It’s the psychology, stupid!

Die Herausforderung der Demokratie durch den sogenannten Populismus ist eine ernst zu nehmende Bedrohung. Aber die Emotionalisierung der Politik könnte sich am Ende als Chance erweisen – zur Erneuerung unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.

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Keine falsche Angst vor Psychologie: Unsere Demokratie gehört auf die Couch!

Ideologische und hitzige Diskussionen, pöbelnde Massen, Gewaltausbrüche – und mittendrin ein politischer Konflikt, der sich doch eigentlich auch auf friedliche Weise lösen lassen müsste. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor? Ich jedenfalls fühlte mich eigentümlich an unsere unmittelbare Gegenwart erinnert, als ich kürzlich in meiner neuen Wahlheimat Düsseldorf eine Ausstellung über die Geschichte des dortigen Schauspielhauses besuchte und zum ersten Mal von den harten und zeitweise ziemlich unbarmherzigen Auseinandersetzungen um diesen Bau erfuhr. Konservativen Bürgern war er zu modern und zu provokant, linken Studenten zu bürgerlich und realitätsvergessen. Und so ziemlich allen war er zu teuer. Eine Mischung, die Ende der 1960er Jahre offenbar ausreichte, um die Stimmung in der Stadt zeitweise zum Explodieren zu bringen. Wegen eines Theaterneubaus, wohlgemerkt.

Nach dem Besuch der Ausstellung dachte ich Folgendes: Wenn wir uns heute über die Emotionalisierung von Politik wundern, über aufgeheizte Debatten und mangelnde Kompromissfähigkeit, dann sollten wir nicht glauben, dass wir die ersten wären, die so etwas erleben und auch nicht, dass unsere Welt dadurch notwendig und sofort aus den Angeln gehoben wird: Erstens erleben offensichtlich auch aufgeklärte Demokratien immer wieder kürzere und längere Phasen einer politischen Emotionalisierung. Und zweitens müssen sich diese Phasen aufgeheizter Debatten und explodierender sozialer Konflikte nicht immer nur als reine Katastrophen erweisen, sondern können auch sehr handfeste Chancen bergen, für eine Weiterentwicklung von Politik und Gesellschaft. Siehe 1968. „It’s the psychology, stupid!“ weiterlesen

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Die Krise als postkoitale Depression

Der Ökonom Tomáš Sedláček unterzieht seine Disziplin einer Psychoanalyse und will so den Kapitalismus vom Wachstumswahn heilen. In Berlin hat er sein Buch vorgestellt

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag

Sex und Selbsterkenntnis - Wandversion von John Colliers
Sex und Selbsterkenntnis: Street Art mit John Colliers „Lilith“ (1892) – Foto: Salvatore Vastano/Flickr

Vergangene Woche hat er in Berlin sein neues Buch Lilith und die Dämonen des Kapitals vorgestellt „Die Krise als postkoitale Depression“ weiterlesen

Geld ist unsere Religion

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Und am Geld klebt Blut. Christoph Türcke erklärt den sakralen Ursprung des Geldes aus dem Opferkultus und zieht Parallelen bis in die Gegenwart. Eine demokratiegeschichtliche Lektüre

In god we trust? Detail einer FED-Note (1 US-Dollar) – Foto: Mark Turnauckas/Flickr
In god we trust? Detail einer FED-Note (1 US-Dollar) – Foto: Mark Turnauckas/Flickr

Was ist Geld? Für diese Frage braucht die Ökonomie anscheinend von Zeit zu Zeit Philosophen. Nun hat Christoph Türcke sich an einer Antwort versucht. Dabei hat er mit Mehr! vielleicht nicht wirklich eine Philosophie des Geldes vorgelegt, wie der Untertitel es vorgibt, sondern eher eine psychologisch-philosophische Kultur- und Sozialgeschichte des Geldes. Ein grandioses Buch ist es allemal geworden. Wie schon für David Graeber entsteht auch für Türcke Geld nicht aus dem Tausch, sondern aus Schulden. Nur verfolgt er diese nun noch weiter zurück, und zwar zu den ersten menschlichen Opferhandlungen. Seine These: Geld ist Schuld, die im Opfervorgang entsteht. Es entstammt also dem sakralen Bereich. Dies wird zunächst etymologisch hergeleitet: Das Wort „Geld“ habe nichts mit „Gold“ zu tun, sondern stamme vom angelsächsischen gilt, das im Englischen guilt ja auch heute noch Schuld bedeutet. Dass diese Schuld aber eine ursprünglich sakrale ist, versucht Türcke sodann im Rückgang in die Altsteinzeit sozusagen spekulativ zu belegen.

Die ersten Opferhandlungen erklärt er „Geld ist unsere Religion“ weiterlesen

Ist Angela Merkel Avantgarde?

angela-merkel-60603_1280Warum unsere Demokratie in Zukunft mehr Kommunikation wagen muss und was die Regierungsweise der Bundeskanzlerin damit zu tun hat

Kürzlich meldete SPIEGEL ONLINE, die Bundeskanzlerin greife auf Meinungsumfragen zurück, um Bürgerwünsche teilweise wortgleich in ihre Regierungserklärungen zu übernehmen. Das verwundert eigentlich nicht, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um dieselbe Angela Merkel handelt, die z.B. in Fragen der Familienpolitik oder der Atomenergie schon einmal lange gepflegte Positionen der von ihr geführten CDU aufgibt, wenn sie den Eindruck hat, dass die Mehrheit der Bevölkerung eine andere Ansicht vertritt. Ganz gleich, was man von der Kanzlerin und ihrer Regierungsweise halten mag – ihr vorzuwerfen, sie ignoriere die Wünsche der Bevölkerung, ist ein Vorwurf, der ins Leere zielt.

Ist Angela Merkel also eine Vorreiterin einer neuen Art von Politik, gar einer neuen Form der Demokratie? Das haben schon manche so gedeutet. Aber ist es wirklich wegweisend und gar noch besonders demokratisch, die eigene Politik von Meinungsumfragen abhängig zu machen? „Ist Angela Merkel Avantgarde?“ weiterlesen