Welt ohne Ordnung

Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami über die drängenden Fragen von Gegenwart und Zukunft nachgedacht und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

SONY DSC
Spekulativer Strand – Foto: Ricardo Mangual/Flickr (CC BY 2.0)

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden zu gehen scheinen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben? „Welt ohne Ordnung“ weiterlesen

Advertisements

Jenseits von Gegenwart

Die kapitalistische Gegenwart wird zunehmend von einer automatisierten Zukunft bestimmt und geschluckt. Da helfen nur Spekulation und Grammatik, meint ein neuer Textband

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

Zeitkomplex
Im Zeitkomplex verschmelzen Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart

Man hätte eigentlich glauben sollen, dass spätestens mit dem Ende des ‚Endes der Geschichte‘ und seiner Spielart der (Post-)Postmoderne auch die Rede von ‚Post-dieses‘, ‚Post-jenes‘, ‚Post-alles‘ aufhören, oder zumindest etwas abebben würde. Die Karriere der Postdemokratie und aktuell des Postkapitalismus lassen allerdings eher etwas anderes vermuten. Das Problem an einer solchen negativen, nur in einer Abgrenzung bestehenden Begriffsbildung ist ja, dass sie (noch) nicht sagt, was sie will, sondern erst einmal nur, was sie nicht will. Als Zwischenschritt mag das ja in Ordnung, manchmal gar notwendig sein, – solange man nicht dabei stehen bleibt.

Insofern gibt ein neuer Textband, den die Philosophen Armen Avanessian und Suhail Malik gerade bei Merve herausgegeben haben, ein ganz ordentliches Vorbild ab. „Jenseits von Gegenwart“ weiterlesen

Eine neue Hegemonie

Nick Srnicek und Alex Williams entwerfen Postkapitalismus als Projekt eines linken Populismus. Doch kann der den Kapitalismus beenden? Und wer ist eigentlich sein ‚Volk‘?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag sowie bei Le Bohémien

Find_the_right_path
„Find the right path“ – Foto: Justin Brown/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wer seit seinem Erscheinen 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen und vielleicht auch die darüber entstandene Debatte ein wenig verfolgt hat – in der den Akzelerationisten unter anderem vorgeworfen wurde, mit ihren Forderungen zu vage zu bleiben –, der wird womöglich mit großem Interesse auf dieses Buch der beiden britischen Politologen gewartet haben. So auch der Rezensent. Doch man sollte an Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work dennoch nicht die falschen Erwartungen stellen: etwa die nach einem Masterplan zur sofortigen Überwindung des neoliberalen Kapitalismus.

Denn wenn das nicht ohnehin eine hoffnungslos überzogene Erwartung an jedes beliebige Buch wäre, ist es auch Srniceks und Williams‘ tatsächlichem Anliegen unangemessen. Was sie zu skizzieren unternehmen, ist kein revolutionärer Coup, sondern eine belastbare Langzeitstrategie zur Überwindung des Neoliberalismus durch eine nachhaltige Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins – ebenso wie auch der Neoliberalismus selbst den sozialdemokratisch-keynesianisch geprägten Nachkriegskapitalismus abgelöst hat: in jahrzehntelanger geduldiger Kampagnenarbeit. „Eine neue Hegemonie“ weiterlesen

Die Möglichkeit der Rechte

Der Jurist Christoph Möllers erklärt Philosophen den Begriff der Normen, der Philosoph Christoph Menke schreibt eine Kritik der Rechte. In Berlin haben sie sich getroffen

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Human-Rights-Sculpture3
Ermöglichung und Begrenzung. Die Skulptur „Universal Links on Human Rights“ von Tony O’Malley in Dublin – Foto: William Murphy/Flickr(CC), bit.ly/1ZORjVs

Die Sphäre des Normativen darf man wohl als eines der wesentlichen Merkmale des Menschlichen betrachten. Die übrige Natur folgt zwar Gesetzen, diese sind aber gewissermaßen nicht ‚gesetzt‘, sondern gegeben, und als solche ganz anderer Art als menschliche Gesetze und gesetztes Recht. Diese beruhen auf Normen, und die wiederum folgen, so meint jedenfalls Christoph Möllers, einem „Möglichkeitssinn“, einer Perspektive auf das, was eben nicht gegeben ist, oder was nicht so, wie es gegeben ist, sondern anders sein sollte. Der Berliner Jurist und Rechtsphilosoph sowie neuerdings Leibnizpreisträger hat im Herbst sein „Opus magnum“ (FAZ) über Die Möglichkeit der Normen vorgelegt, in dem er allerdings selbst einen nichtnormativen Ansatz verfolgt. Er fragt nicht – wie Moralphilosophen häufig –, wie der Inhalt oder die Wirkung von bestimmten Normen sein sollten, sondern zunächst einmal was eine Norm überhaupt ist: nämlich, so seine These, eine Weise, in der Welt zu ihr Distanz zu gewinnen und alternative Perspektiven aufzuzeigen. Mit seiner Begriffsarbeit will der Jurist Möllers „den Philosophen wie den Soziologen in die Suppe spucken“ (SZ), herausgekommen ist eine Art empirische Phänomenologie der Normen.

