Die selbstbewusste Demokratie

Demokratie ist keine rein rationale Angelegenheit, sie lebt vom emotionalen Erleben ihrer Akteure, der Bürger. Die Demokratie muss also viel stärker in unserem Alltag integriert sein, um uns zu selbstbewussten Demokraten machen zu können

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Ein frühes Beispiel für selbstbewusste Demokratie: Perikles‘ Gefallenenrede – Bild: Philipp Foltz/Wikimedia

Was kann eine demokratische Gemeinschaft von Menschen tun, damit sie eine selbstbewusste demokratische Gemeinschaft wird und bleibt? Es geht bei dieser Frage wohl darum, ob „Demokratie“ von jenen „Bürgern“ tatsächlich als ein Gut erlebt und empfunden wird. Denn Churchills Schwundformel: „No one pretends that democracy is perfect or all-wise. Indeed, it has been said that democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ ist wohl kaum für oder von Bürgern geprägt, die „ihre“ Demokratie als ein hohes Gut empfinden, das sie zu schätzen wissen.

Wer einen „emotionalen“ Vergleich in Sachen demokratischem Selbstbewusstsein erleben will, der sei auf die berühmte Perikles-Rede bei Thukydides hingewiesen. Oder auf Äußerungen von Teilnehmern an „Citizen Assemblies“, die noch ganz unmittelbar von dem geflasht sind, was sie da gerade mit ihren Mitbürgern erlebt haben. Es macht also für uns als Menschen, die es schätzen, in einer Demokratie zu leben, einen nicht ganz kleinen Unterschied, ob wir unsere Demokratie auch als ein Gut für uns erleben können, oder ob wir es uns denken müssen, dass die Dinge doch eigentlich gar nicht so schlecht sind. Zumindest im Vergleich zu den katastrophalen Alternativen.

Für unser demokratisches Selbstbewusstsein ist also unser unmittelbares Erleben entscheidend. „Die selbstbewusste Demokratie“ weiterlesen

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Eine neue Hegemonie

Nick Srnicek und Alex Williams entwerfen Postkapitalismus als Projekt eines linken Populismus. Doch kann der den Kapitalismus beenden? Und wer ist eigentlich sein ‚Volk‘?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag sowie bei Le Bohémien

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„Find the right path“ – Foto: Justin Brown/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wer seit seinem Erscheinen 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen und vielleicht auch die darüber entstandene Debatte ein wenig verfolgt hat – in der den Akzelerationisten unter anderem vorgeworfen wurde, mit ihren Forderungen zu vage zu bleiben –, der wird womöglich mit großem Interesse auf dieses Buch der beiden britischen Politologen gewartet haben. So auch der Rezensent. Doch man sollte an Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work dennoch nicht die falschen Erwartungen stellen: etwa die nach einem Masterplan zur sofortigen Überwindung des neoliberalen Kapitalismus.

Denn wenn das nicht ohnehin eine hoffnungslos überzogene Erwartung an jedes beliebige Buch wäre, ist es auch Srniceks und Williams‘ tatsächlichem Anliegen unangemessen. Was sie zu skizzieren unternehmen, ist kein revolutionärer Coup, sondern eine belastbare Langzeitstrategie zur Überwindung des Neoliberalismus durch eine nachhaltige Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins – ebenso wie auch der Neoliberalismus selbst den sozialdemokratisch-keynesianisch geprägten Nachkriegskapitalismus abgelöst hat: in jahrzehntelanger geduldiger Kampagnenarbeit. „Eine neue Hegemonie“ weiterlesen

Den Finanzmarkt links überholen

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Akzelerationismus – Das neue Buch Making of Finance zeigt die Finanzmärkte aus der Innensicht und lässt überzeugte Kapitalisten zu Linken werden. Diese Woche wird es in Berlin vorgestellt

Links überholen - entspricht bei uns der StVO - Foto: jonbonsilver/Pixabay
Links überholen – entspricht bei uns der StVO – Foto: jonbonsilver/Pixabay

Eine der angesagtesten Richtungen der politischen Philosophie der Gegenwart ist dies trotz, oder vielleicht gerade wegen ihres äußerst sperrigen Namens, Akzelerationismus. Wer Latein kann, weiß: Es geht um „Beschleunigung“. Die Akzelerationisten suchen ihr Heil gegen den Turbokapitalismus nicht in der allseits gepriesenen Entschleunigung, sie wollen den Kapitalismus links überholen und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Dazu muss man aber erst einmal tief in seine Funktionsweisen eintauchen. Am tiefsten – und mit der höchsten Beschleunigung – geht das am Finanzmarkt, dort denkt man in Mikrosekunden (wer es sich vorstellen mag: 0,000001 Sekunden).

Ganz folgerichtig also, dass beim offiziellen Publikationsorgan des deutschsprachigen Akzelerationismus, dem Berliner Merve Verlag jetzt ein Blick hinter die Kulissen der Finanzmärkte geworfen wird: „Den Finanzmarkt links überholen“ weiterlesen