Die Infantilisierung unserer Gesellschaft

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag

Rauchverbot, Bologna-Reform, Hartz-IV – warum lassen wir uns eigentlich wie Kinder behandeln? Eine Antwort auf Paul Verhaeghes Neoliberalismus-Kritik, und die Frage nach dem guten Leben

Glanz und Elend der Kindheit
Depressives Vergnügen? Glanz und Elend der Kindheit für Erwachsene – Foto: Ryan McGuire/Pixabay

Vor einigen Wochen hat der belgische Psychologe Paul Verhaeghe im Guardian und im Freitag in einem Artikel über den „neoliberalen Charakter“ Richard Sennetts Formulierung von der „Infantilisierung der Angestellten“ aus dessen Buch Respect in a World of Inequality von 2003 wieder aufgenommen. In seinem Klassiker von 1977, The Fall of Public Man, hatte der amerikanische Soziologe Sennett die von Jürgen Habermas entwickelte Theorie vom Strukturwandel der Öffentlichkeit weitergeführt, wonach die in der Moderne erkämpfte und sie prägende „bürgerliche Öffentlichkeit“ in unserer Zeit dabei sei, sich durch ihre vollkommene Herstellung selbst wieder aufzuheben. Sennett sprach damals von den „Tyrraneien der Intimität“, für die der private und der öffentliche Bereich verschmolzen sind. Auf das eigentliche Intimleben bezogen bedeutet das etwa, dass der Sex die Erotik des Rollenspielerischen verliert zugunsten eines Zwangs zu persönlicher Offenbarung, die wiederum Narzissmus begünstigt. Ein Beispiel aus dem ursprünglichen Bereich der Öffentlichkeit wäre die neuere Generation von Talkshows, die keiner sachlichen Diskussion allgemein bedeutsamer Angelegenheiten dienen, sondern allein der Selbstdarstellung der Teilnehmer.

Doch schon für Habermas begann diese Entwicklung in der Sphäre der Erwerbsarbeit als einem Dritten zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Und Verhaeghe resümiert für die Gegenwart: „Die Infantilisierung unserer Gesellschaft“ weiterlesen

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