Warum machen wir das nicht einfach?

Wenn die neue Regierung nicht über die Zukunft redet, müssen es eben andere tun. In der Berliner Urania haben einige schon mal angefangen

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Zukunftsdenker Ronzheimer, Burmeister, Göpel, Brandt – Foto: denkzentrum|demokratie (CC)

Beinahe ein halbes Jahr hat sie gedauert, die Regierungsbildung nach der Bundstagswahl im vergangenen Herbst. Und herausgekommen ist nun doch nur wieder dasselbe wie vorher, eine Große Koalition unter Kanzlerin Merkel, die morgen nach langem Bangen endlich in ihrem Amt bestätigt werden wird. Es ist, da sind sich viele Beobachter und Kommentatoren einig, eine Koalition von gestern, ein nur noch nachhallender Abgesang der im Grunde längst an ihr Ende gekommenen Ära Angela Merkels, die sich nur mit letzter Kraft noch einmal an ihr Amt zu klammern vermochte. Statt der wenigstens noch etwas frischen Wind versprechenden Experimente einer Jamaika-Koalition oder einer Minderheitsregierung, statt der bis zuletzt in Teilen der SPD so sehnlich erhofften “Erneuerung” der Partei nun eine erneute alte Groko mit immerhin einigermaßen ausgetauschtem Personal. Der einzige Trost der auch Erneuerung des Landes Erhoffenden dürfte der sein, dass wohl auch keine andere der nach dem Wahlergebnis vom Herbst realistischen Regierungskonstellationen die wirklich wichtigen Zukunftsfragen irgendwie beherzter angegangen wäre als die Groko.

Umso wichtiger ist es, dass andere diese Zukunftsfragen weiter stellen. „Warum machen wir das nicht einfach?“ weiterlesen

Neue Blog-Reihe: demokraDienstag

Für alle, denen der Politzirkus derzeit schon genug Karneval bietet, starten wir heute pünktlich zu Fasching den demokraDienstag. Unsere neue Blog-Reihe entwirft von nun an jeden zweiten Dienstag im Monat Zukunftsperspektiven der Demokratie.

Den Anfang machen unsere mit|denker Andreas Schiel und Tom Wohlfarth mit ihrem Input vom NRW-Dialogforum über Privatisierung und Wiederaneignung von Politik.

In diesem Sinne: Demokratie Alaaf und Helau!

Mit|diskutieren

Lust, diesen Herbst mit uns über die Zukunft der Demokratie zu reden?! Dazu gibt es gute Gelegenheiten in Berlin, Düsseldorf und Dresden:

Diskussion „Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen“, Filmvorführung mit Podium
25. Oktober 2017, ab 18:30 Uhr im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Berlin
Für das d|d diskutiert: Andreas Schiel
Link zur Veranstaltungsseite

Diskussion Alternatives in Progress? Degrowth & #Acceleration
27. Oktober 2017, ab 16:00 Uhr im Zentrallabor, Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung, Sophienstraße 22a, Berlin. Podiumsdiskussion ab 18:00 Uhr (auf Englisch)
Für das d|d diskutiert: Tom Wohlfarth
Link zur Facebook-Veranstaltung

Impuls Die Sehnsucht nach Resonanz und die Privatisierung der Politik
23. bzw. 24. November 2017 beim NRW-Dialogforum 2017 des FGW, Düsseldorf
Impulsgeber: Tom Wohlfarth und Andreas Schiel

Vortrag In Zukunft besser mit Gefühl?! Die Emotionalisierung unserer Demokratie als Herausforderung und Chance
28. November 2017, 19:00 Uhr im Stadtmuseum Dresden
Vortrag: Andreas Schiel
Link zum Flyer der Veranstaltungsreihe

Welt ohne Ordnung

Der Philosoph Armen Avanessian hat am Strand von Miami über die drängenden Fragen von Gegenwart und Zukunft nachgedacht und dort die Zeichen einer künftigen Weltordnung entdeckt: einer Welt ohne Ordnung

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Spekulativer Strand – Foto: Ricardo Mangual/Flickr (CC BY 2.0)

Was vermag gegenüber den vielfachen Krisen dieser Zeit noch die Philosophie? Was tut der heutige Intellektuelle, während die Welt vor die Hunde und die westlichen Demokratien baden zu gehen scheinen? Richtig: Er geht selber baden. Aber nicht um dem Untergang zu entfliehen, sondern um ihn besser zu sehen und ihm etwas entgegenzusetzen. Also nicht am Baggersee um die Ecke, sondern in Miami Beach. Das lässt dann außerdem auch den heutigen urbanen Bildungsprekär nach Richard Florida fast noch einmal wie Florida-Rolf erscheinen.

