It’s the psychology, stupid!

Die Herausforderung der Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968. „It’s the psychology, stupid!“ weiterlesen

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„Gefühle sind ebenso komplex wie Politik“

Im Februar 2017 hat der Thinktank d|part eine Studie zu Ängsten in Bezug auf die EU vorgestellt. Daraus geht hervor, dass viele Bürger*innen recht konkrete Sorgen und Befürchtungen in Bezug auf die EU-Politik hegen, während befragte Abgeordnete und politische Analysten eher latente Angst und allgemeine, unbegründete Befürchtungen in der Bevölkerung wahrzunehmen glauben. Über diesen Widerspruch haben wir mit Dr. Jan Eichhorn, Co-Autor der Studie und wissenschaftlicher Leiter bei d|part, gesprochen.

Dr. Jan Eichhorn ist Research Director beim Thinktank d|part und beschäftigt sich mit Fragen politischer Partizipation, vor allem auch junger Leute. Er arbeitet außerdem als Lecturer in Social Policy an der University of Edinburgh und führt vergleichende Studien zwischen Großbritannien, Deutschland und anderen europäischen Ländern durch. Die gewonnen Ergebnisse nutzt er, um Akzente in der öffentlichen und politischen Debatte zu setzen.

Augenblicklich wird viel über Gefühle gesprochen, die in der politischen Debatte und in Wahlen oft den nüchternen Blick auf politische Probleme zu verdrängen scheinen. Was könnt ihr auf der Grundlage euer Studie dazu sagen?

Wenn wir uns über Themen wie Ängste unterhalten, reden wir natürlich über Gefühle. Dazu lassen sich auf der Grundlage unserer Forschung zwei wichtige Aspekte nennen. Zum einen gibt es nicht einfach nur eine latente Angst bei den Menschen. Oft wird es zwar so dargestellt, gerade wenn es um Politik geht, dass Menschen ganz allgemein entweder ängstlich oder positiv gestimmt seien. Wenn wir den Zusammenhang aber näher betrachten und nach Themenbereichen aufgliedern, wenn wir fragen: Wovor haben Leute Angst – etwa vor dem Verlust von Arbeitsplätzen oder von nationaler Identität – dann sehen wir, dass es nur wenige Menschen gibt, die in allen Bereichen Angst haben.
Was man verstehen muss, ist, dass Emotionalität auch komplex ist, genau so wie politische Fragen komplex sind, und dass man somit Menschen nicht einfach in Schubladen stecken kann, sondern sich wirklich intensiv mit der Frage auseinandersetzen muss.

Wo ist, in Bezug auf die Ergebnisse eurer Studie, der Unterschied zwischen einer unbestimmten, allgemeinen Angst, die ja viele Politiker und Beobachter diagnostizieren, und ganz konkreten Sorgen in der Bevölkerung?

„„Gefühle sind ebenso komplex wie Politik““ weiterlesen

Demokratie und Globalisierung

Andreas Wirsching analysiert in seinem jüngsten Buch die Widersprüche in Europa seit 1989

Von Michael Hagel

Globalicious
Europa von Osten aus betrachtet – Foto: Rogiro/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Flüchtlingskrise, der Streit um angepasste Flüchtlingsquoten, der Syrienkrieg und Islamfeindlichkeit, Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien, die Eurokrise und der Austritt Großbritanniens aus der EU: Das derzeitige Europa befindet sich in einer schwierigen Phase.

Viele der gegenwärtigen Probleme Europas lassen sich besser verstehen, wenn man sie in eine historische Perspektive stellt. Dies versucht Andreas Wirsching, seines Zeichen Direktor am Institut für Zeitgeschichte München, in seinem jüngsten Buch Demokratie und Globalisierung. Europa seit 1989 im Kontext verschiedener Konflikte und Ereignisse des jüngeren Zeitgeschehens dem Leser verständlich zu erklären. „Demokratie und Globalisierung“ weiterlesen

Hilft Kiffen gegen Kommunikationsstörung?

Über Gefährdungen der Demokratie

Vor Kurzem hat sich in Berlin der Verein Kommunikative Demokratie e. V. gegründet, der sich für mehr Kommunikation in der Demokratie einsetzt. Wozu aber brauchen wir mehr Kommunikative Demokratie? Wir brauchen mehr Kommunikative Demokratie vor allem deswegen, weil eine nichtkommunikative Demokratie keine Demokratie ist; und weil eine kommunikations- oder anderweitig gestörte Demokratie, wie auch unsere es häufig ist, Gefahr läuft, eine nichtkommunikative zu werden.
cannabis-151920_1280Eine Störung der Demokratie zeigt sich bei uns an vielen Orten. Nehmen wir zum Beispiel die Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger, die der Philosoph Arnd Pollmann kürzlich als Verstoß gegen die Menschenwürde für verfassungswidrig erklärt hat. Als verfassungswidrig sogar bestätigt hat bereits 2002 das Bundesverfassungsgericht eine trotzdem immer noch gängige, ja sogar zunehmende Praxis der Verwaltungsbehörden: Cannabis-Konsumenten wird der Führerschein entzogen, auch wenn sie weder berauscht noch selbst am Steuer sitzen. Die Logik dahinter scheint zu sein: Wer schon nicht selber fährt, braucht ja wohl auch keinen Führerschein. Dazu der ‚Führerschein-Papst‘ Theo Pütz: „Würde diese Logik auch auf den Alkohol angewandt – die Autobahnen wären immer frei!“

Doch nicht nur auf den Autobahnen herrscht Streit. „Hilft Kiffen gegen Kommunikationsstörung?“ weiterlesen