Jenseits von rechts und links

Unsere Gesellschaft wird nach wie vor bestimmt vom politischen Entweder-Oder. Dabei widerspricht das den Grundprinzipien demokratischer Institutionen – aber auch dem Wesen des Menschen. Was wir brauchen, ist eine realistische politische Anthropologie

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Müssen rechts und links einander immer bekämpfen? – Bild: mwewering/Pixabay (CC0)

Es scheint für uns sehr schwer zu sein zu begreifen, dass in uns von Anfang bis Ende BEIDES angelegt ist: die Fähigkeit zur Kooperation und Empathie. UND die Fähigkeit zu Kampf und Krieg. Wir neigen gegenüber dem, was man eigentlich „menschlichen Realismus“ nennen müsste, zu einer bemerkenswert armen Anthropologie: Einem Selbstverständnis, das immer nur einseitig ist und einseitig bleibt. Entweder blenden wir unsere Kampfanlage aus, oder wir blenden unsere Empathieanlage aus. Dass beide Schaltkreise in uns angelegt sind, scheint nicht in unseren Kopf hineinzupassen – Und fließt daher auch nicht in die Gestaltung unserer Institutionen ein.

Wir sehen das z.B. sehr deutlich abgebildet in den politischen Spielen, die wir nunmehr seit 2 Jahrhunderten inszenieren und die wir nicht müde werden zu spielen: Wir haben das politische Spektrum in zwei „Lager“ geteilt, von denen wir das eine „links“ und das andere „rechts“ nennen. Die Glaubenssätze, um die diese Lager kreisen, lassen sich sehr klar benennen: Das „linke Lager“ geht davon aus, der Mensch sei in sich „gut“ und dürfe nur nicht in seiner „Entfaltung“ gehindert werden. Das „rechte Lager“ geht davon aus, der Mensch sei in sich „schlecht“ und müsse daher erzogen werden, weil wir uns sonst gegenseitig schlimme Dinge antun.

Rechts wie links: Arme, einseitige Anthropologien

Das Problem an dieser Konzeption ist: BEIDE Lager haben gewissermaßen recht. Nur ist das in dieser Form hochgradig unproduktiv. Denn auf diese Weise entsteht folgendes Spiel, dem man jetzt eben nun schon seit Jahrhunderten zusehen kann: Die rechte Seite wirft der linken vor, „naiv“ zu sein. Sie wirft „den Linken“ also vor, sich blind zu stellen gegenüber der menschlichen Anlage zu Kampf und Krieg. Die linke Seite wirft der rechten vor, „schwarzmalerisch“ zu sein. Sie wirft „den Rechten“ also vor, sich blind zu stellen gegenüber der menschlichen Anlage zu Kooperation und Empathie.

Und wie gesagt: Beide haben recht. Beide haben Recht mit dem, was sie wahrnehmen. Das, was sie wahrnehmen, ist wirklich da und nicht nur „eingebildet“. Und beide haben auch Recht mit ihrem Vorwurf „an die andere Seite“: Diese andere Seite blendet wirklich etwas Wichtiges aus, das tatsächlich da ist. Auch die wahrgenommene Blindheit des anderen Lagers ist nicht eingebildet. – Doch über diese beiderseitige Rechthaberei entsteht ein beständiger Krieg in der Gesellschaft. Beide Seiten versuchen „sich durchzusetzen“, im Grunde: die andere Seite zu vernichten.

Doch das könnte nur gelingen, wenn wir Menschen nicht so wären, wie wir eben sind. Gewissermaßen arbeiten BEIDE Lager, das linke wie das rechte, GEGEN die Menschheit, gegen die Menschlichkeit. Beide sind Vertreter einer „armen Anthropologie“, die in ihr Menschenbild nicht beide menschlichen Schaltkreise integrieren kann. Beide sehen uns Menschen auf eine völlig unrealistische Weise.

Thomas Hobbes: Die reiche Anthropologie und die Institutionenethik

Das alles ist deswegen so ermüdend, weil die Lösung für dieses Problem bereits seit Jahrhunderten vorgedacht und angelegt ist, von uns aber bisher nicht realisiert wird: Bereits Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert  ist aus diesen armen Anthropologien ausgestiegen und hat offen und deutlich eine Anthropologie des UND formuliert. Eine Anthropologie, die nicht die geringste Schwierigkeit darin erkennen kann, dass wir Menschen dauerhaft zu BEIDEM neigen: zu Kooperation miteinander und zu Kriegen gegeneinander.

