ist als irgendein anderer. Und das wiederum bedeutet, dass wir offene oder verkappte Aristokratie zwischen uns nicht dulden. Wann immer sich irgendwer von uns „erhöht“, kann er sich in einer Demokratie mit großer Sicherheit darauf verlassen, dass er durch seine Mitbürger – freundlich – von seinem kleinen Ego-Höhenflug wieder heruntergeholt wird.

Dieses Alle-sind-gleich-wichtig ist jedoch im Privaten nicht dauerhaft durchhaltbar. Mehr noch: Im Privaten ist es sogar unmenschlich. „Das Private ist nicht politisch“ weiterlesen