Die selbstbewusste Demokratie

Demokratie ist keine rein rationale Angelegenheit, sie lebt vom emotionalen Erleben ihrer Akteure, der Bürger. Die Demokratie muss also viel stärker in unserem Alltag integriert sein, um uns zu selbstbewussten Demokraten machen zu können

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Ein frühes Beispiel für selbstbewusste Demokratie: Perikles‘ Gefallenenrede – Bild: Philipp Foltz/Wikimedia

Was kann eine demokratische Gemeinschaft von Menschen tun, damit sie eine selbstbewusste demokratische Gemeinschaft wird und bleibt? Es geht bei dieser Frage wohl darum, ob „Demokratie“ von jenen „Bürgern“ tatsächlich als ein Gut erlebt und empfunden wird. Denn Churchills Schwundformel: „No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ ist wohl kaum für oder von Bürgern geprägt, die „ihre“ Demokratie als ein hohes Gut empfinden, das sie zu schätzen wissen.

Wer einen „emotionalen“ Vergleich in Sachen demokratischem Selbstbewusstsein erleben will, der sei auf die berühmte Perikles-Rede bei Thukydides hingewiesen. Oder auf Äußerungen von Teilnehmern an „Citizen Assemblies“, die noch ganz unmittelbar von dem geflasht sind, was sie da gerade mit ihren Mitbürgern erlebt haben. Es macht also für uns als Menschen, die es schätzen, in einer Demokratie zu leben, einen nicht ganz kleinen Unterschied, ob wir unsere Demokratie auch als ein Gut für uns erleben können, oder ob wir es uns denken müssen, dass die Dinge doch eigentlich gar nicht so schlecht sind. Zumindest im Vergleich zu den katastrophalen Alternativen.

Für unser demokratisches Selbstbewusstsein ist also unser unmittelbares Erleben entscheidend. „Die selbstbewusste Demokratie“ weiterlesen

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Mit|diskutieren

Lust, diesen Herbst mit uns über die Zukunft der Demokratie zu reden?! Dazu gibt es gute Gelegenheiten in Berlin, Düsseldorf und Dresden:

Diskussion „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, Filmvorführung mit Podium
25. Oktober 2017, ab 18:30 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin
Für das d|d diskutiert: Andreas Schiel
Link zur Veranstaltungsseite

Diskussion Alternatives in Progress? Degrowth & #Acceleration
27. Oktober 2017, ab 16:00 Uhr im Zentrallabor, Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung, Sophienstraße 22a, Berlin. Podiumsdiskussion ab 18:00 Uhr (auf Englisch)
Für das d|d diskutiert: Tom Wohlfarth
Link zur Facebook-Veranstaltung

Impuls Die Sehnsucht nach Resonanz und die Privatisierung der Politik
23. bzw. 24. November 2017 beim NRW-Dialogforum 2017 des FGW, Düsseldorf
Impulsgeber: Tom Wohlfarth und Andreas Schiel

Vortrag In Zukunft besser mit Gefühl?! Die Emotionalisierung unserer Demokratie als Herausforderung und Chance
28. November 2017, 19:00 Uhr im Stadtmuseum Dresden
Vortrag: Andreas Schiel
Link zum Flyer der Veranstaltungsreihe

It’s the psychology, stupid!

Die Herausforderung der Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968. „It’s the psychology, stupid!“ weiterlesen

„Gefühle sind ebenso komplex wie Politik“

Im Februar 2017 hat der Thinktank d|part eine Studie zu Ängsten in Bezug auf die EU vorgestellt. Daraus geht hervor, dass viele Bürger*innen recht konkrete Sorgen und Befürchtungen in Bezug auf die EU-Politik hegen, während befragte Abgeordnete und politische Analysten eher latente Angst und allgemeine, unbegründete Befürchtungen in der Bevölkerung wahrzunehmen glauben. Über diesen Widerspruch haben wir mit Dr. Jan Eichhorn, Co-Autor der Studie und wissenschaftlicher Leiter bei d|part, gesprochen.

Dr. Jan Eichhorn ist Research Director beim Thinktank d|part und beschäftigt sich mit Fragen politischer Partizipation, vor allem auch junger Leute. Er arbeitet außerdem als Lecturer in Social Policy an der University of Edinburgh und führt vergleichende Studien zwischen Großbritannien, Deutschland und anderen europäischen Ländern durch. Die gewonnen Ergebnisse nutzt er, um Akzente in der öffentlichen und politischen Debatte zu setzen.

Augenblicklich wird viel über Gefühle gesprochen, die in der politischen Debatte und in Wahlen oft den nüchternen Blick auf politische Probleme zu verdrängen scheinen. Was könnt ihr auf der Grundlage euer Studie dazu sagen?