Sobald man sich in einer reichen Anthropologie des Und bewegt, entsteht – beinahe automatisch – eine zweite Ebene des Denkens. Eine Ebene, das muss man so hart sagen, von uns so gut wie nie erreicht wird, solange wir in der armen Anthropologie des Entweder-Oder gefangen sind. „Linkes“ wie „rechtes“ Denken macht uns durch seine arme Anthropologie unfähig, auf die Ebene der Institutionenethik zu gelangen. Institutionenethik ist das, was sich von ganz allein ergibt, sobald wir beide unsere Schaltkreise gleichzeitig würdigen. Sobald wir uns selber nicht künstlich „nur friedlich“ oder künstlich „nur kriegerisch“ denken.

Das ist deswegen so frustrierend, weil „Politik“ im eigentlichen Sinne des Wortes erst losgeht, wenn diese institutionenethische Ebene sehr klar vor unser aller Augen steht. Wenn eine Gesellschaft gemeinsam ein realistisches Menschenbild pflegt und sich nicht darüber bekriegt, ob der Mensch nun „gut oder schlecht“ sei. Politik, damit sie zustande kommt, ist auf den gesellschaftlichen Konsens angewiesen, dass wir beide Anlagen haben und dass beide Anlagen ein jeweils unhintergehbarer, voraussetzbarer Bestandteil unserer Natur sind.

Die Lagerbildung, „links vs. rechts“, ist nun aber sozusagen so etwas wie eine Institutionalisierung dieses Sich-über-eine-anthropologische-Frage-in-die-Haare-Kriegens. Wir haben den ständigen Kampf „links gegen rechts“ nicht, weil wir so blöd wären oder so lernunfähig. Sondern weil wir diesen Kampf eben, via Parteibildung in unseren Parlamenten, auf Dauer geschaltet haben. – Der Kampf bleibt und wird niemals gelöst, weil wir ihn künstlich in Gang halten.

Gestalten wir unseren Parlamentarismus anders als bisher, dann wird Politik als bewusste gemeinsame Gestaltung unserer gesellschaftlichen Institutionen überhaupt erst möglich: Gestaltung unserer Institutionen mit klarem Blick darauf, wie wir – in voller Würdigung unserer Konfliktneigungen – unsere Kooperationsnatur stärken und unsere Kampfnatur beruhigen können. Das war das, was Hobbes m.E. bereits ab Mitte des 17. Jahrhunderts vorschwebte. Und was wir bis heute noch nicht institutionell eingelöst haben.

Unsere bisherigen politischen Institutionen sind optimierbar. Und sobald wir sie verändern, kann sich auch unser Menschenbild endlich verändern. Hin zu deutlich mehr Realismus und deutlich weniger Einseitigkeit.

Institutionelle Konsequenzen

Wir sollten, wenn wir gesellschaftliche Fortschritte wollen, ernsthaft darüber nachdenken, Parteien in unseren Parlamenten abzuschaffen. Den ermüdenden rituellen Streit zwischen „guten Menschen“ und „bösen Menschen“ in jeder einzelnen politischen Sachfrage braucht heute niemand mehr. Er ist nur noch unproduktiv. Er ist zerstörerisch. Er blockiert gute Politik. Er blockiert Gesetzesreformen. Er blockiert den vernünftigen Einsatz staatlicher Mittel. Er gehört auf den institutionellen Müllhaufen der Geschichte. Zusammen mit den armen Menschenbildern, die dieser idiotische Streit künstlich am Leben erhält.

Aus diesem ausgesprochen guten Grund bin ich heute weder „links“ noch „rechts“. Ich weigere mich, mich künstlich so deaf, dumb and blind zu machen, wie ich mich machen müsste, um noch einem der beiden Lager anhängen zu können. – Stattdessen arbeite ich an der Institutionalisierung wesentlich sinnvollerer, wesentlich realistischerer politischer Verfahren. Institutionen, die uns systematisch mit dem versorgen, was wir brauchen, um uns nicht beständig über Sachfragen künstlich in die Haare zu kriegen und wechselseitig zu blockieren.