In diesem Fall handelt es sich um den Philosophen und Literaturtheoretiker Armen Avanessian, der glücklicherweise vom ArtCenter South Florida für einen Künstler gehalten wurde, das ihn deswegen vergangenen Herbst zu einer artist residency nach Miami einlud. Daraus ist nun das Buch Miamification entstanden. Für Avanessian, der eine Zeit lang etwa jeden Monat ein Buch herausgegeben hat und seit den erfolgreichen Merve-Bänden #Akzeleration und #Accelerate als Promoter des Akzelerationismus recht viel in der Welt herumfährt, ist es das erste eigene Buch seit einigen Jahren. Und eben das ist eine Hauptfrage von Miamification: Wie kann man zwischen prekärem Jetset und digitaler Bohème eigentlich noch philosophische Bücher schreiben? „Welt ohne Ordnung“ weiterlesen

Das Ende des Humanismus

Yuval Harari sieht in neuen Technologien ungeahnte Möglichkeiten für die menschliche Evolution. Wir können dabei zu Göttern werden oder untergehen. Oder beides zugleich

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

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Intelligenz ohne Bewusstsein? – Bild: John Lund/gettyimages (CC)

Angesichts einer zunehmend angespannt erscheinenden politischen Weltlage mag die folgende These zunächst überraschen: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte sind im 21. Jahrhundert obsolet geworden. Abgesehen von einigen gesegneten Weltregionen seien sie zwar noch nicht völlig verschwunden, aber sie sind von unkontrollierbaren Naturgewalten zu handhabbaren Herausforderungen geworden. Auf der eigentlichen Agenda der Menschheit stehen zu Beginn des dritten Jahrtausends drei andere Dinge: Unsterblichkeit, Glück, Göttlichkeit.

Das behauptet zumindest der israelische Historiker Yuval Noah Harari in seinem neuen Buch Homo Deus. A Brief History of Tomorrow. „Das Ende des Humanismus“ weiterlesen

Jenseits von Gegenwart

Die kapitalistische Gegenwart wird zunehmend von einer automatisierten Zukunft bestimmt und geschluckt. Da helfen nur Spekulation und Grammatik, meint ein neuer Textband

Dieser Text erscheint auch beim Freitag

Zeitkomplex
Im Zeitkomplex verschmelzen Vergangenheit und Zukunft ohne Gegenwart

Man hätte eigentlich glauben sollen, dass spätestens mit dem Ende des ‚Endes der Geschichte‘ und seiner Spielart der (Post-)Postmoderne auch die Rede von ‚Post-dieses‘, ‚Post-jenes‘, ‚Post-alles‘ aufhören, oder zumindest etwas abebben würde. Die Karriere der Postdemokratie und aktuell des Postkapitalismus lassen allerdings eher etwas anderes vermuten. Das Problem an einer solchen negativen, nur in einer Abgrenzung bestehenden Begriffsbildung ist ja, dass sie (noch) nicht sagt, was sie will, sondern erst einmal nur, was sie nicht will. Als Zwischenschritt mag das ja in Ordnung, manchmal gar notwendig sein, – solange man nicht dabei stehen bleibt.

Insofern gibt ein neuer Textband, den die Philosophen Armen Avanessian und Suhail Malik gerade bei Merve herausgegeben haben, ein ganz ordentliches Vorbild ab. „Jenseits von Gegenwart“ weiterlesen

Eine neue Hegemonie

Nick Srnicek und Alex Williams entwerfen Postkapitalismus als Projekt eines linken Populismus. Doch kann der den Kapitalismus beenden? Und wer ist eigentlich sein ‚Volk‘?

Dieser Artikel erscheint auch beim Freitag sowie bei Le Bohémien

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„Find the right path“ – Foto: Justin Brown/Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wer seit seinem Erscheinen 2013 das Manifest für eine akzelerationistische Politik von Nick Srnicek und Alex Williams gelesen und vielleicht auch die darüber entstandene Debatte ein wenig verfolgt hat – in der den Akzelerationisten unter anderem vorgeworfen wurde, mit ihren Forderungen zu vage zu bleiben –, der wird womöglich mit großem Interesse auf dieses Buch der beiden britischen Politologen gewartet haben. So auch der Rezensent. Doch man sollte an Inventing the Future. Postcapitalism and a World Without Work dennoch nicht die falschen Erwartungen stellen: etwa die nach einem Masterplan zur sofortigen Überwindung des neoliberalen Kapitalismus.

Denn wenn das nicht ohnehin eine hoffnungslos überzogene Erwartung an jedes beliebige Buch wäre, ist es auch Srniceks und Williams‘ tatsächlichem Anliegen unangemessen. Was sie zu skizzieren unternehmen, ist kein revolutionärer Coup, sondern eine belastbare Langzeitstrategie zur Überwindung des Neoliberalismus durch eine nachhaltige Veränderung des gesamtgesellschaftlichen Bewusstseins – ebenso wie auch der Neoliberalismus selbst den sozialdemokratisch-keynesianisch geprägten Nachkriegskapitalismus abgelöst hat: in jahrzehntelanger geduldiger Kampagnenarbeit. „Eine neue Hegemonie“ weiterlesen