Jenseits von Gegenwart

Die kapitalistische Gegenwart wird zunehmend von einer automatisierten Zukunft bestimmt und geschluckt. Da helfen nur Spekulation und Grammatik, meint ein neuer Textband

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

Zeitkomplex
Im Zeitkomplex verschmelzen Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart

Man hätte eigentlich glauben sollen, dass spätestens mit dem Ende des ‚Endes der Geschichte‘ und seiner Spielart der (Post-)Postmoderne auch die Rede von ‚Post-dieses‘, ‚Post-jenes‘, ‚Post-alles‘ aufhören, oder zumindest etwas abebben würde. Die Karriere der Postdemokratie und aktuell des Postkapitalismus lassen allerdings eher etwas anderes vermuten. Das Problem an einer solchen negativen, nur in einer Abgrenzung bestehenden Begriffsbildung ist ja, dass sie (noch) nicht sagt, was sie will, sondern erst einmal nur, was sie nicht will. Als Zwischenschritt mag das ja in Ordnung, manchmal gar notwendig sein, – solange man nicht dabei stehen bleibt.

Insofern gibt ein neuer Textband, den die Philosophen Armen Avanessian und Suhail Malik gerade bei Merve herausgegeben haben, ein ganz ordentliches Vorbild ab. „Jenseits von Gegenwart“ weiterlesen

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Nie wieder arbeiten?

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Die Berliner Theoriekantine diskutierte mit Diedrich Diederichsen über Partizipation als Mitmachphantasma der Postdemokratie und über das Ende der Arbeit

"Partizipation ist das neue Spektakel", Marina Abramović und Publikum bei der Arbeit – Foto: Andrew Russeth/Flickr (CC)
„Partizipation ist das neue Spektakel“: Marina Abramović, ‚The Artist is Present‘                          Foto: Andrew Russeth/Flickr (CC)

Theoriekantine heißt das „offene Diskursformat“, zu dem die PhilosophInnen Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton regelmäßig in die Vierte Welt in Berlin-Kreuzberg einladen. Vergangenen Freitag hatten sie zum Ersatz für Muhle als Gast den legendären Poptheoretiker und Kulturwissenschaftler (sowie Ehemann Rebentischs) Diedrich Diederichsen eingeladen und unter dem Titel „Die Hölle der Partizipation“ einen Ausschnitt seines Buchs Eigenblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation von 2008 als Ausgangspunkt für die Diskussion gewählt. „Nie wieder arbeiten?“ weiterlesen

Keine, eine oder viele Alternativen?

Von den Gefahren des Versuches, die Regentschaft der Kaiserin TINA mit den ideologischen Waffen des 20. Jahrhunderts zu beenden

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Wenn Situationen für ausweglos erklärt werden, lohnt es sich an Kant zu denken: Den Ausgang findet man meistens durch die Überwindung der selbst verschuldeten Unmündigkeit.

Das Ende der politischen Alternativen verkünden seit einigen Jahren Politiker und Wissenschaftlerinnen rund um den Globus. Da sind Abweichungen von dieser Sprachregelung sehr erfrischend: „The end of nature“, das Ende der Natur – oder vielleicht besser ins Deutsche übertragen: der Umwelt – vermeldete am 05. Februar der Geograph Erik Swyngedouw bei einer Veranstaltung an der Berliner Humboldt Universität. In einem der ungewöhnlichsten und inspirierendsten Vorträge, die ich in den letzten Jahren Gelegenheit hatte zu hören, erläuterte der in Belgien geborene und derzeit an der University of Manchester lehrende Wissenschaftler seine Sicht auf die Klimapolitik im Besonderen und auf den Status von Politik im 21. Jahrhundert im Allgemeinen.

Und diese Sicht beruht nicht etwa auf einer leichten Variation des bekannten TINA-Themas, sondern ist außerordentlich bemerkenswert und erhellend für alle, die an einer kritischen Analyse der größten Defizite westlicher politischer Systeme in unserer Gegenwart interessiert sind. Swyngedouw entlarvt geistreich die Denkfehler, ja man möchte sagen, die Idiotien einer Politik der Ausweg- und Alternativlosigkeit, die ganze Gesellschaften lähmen und handlungsunfähig machen kann. „Keine, eine oder viele Alternativen?“ weiterlesen