Wenn wir uns über Themen wie Ängste unterhalten, reden wir natürlich über Gefühle. Dazu lassen sich auf der Grundlage unserer Forschung zwei wichtige Aspekte nennen. Zum einen gibt es nicht einfach nur eine latente Angst bei den Menschen. Oft wird es zwar so dargestellt, gerade wenn es um Politik geht, dass Menschen ganz allgemein entweder ängstlich oder positiv gestimmt seien. Wenn wir den Zusammenhang aber näher betrachten und nach Themenbereichen aufgliedern, wenn wir fragen: Wovor haben Leute Angst – etwa vor dem Verlust von Arbeitsplätzen oder von nationaler Identität – dann sehen wir, dass es nur wenige Menschen gibt, die in allen Bereichen Angst haben.
Was man verstehen muss, ist, dass Emotionalität auch komplex ist, genau so wie politische Fragen komplex sind, und dass man somit Menschen nicht einfach in Schubladen stecken kann, sondern sich wirklich intensiv mit der Frage auseinandersetzen muss.

Wo ist, in Bezug auf die Ergebnisse eurer Studie, der Unterschied zwischen einer unbestimmten, allgemeinen Angst, die ja viele Politiker und Beobachter diagnostizieren, und ganz konkreten Sorgen in der Bevölkerung?

„„Gefühle sind ebenso komplex wie Politik““ weiterlesen

Das Ende des Humanismus

Yuval Harari sieht in neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten für die menschliche Evolution. Wir können dabei zu Göttern werden oder untergehen. Oder beides zugleich

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Intelligenz ohne Bewusstsein? – Bild: John Lund/gettyimages (CC)

Angesichts einer zunehmend angespannt erscheinenden politischen Weltlage mag die folgende These zunächst überraschen: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte sind im 21. Jahrhundert obsolet geworden. Abgesehen von einigen gesegneten Weltregionen seien sie zwar noch nicht völlig verschwunden, aber sie sind von unkontrollierbaren Naturgewalten zu handhabbaren Herausforderungen geworden. Auf der eigentlichen Agenda der Menschheit stehen zu Beginn des dritten Jahrtausends drei andere Dinge: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit.

Das behauptet zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. „Das Ende des Humanismus“ weiterlesen

Emotionen erlaubt

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen: Vorschläge zum Umgang mit der AfD und ihren Anhängern. Ein Plädoyer für eine gefühlssensible Kultur demokratischer Kommunikation

Von Tom Wohlfarth und Andreas Schiel

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Pegida-Demonstration in Amsterdam – Foto: Guido van Nispen/ Flickr (CC BY 2.0)

Dieser Text zweier unserer mit|denker erschien am vergangenen Samstag beim Katapult Magazin für Kartografik und Sozialwissenschaft, dann in aktualisierter Fassung am gestrigen Dienstag als Publikation des denkzentrum|demokratie sowie beim Freitag, wo er derzeit auch noch diskutiert wird. Eine weitere Diskussion findet sich auf Facebook, Benedikt Strohstädter etwa schreibt dort: „Sehr nüchtern, neutral und klar. So muss geschrieben werden damit die ganze Scheisse uns hier nicht um die Ohren fliegt. Kompliment!“

Die AfD gehört auch zu Deutschland

Die ‚Flüchtlingskrise‘ stellt unsere Gesellschaft derzeit auf die Probe. Doch es geht dabei nicht nur um den Umgang mit Migranten. Warum Integration nicht bei Einwanderern Halt machen darf

Gleich zu Beginn dieses Artikels der allfällige Disclaimer: Mit der Partei, von der hier eingehender die Rede sein wird, identifiziere ich mich nicht. Konnte ich zu Beginn immerhin ihren Analysen in der sogenannten Staatsschuldenkrise noch einiges abgewinnen (wie etwa: ‚Wir zahlen, die Griechen leiden‘), frage ich mich mittlerweile wie die meisten anderen Beobachter, ob es sich bei der heutigen AfD um eine rechte oder nicht vielmehr eine rechtsextremistische Partei handelt. Jedenfalls scheint ihrem Führungspersonal ein gelinde gesagt ambivalentes Verhältnis zu demokratischen Werten eigen zu sein. Und das ist, wie ein Blick auf meine früheren Diskussionsbeiträge plausibel machen mag, ganz und gar nicht nach meinem Geschmack.

Das ändert aber überhaupt nichts an der Tatsache, dass der Umgang mit dieser Partei und ihren Anhängern (die meisten sind ja offensichtlich Männer) auf beschämende Weise Defizite in unserer Kultur öffentlicher politischer Kommunikation offenbart und ebenso ein zweifelhaftes Selbstverständnis vieler Angehöriger der politischen und medialen Eliten unseres Landes. Und das alles lässt sich hervoragend am Begriff der Integration festmachen, dem Lieblingsterminus aller Streiterinnen für eine Gesellschaft, die auch unter dem Zustrom von Millionen von Flüchtlingen stabil bleibt. „Die AfD gehört auch zu Deutschland“ weiterlesen