„Die Gefahr wurde unterschätzt“

Wie umgehen mit den Corona-Demos? Ein Gespräch mit dem Konfliktforscher Andreas Zick über Zivilcourage und ein neues Politikverständnis

Demonstranten und Gegendemonstranten in Berlin – Bild: Enno Lenze (CC BY-NC 2.0)

Herr Zick, wie gravierend sind unsere gesellschaftlichen Konflikte im Zusammenhang mit der Coronakrise im Augenblick?

Andreas Zick: Wir sind ja nicht konfliktfrei in diese Krise hineingekommen. Es gab bereits vor der Coronakrise einen stärkeren Zusammenhang zwischen antidemokratischen Orientierungen und Gewaltbilligung, der sich auch in der Krise auswirkt. Außerdem gab es zunehmende Spaltungen, die sich zum Beispiel in den menschenfeindlichen Ressentiments gegen Minderheiten, Amtsträger und andere Gruppen gezeigt haben.

Das hat zu neuen antidemokratischen Gemeinschaftsbildungen geführt – etwa zu einem Anstieg von rechtem Verschwörungsglauben –, die sich in Teilen radikalisiert haben, während umgekehrt bei anderen das Vertrauen in die Demokratie noch weiter gewachsen ist. Zu dieser politischen Polarisierung kommen aber auch ökonomische und soziale Verwerfungen, die im Auslauf von Krisen und Pandemien immer zunehmen und zu erhöhter Ungleichheit führen. Insofern stehen uns weitere Konflikte, auch die eigentlichen Wertekonflikte, erst noch bevor.

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Einfach nur Arschlöcher?

Während das Land noch über „Hetzjagden“ und „Jagdszenen“ in Chemnitz streitet, würde es sich vielleicht auch lohnen, mal über einen anderen Begriff zu sprechen. Eine Dekonstruktion des Arschlochs

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… einfach nur Arschlöcher? – Bild: De Havilland/Flickr (CC BY-NC 2.0)

Am Ende hat sich das Land also mal wieder vor allem über Begriffe gestritten: Kam es vor zwei Wochen in Chemnitz nun zu “Hetzjagden” oder doch nur zu “Jagdszenen”? Ein Streit über Begriffe ist eine wichtige und gute Sache, es ist für die Erfassung der Realität relevant, wie Dinge benannt werden. Und es ist besser und im Zweifelsfall zivilisierter, mit Worten zu kämpfen als mit Fäusten oder Waffen. Ein solcher Streit um Worte trägt aber nur dann zur Zivilisierung von Auseinandersetzungen bei, wenn er zumindest einen Deut mehr an Besonnenheit aufweist als diese. Andernfalls kann er sie auch verschlimmern.

Leider eskalieren in Deutschland derzeit sowohl verbale wie nonverbale Auseinandersetzungen. Gewaltbereite Rechtsextreme entwickeln ein wahrlich beängstigendes Mobilisierungspotential, aber auch die öffentliche Debatte entgleist, die Grenzen des Denk- und Sagbaren verschieben sich immer weiter, wo man schon vor Kilometern denken mochte, es sei nicht noch mehr Entgleisung und Entgrenzung möglich. Angesichts der jüngsten Interview-Äußerungen von Alexander Gauland hat selbst einer der Verfasser des mit seinem meist als Imperativ missverstandenen Titel inzwischen fast schon zu einer ideologischen Wasserscheide gewordenen (und dabei wohl umso seltener gelesenen) Buchs Mit Rechten reden, der Philosoph Daniel-Pascal Zorn, eine rote Linie gezogen. Mit offensichtlich verfassungsfeindlichen Beteuerern ihrer Verfassungstreue wolle auch er nicht mehr reden. „Einfach nur Arschlöcher?“ weiterlesen