Welt ohne Ordnung

Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami über die drängenden Fragen von Gegenwart und Zukunft nachgedacht und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

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Spekulativer Strand – Foto: Ricardo Mangual/Flickr (CC BY 2.0)

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden zu gehen scheinen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben? „Welt ohne Ordnung“ weiterlesen

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Die Möglichkeit der Rechte

Der Jurist Christoph Möllers erklärt Philosophen den Begriff der Normen, der Philosoph Christoph Menke schreibt eine Kritik der Rechte. In Berlin haben sie sich getroffen

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Ermöglichung und Begrenzung. Die Skulptur „Universal Links on Human Rights“ von Tony O’Malley in Dublin – Foto: William Murphy/Flickr(CC), bit.ly/1ZORjVs

Die Sphäre des Normativen darf man wohl als eines der wesentlichen Merkmale des Menschlichen betrachten. Die übrige Natur folgt zwar Gesetzen, diese sind aber gewissermaßen nicht ‚gesetzt‘, sondern gegeben, und als solche ganz anderer Art als menschliche Gesetze und gesetztes Recht. Diese beruhen auf Normen, und die wiederum folgen, so meint jedenfalls Christoph Möllers, einem „Möglichkeitssinn“, einer Perspektive auf das, was eben nicht gegeben ist, oder was nicht so, wie es gegeben ist, sondern anders sein sollte. Der Berliner Jurist und Rechtsphilosoph sowie neuerdings Leibnizpreisträger hat im Herbst sein „Opus magnum“ (FAZ) über Die Möglichkeit der Normen vorgelegt, in dem er allerdings selbst einen nichtnormativen Ansatz verfolgt. Er fragt nicht – wie Moralphilosophen häufig –, wie der Inhalt oder die Wirkung von bestimmten Normen sein sollten, sondern zunächst einmal was eine Norm überhaupt ist: nämlich, so seine These, eine Weise, in der Welt zu ihr Distanz zu gewinnen und alternative Perspektiven aufzuzeigen. Mit seiner Begriffsarbeit will der Jurist Möllers „den Philosophen wie den Soziologen in die Suppe spucken“ (SZ), herausgekommen ist eine Art empirische Phänomenologie der Normen.

Ein spezieller, wohl exemplarischer Bereich der Normativität ist das Recht, Möllers‘ eigenes Metier. Ihm hat nun seinerseits der Frankfurter Philosoph Christoph Menke eine Kritik der Rechte gewidmet. Er geht darin aus „Die Möglichkeit der Rechte“ weiterlesen

Die Ästhetisierung der Gesellschaft

Unsere Gesellschaft unterliegt einem Regime der Ästhetisierung, dennoch werden Kunst und Ästhetik in der Soziologie häufig vernachlässigt. Ein Textband schafft Abhilfe

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Kreativitätsdispositiv - Bild: mark sebastian/ Flickr, https://www.flickr.com/photos/markjsebastian/350164368/
Kreativitätsdispositiv – Bild: mark sebastian/Flickr

Eines der Hauptmerkmale der modernen kapitalistischen Gesellschaften ist ihre zunehmende Ästhetisierung. Seit Beginn der Postmoderne durchdringt das ästhetische Regime eines Kreativitätsimperativs sogar fast alle gesellschaftlichen Bereiche von Kunst über Wirtschaft bis Politik. Umso erstaunlicher ist es, dass die klassische Soziologie den Bereich des Ästhetischen weitgehend ausgeblendet hat. Einer, der sich seit einigen Jahren intensiv mit diesem Komplex auseinander setzt, ist der Kultursoziologe Andreas Reckwitz. In seinem Buch von 2012, Die Erfindung der Kreativität, hat er die Geschichte der modernen Ästhetisierung der Gesellschaft umfassend dargestellt. Zusammen mit seinen Mitarbeitern an der Viadrina-Universität Frankfurt/Oder hat er nun einen Band Ästhetik und Gesellschaft herausgegeben, der grundlegende Texte aus jenen Bereichen der Sozial- und Kulturwissenschaften versammelt, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts der vorherrschenden Marginalisierung der Ästhetik in der Soziologie trotzen. Das beginnt bei Georg Simmel und Werner Sombart und reicht über Susan Sontag oder Pierre Bourdieu bis zu Boris Groys oder Michael Hardt. „Die Ästhetisierung der Gesellschaft“ weiterlesen