It’s the psychology, stupid!

Die Herausforderung der Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968. „It’s the psychology, stupid!“ weiterlesen

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Die Ästhetisierung der Gesellschaft

Unsere Gesellschaft unterliegt einem Regime der Ästhetisierung, dennoch werden Kunst und Ästhetik in der Soziologie häufig vernachlässigt. Ein Textband schafft Abhilfe

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Kreativitätsdispositiv - Bild: mark sebastian/ Flickr, https://www.flickr.com/photos/markjsebastian/350164368/
Kreativitätsdispositiv – Bild: mark sebastian/Flickr

Eines der Hauptmerkmale der modernen kapitalistischen Gesellschaften ist ihre zunehmende Ästhetisierung. Seit Beginn der Postmoderne durchdringt das ästhetische Regime eines Kreativitätsimperativs sogar fast alle gesellschaftlichen Bereiche von Kunst über Wirtschaft bis Politik. Umso erstaunlicher ist es, dass die klassische Soziologie den Bereich des Ästhetischen weitgehend ausgeblendet hat. Einer, der sich seit einigen Jahren intensiv mit diesem Komplex auseinander setzt, ist der Kultursoziologe Andreas Reckwitz. In seinem Buch von 2012, Die Erfindung der Kreativität, hat er die Geschichte der modernen Ästhetisierung der Gesellschaft umfassend dargestellt. Zusammen mit seinen Mitarbeitern an der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder hat er nun einen Band Ästhetik und Gesellschaft herausgegeben, der grundlegende Texte aus jenen Bereichen der Sozial- und Kulturwissenschaften versammelt, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts der vorherrschenden Marginalisierung der Ästhetik in der Soziologie trotzen. Das beginnt bei Georg Simmel und Werner Sombart und reicht über Susan Sontag oder Pierre Bourdieu bis zu Boris Groys oder Michael Hardt. „Die Ästhetisierung der Gesellschaft“ weiterlesen