Ein spezieller, wohl exemplarischer Bereich der Normativität ist das Recht, Möllers‘ eigenes Metier. Ihm hat nun seinerseits der Frankfurter Philosoph Christoph Menke eine Kritik der Rechte gewidmet. Er geht darin aus „Die Möglichkeit der Rechte“ weiterlesen

Soziale Freiheit und kommunikative Demokratie

Axel Honneth entwirft in seiner Aktualisierung des Sozialismus ein Konzept kommunikativer Demokratie, das eine internationale NGO umsetzen soll. Eine steht schon bereit

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Twitter-WorldMap3
Grenzenlose Kommunikation? Bewegung und Kommunikation im Netzwerk Twitter – Bild: Eric Fischer/ Flickr(CC), https://flic.kr/p/b7ntgR

Mehr als 25 Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks und damit des sogenannten realexistierenden Sozialismus zumindest in Europa muss man sich in der Tat fragen, warum zugleich mit diesem gescheiterten Projekt auch beinah die gesamte ideelle Stoßkraft des Sozialismus überhaupt verschwunden ist. Die totalitären sozialistischen Systeme scheinen die ihnen zugrunde liegende Vision dermaßen diskreditiert zu haben, dass ein ernsthaftes Wiederanschließen an diese Vision heute geradezu unmöglich geworden ist. Dem Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth reicht diese Erklärung in seinem Buch Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung allerdings keineswegs aus. Er attestiert unserer Gegenwart vielmehr eine grundsätzliche Utopielosigkeit, ja eine Fetischisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, die trotz weiter wachsender Empörung über skandalöse soziale Ungleichheiten eine radikale Veränderbarkeit dieser Verhältnisse für schlichtweg unmöglich hält. Die vielbeschworene Politik, oder besser Ideologie der Alternativlosigkeit hat hier ganze Arbeit geleistet.

Dennoch gibt es für Honneth auch dem Sozialismus selbst inherente Gründe, die seinen utopischen Kern heute noch zusätzlich anschlussunfähig gemacht haben. „Soziale Freiheit und kommunikative Demokratie“ weiterlesen

Der Legostein des Widerstands

Beim Berliner Literaturfestival diskutierten Philosophen und Literaturwissenschaftler über Ästhetik und Widerstand, Schwanensee und den Lego Movie

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses - Foto: Ealdgyth/Wikimedia
Ästhetik des Widerstands nach Peter Weiss. Detail des Berliner Pergamonfrieses  Foto:Ealdgyth/Wikimedia

Vor einer Weile habe ich anlässlich meiner Rezension zu Philipp Felschs Buch Der lange Sommer der Theorie über den Berliner Merve Verlag auf eine äußerst vielversprechende Veranstaltung im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) hingewiesen. Diese Veranstaltung fand dann leider nicht wie damals angekündigt statt: als gemeinsame Exploration Felschs mit den heutigen Merve-Verlegern über die Zukunft der Theorie. Stattdessen gab es eine herkömmliche Buchvorstellung im Gespräch mit dem Zeitzeugen Michael Rutschky (der das Buch für die Zeit auch schon rezensiert hatte). Allerdings war diese Präsentation eingegliedert in eine Reihe „Ästhetiken des Widerstands“, die ihren Abschluss in einer prominent besetzten größeren Podiumsdiskussion zu diesem Titel fand, unter Beteiligung des Merve-Chefredakteurs und von Philipp Felsch moderiert. Die Anspielung auf den Titel des berühmten Romans von Peter Weiss aus den 70er Jahren kommt übrigens nicht von ungefähr: Aber wer weiß eigentlich, dass der Träger des ilb die Peter-Weiss-Stiftung ist?

Die erste Veranstaltung der Reihe „Der Legostein des Widerstands“ weiterlesen

Den Finanzmarkt links überholen

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Akzelerationismus – Das neue Buch Making of Finance zeigt die Finanzmärkte aus der Innensicht und lässt überzeugte Kapitalisten zu Linken werden. Diese Woche wird es in Berlin vorgestellt

Links überholen - entspricht bei uns der StVO - Foto: jonbonsilver/Pixabay
Links überholen – entspricht bei uns der StVO – Foto: jonbonsilver/Pixabay

Eine der angesagtesten Richtungen der politischen Philosophie der Gegenwart ist dies trotz, oder vielleicht gerade wegen ihres äußerst sperrigen Namens, Akzelerationismus. Wer Latein kann, weiß: Es geht um „Beschleunigung“. Die Akzelerationisten suchen ihr Heil gegen den Turbokapitalismus nicht in der allseits gepriesenen Entschleunigung, sie wollen den Kapitalismus links überholen und ihn mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Dazu muss man aber erst einmal tief in seine Funktionsweisen eintauchen. Am tiefsten – und mit der höchsten Beschleunigung – geht das am Finanzmarkt, dort denkt man in Mikrosekunden (wer es sich vorstellen mag: 0,000001 Sekunden).

Ganz folgerichtig also, dass beim offiziellen Publikationsorgan des deutschsprachigen Akzelerationismus, dem Berliner Merve Verlag jetzt ein Blick hinter die Kulissen der Finanzmärkte geworfen wird: „Den Finanzmarkt links überholen“ weiterlesen