Eine neue Hegemonie

Nick Srnicek und Alex Williams entwerfen Postkapitalismus als Projekt eines linken Populismus. Doch kann der den Kapitalismus beenden? Und wer ist eigentlich sein ‚Volk‘?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag sowie bei Le Bohémien

Find_the_right_path
„Find the right path“ – Foto: Justin Brown/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wer seit seinem Erscheinen 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen und vielleicht auch die darüber entstandene Debatte ein wenig verfolgt hat – in der den Akzelerationisten unter anderem vorgeworfen wurde, mit ihren Forderungen zu vage zu bleiben –, der wird womöglich mit großem Interesse auf dieses Buch der beiden britischen Politologen gewartet haben. So auch der Rezensent. Doch man sollte an Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work dennoch nicht die falschen Erwartungen stellen: etwa die nach einem Masterplan zur sofortigen Überwindung des neoliberalen Kapitalismus.

Denn wenn das nicht ohnehin eine hoffnungslos überzogene Erwartung an jedes beliebige Buch wäre, ist es auch Srniceks und Williams‘ tatsächlichem Anliegen unangemessen. Was sie zu skizzieren unternehmen, ist kein revolutionärer Coup, sondern eine belastbare Langzeitstrategie zur Überwindung des Neoliberalismus durch eine nachhaltige Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins – ebenso wie auch der Neoliberalismus selbst den sozialdemokratisch-keynesianisch geprägten Nachkriegskapitalismus abgelöst hat: in jahrzehntelanger geduldiger Kampagnenarbeit. „Eine neue Hegemonie“ weiterlesen

Advertisements

Die Vierte Gewalt

Joseph Vogl beschreibt die parademokratische Macht der Finanzökonomie über einen nur noch scheinbar souveränen Staat. Aber wie lässt sie sich brechen?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Amthor-Oeconomica-Ausschnitt
Den Staat im Griff – Ökonomie über Philosophie                                               Titelkupfer aus C. H. Amthors Project der Oeconomic von 1716

In den vergangenen Wochen und Monaten ist angesichts vielfacher anderer Krisen die Finanz- und Eurokrise ein wenig in den Hintergrund der medialen Aufmerksamkeitsökonomie gerückt. Zeit also, wieder einmal daran zu erinnern, dass etwa Griechenland weiterhin fern von Genesung ist, der Druck der „Institutionen“ auf die Regierung unvermindert. Spätestens seit den griechischen Wahlen im Januar 2015, die das Linksbündnis Syriza gewann, wurden die Vorgänge dort auch als Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Kapital wahrgenommen. Eine düstere Geschichte von deren langem mal mehr, mal weniger spannungsreichen Verhältnis seit Beginn der Neuzeit hat Anfang des Jahres als passende Begleitlektüre der Literatur- und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl vorgelegt. Zeit, sich auch sie noch einmal vorzunehmen. „Die Vierte Gewalt“ weiterlesen

Vom Ende des Kapitalismus zum Postkapitalismus

Neue Bücher von Slavoj Žižek und Paul Mason ergründen Ende und Neuanfang unserer gesellschaftlichen Ordnung – und stellen die Frage, wie überhaupt Veränderung möglich ist

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag und bei Le Bohémien

Total vernetzt?
Total vernetzt? – Bild: yumikrum/Flickr (CC)

Angesichts der globalen Dauerkrisen der neoliberalen Wirtschaftsordnung spätestens seit 2007/08 stellt sich zunehmend wieder die zugegeben recht alte Frage, ob es ausreicht, das kapitalistische System nur zu reparieren – wenn auch anders als es durch sogenannte „Strukturreformen“ angeblich allenthalben versucht wird –, oder ob eine radikalere Lösung, sprich ein anderes, besseres System notwendig ist. Kurz: Reform oder Revolution? Einer, der schon immer für die zweite Variante plädiert hat, ist der slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Auch sein Buch Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism, das Ende Oktober auf Deutsch erscheint, nimmt die Perspektive einer radikalen Emanzipation vom Kapitalismus ein. Dabei aber liefert es zunächst einmal konzise, widerspruchsgesättigte Analysen der gegenwärtigen Lage, und zwar mithilfe des für Žižek bekannten Instrumentariums: Hegel, Marx, Nietzsche, Lacan, eine gute Ladung Popkultur und jede Menge politisch inkorrekte „dialektische“ Witze. „Vom Ende des Kapitalismus zum Postkapitalismus“ weiterlesen

Wirtschaftswissenschaft für Anfänger

Das Buch Time for Change des griechischen Ex-Finanzministers Yanis Varoufakis hat einen pädagogischen Ansatz und gute Intentionen. Manches daran bleibt jedoch fraglich

Von Lea Fauth

Die Ökonomie wurde - wie Europa - in Griechenland erfunden. - Bild: BITLAKE/Pixabay (CC)
Die Ökonomie wurde, wie Europa, in Griechenland erfunden. – Bild: BITLAKE/Pixabay (CC)

Erstaunlich genug, wenn man das Buch überhaupt erst in die Hand genommen hat: Mit charmantem Lächeln, lässig die eine Hand in der Hosentasche, glänzt Yanis Varoufakis mit der Sonne im Gesicht auf dem Buchdeckel der deutschen Ausgabe seiner schon etwas älteren Veröffentlichung Time for change. Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre. Dahinter eine rissige Betonwand. Ein Rapper? Ein Filmstar? Das Buch wirkt wie ein People-Magazin, das im Wirtschaftsressort eigentlich nichts verloren hat.

