Jenseits von Gegenwart

Die kapitalistische Gegenwart wird zunehmend von einer automatisierten Zukunft bestimmt und geschluckt. Da helfen nur Spekulation und Grammatik, meint ein neuer Textband

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

Zeitkomplex
Im Zeitkomplex verschmelzen Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart

Man hätte eigentlich glauben sollen, dass spätestens mit dem Ende des ‚Endes der Geschichte‘ und seiner Spielart der (Post-)Postmoderne auch die Rede von ‚Post-dieses‘, ‚Post-jenes‘, ‚Post-alles‘ aufhören, oder zumindest etwas abebben würde. Die Karriere der Postdemokratie und aktuell des Postkapitalismus lassen allerdings eher etwas anderes vermuten. Das Problem an einer solchen negativen, nur in einer Abgrenzung bestehenden Begriffsbildung ist ja, dass sie (noch) nicht sagt, was sie will, sondern erst einmal nur, was sie nicht will. Als Zwischenschritt mag das ja in Ordnung, manchmal gar notwendig sein, – solange man nicht dabei stehen bleibt.

Insofern gibt ein neuer Textband, den die Philosophen Armen Avanessian und Suhail Malik gerade bei Merve herausgegeben haben, ein ganz ordentliches Vorbild ab. „Jenseits von Gegenwart“ weiterlesen

Advertisements

Der Legostein des Widerstands

Beim Berliner Literaturfestival diskutierten Philosophen und Literaturwissenschaftler über Ästhetik und Widerstand, Schwanensee und den Lego Movie

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses - Foto: Ealdgyth/Wikimedia
Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses  Foto:Ealdgyth/Wikimedia

Vor einer Weile habe ich anlässlich meiner Rezension zu Philipp Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie über den Berliner Merve Verlag auf eine äußerst vielversprechende Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) hingewiesen. Diese Veranstaltung fand dann leider nicht wie damals angekündigt statt: als gemeinsame Exploration Felschs mit den heutigen Merve-Verlegern über die Zukunft der Theorie. Stattdessen gab es eine herkömmliche Buchvorstellung im Gespräch mit dem Zeitzeugen Michael Rutschky (der das Buch für die Zeit auch schon rezensiert hatte). Allerdings war diese Präsentation eingegliedert in eine Reihe „Ästhetiken des Widerstands“, die ihren Abschluss in einer prominent besetzten größeren Podiumsdiskussion zu diesem Titel fand, unter Beteiligung des Merve-Chefredakteurs und von Philipp Felsch moderiert. Die Anspielung auf den Titel des berühmten Romans von Peter Weiss aus den 70er Jahren kommt übrigens nicht von ungefähr: Aber wer weiß eigentlich, dass der Träger des ilb die Peter-Weiss-Stiftung ist?

Die erste Veranstaltung der Reihe „Der Legostein des Widerstands“ weiterlesen

Den Finanzmarkt links überholen

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Akzelerationismus – Das neue Buch Making of Finance zeigt die Finanzmärkte aus der Innensicht und lässt überzeugte Kapitalisten zu Linken werden. Diese Woche wird es in Berlin vorgestellt

Links überholen - entspricht bei uns der StVO - Foto: jonbonsilver/Pixabay
Links überholen – entspricht bei uns der StVO – Foto: jonbonsilver/Pixabay

Eine der angesagtesten Richtungen der politischen Philosophie der Gegenwart ist dies trotz, oder vielleicht gerade wegen ihres äußerst sperrigen Namens, Akzelerationismus. Wer Latein kann, weiß: Es geht um „Beschleunigung“. Die Akzelerationisten suchen ihr Heil gegen den Turbokapitalismus nicht in der allseits gepriesenen Entschleunigung, sie wollen den Kapitalismus links überholen und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Dazu muss man aber erst einmal tief in seine Funktionsweisen eintauchen. Am tiefsten – und mit der höchsten Beschleunigung – geht das am Finanzmarkt, dort denkt man in Mikrosekunden (wer es sich vorstellen mag: 0,000001 Sekunden).

Ganz folgerichtig also, dass beim offiziellen Publikationsorgan des deutschsprachigen Akzelerationismus, dem Berliner Merve Verlag jetzt ein Blick hinter die Kulissen der Finanzmärkte geworfen wird: „Den Finanzmarkt links überholen“ weiterlesen