Ein ziemlich billiges Vorgehen des Hanser Verlags, der die deutsche Übersetzung herausgebracht hat: Die Berühmtheit des ehemaligen griechischen Finanzministers soll nach bester Boulevard-Manier zunutze gemacht werden, um ordentlich auf die Kasse zu schlagen. Über Monate hatte sich das in den deutschen Medien ja auch nur allzu gut verkauft: Der lässige Motorradfahrer mit der Lederjacke, dieses viel zu coole Auftreten standen im Rampenlicht – politische Inhalte verblassten daneben. Und auch hier wird der programmatische und sehr politische Titel „Time for change“ durch die Umschlaggestaltung völlig entfremdet. So wird einmal mehr die Chance verpasst, entgegen dem Medienrummel Yanis Varoufakis als das ernst zu nehmen, was er eigentlich ist – nämlich als Wirtschaftswissenschaftler. „Wirtschaftswissenschaft für Anfänger“ weiterlesen

Theorie als Praxis des Partygesprächs

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Philipp Felsch erzählt furios, wie Theorie-Debatten um ’68 als revolutionäres Handeln galten und in den 80ern im Kneipengerede endeten. Gibt es bald eine Fortsetzung?

Das ganz normale Wunder des Miteinander-Redens - Bild: Andi_Graf/Pixabay(CC)
Das ganz normale Wunder des Miteinander-Redens – Bild: Andi_Graf/Pixabay(CC)

Es ist ja schon sehr viel über Philipp Felschs grandioses Buch Der lange Sommer der Theorie gesagt worden, zumeist Positives, bisweilen Begeistertes. Felsch zeichnet darin die Geschichte des philosophisch-literarischen Genres Theorie vor allem anhand der Entwicklung seines wohl profiliertesten Exponenten, des Berliner Merve Verlags und seiner Verleger nach. Ihm ist damit ein furioses Zeitportrait der 1960er bis ’80er Jahre gelungen. Einer der wenigen, dafür mehrfach von Rezensenten geäußerten Kritikpunkte ist interessanterweise Felschs eigener Verzicht auf Theorie sowie auf Historisierung. Das ist als Vorwurf an den distanziert betrachten wollenden Historiker zwar vielleicht etwas verwunderlich. Angesichts der letztlich doch auch melancholisch stimmenden Erzählung einer fortlaufenden Reihe immer neuer theoretischer Relativierungen ist es allerdings auch verständlich. „Theorie als Praxis des Partygesprächs“ weiterlesen

Die Infantilisierung unserer Gesellschaft

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Rauchverbot, Bologna-Reform, Hartz-IV – warum lassen wir uns eigentlich wie Kinder behandeln? Eine Antwort auf Paul Verhaeghes Neoliberalismus-Kritik, und die Frage nach dem guten Leben

Glanz und Elend der Kindheit
Depressives Vergnügen? Glanz und Elend der Kindheit für Erwachsene – Foto: Ryan McGuire/Pixabay

Vor einigen Wochen hat der belgische Psychologe Paul Verhaeghe im Guardian und im Freitag in einem Artikel über den „neoliberalen Charakter“ Richard Sennetts Formulierung von der „Infantilisierung der Angestellten“ aus dessen Buch Respect in a World of Inequality von 2003 wieder aufgenommen. In seinem Klassiker von 1977, The Fall of Public Man, hatte der amerikanische Soziologe Sennett die von Jürgen Habermas entwickelte Theorie vom Strukturwandel der Öffentlichkeit weitergeführt, wonach die in der Moderne erkämpfte und sie prägende „bürgerliche Öffentlichkeit“ in unserer Zeit dabei sei, sich durch ihre vollkommene Herstellung selbst wieder aufzuheben. Sennett sprach damals von den „Tyrraneien der Intimität“, für die der private und der öffentliche Bereich verschmolzen sind. Auf das eigentliche Intimleben bezogen bedeutet das etwa, dass der Sex die Erotik des Rollenspielerischen verliert zugunsten eines Zwangs zu persönlicher Offenbarung, die wiederum Narzissmus begünstigt. Ein Beispiel aus dem ursprünglichen Bereich der Öffentlichkeit wäre die neuere Generation von Talkshows, die keiner sachlichen Diskussion allgemein bedeutsamer Angelegenheiten dienen, sondern allein der Selbstdarstellung der Teilnehmer.

Doch schon für Habermas begann diese Entwicklung in der Sphäre der Erwerbsarbeit als einem Dritten zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Und Verhaeghe resümiert für die Gegenwart: „Die Infantilisierung unserer Gesellschaft“ weiterlesen