Diese institutionelle Versorgung mit dem „für Politik Nötigen“, kann aber nur dann angegangen werden: Wenn wir überhaupt den Bedarf erkennen. Menschen, die derzeit noch in der armen „linken“ Anthropologie gefangen sind, sind dazu weitgehend unfähig. Sie tun sich schwer, jene unserer menschlichen Seiten zu anzuerkennen, die etwas braucht, um nicht der natürlichen Kampf- und Kriegsneigung zu erliegen. Geht man davon aus, dass der Mensch einfach „von Natur aus gut“ ist, sieht man da ganz einfach keinen Bedarf. Doch daraufhin passiert etwas sehr Vorhersehbares: Man wird frustriert vom realen Verhalten realer Menschen. Und das kippt dann mit der Zeit nicht selten in den Zynismus der armen „rechten“ Anthropologie. Oder man bleibt darin stecken, dass man die Schuld an den fehlenden Fortschritten der Existenz von rechtem Denken in die Schuhe schiebt. Motto: Wenn die sich doch nur bekehren ließen! Wir gut könnte die Welt doch sein, wenn diese bösen Menschen nicht wären, die denken, dass der Mensch von Natur aus böse ist…

Die institutionelle Versorgung mit dem für Politik Nötigen kann auch nur dann angegangen werden: Wenn wir überhaupt die Möglichkeit des Ausbaus der menschlichen Kooperationsfähigkeit erkennen. Menschen, die derzeit noch in der armen „rechten“ Anthropologie gefangen sind, sind dazu weitgehend unfähig. Meist suhlen sie sich – aus Angst – in etwas, das sie für „Realismus“ halten, das aber in Wahrheit eben auch nur eine sehr einseitige Sicht auf die Menschheit beinhaltet. Die Entwicklungsfähigkeit von Menschen, durch immer weiter verbesserbare Institutionen, wird nicht angenommen, weil die Empathieanlage des Menschen ausgeblendet bleibt. Das Leben erscheint in diesem „rechten“ Denkgefängnis wie ein unausweichlicher „Kampf“, der nur mit noch mehr Gewalt und Zwang künstlich still gestellt werden kann. – So erziehen dann Menschen mit dieser armen Anthropologie dann auch konsequenterweise ihre Kinder.

Um Politik machen zu können, muss die Notwendigkeit gesehen werden, bürgerschaftliche Empathie zu kultivieren. Das ist für „linkes Denken“ kaum einzusehen. Es hält diese Arbeit für unnötig und überflüssig. Der Mensch ist ja immer schon zugewandt und gut. Um Politik machen zu können, muss ein Sinn darin erkennbar sein, bürgerschaftliche Empathie zu kultivieren. Das ist für „rechtes Denken“ kaum erkennbar. Der Mensch ist ja grundsätzlich viel zu schlecht, als das da irgendeine Entwicklung möglich wäre. – Das was uns politisch möglich wäre, realisieren wir deswegen nicht, weil wir als „Linke“ keinen Bedarf an der dafür nötigen Beziehungsarbeit sehen. Und weil wir als „Rechte“ für diese Investition nicht motiviert sind, weil sie uns dann als vergeblich und aussichtslos erscheinen muss. Oder eben als „naiv“.

Demokratie ist unparteiisch und verfährt unparteiisch

Ich gehe also naiverweise davon aus, dass wir uns alle – heimlich oder offen – danach sehnen, so wahrgenommen zu werden, „wie wir wirklich sind“: mit beiden Anlagen. Und ich für mich habe sehr deutlich vor Augen, dass dies dann eben nicht Stillstand bedeutet, mit einem passiven und lakonischen „Ist halt so“ auf den Lippen. Sondern dass dieses UND der Einstieg in eine beständige gemeinsame Arbeit an der Gesellschaft ist.

Es mag arg pathetisch und welterlöserisch daherkommen, aber es ist zugleich meine eigene, kleine, persönliche Wahrheit: Ich glaube, dass Menschen, die sich für sich bereits im Bereich der reichen Anthropologie bewegen, die beide menschlichen Seiten in ihr Denken integrieren können, dass solche Menschen verpflichtet sind, an der Gestaltung der Institutionen unserer Gesellschaft mitzuarbeiten. Weil bessere Institutionen, weil „gute Politik“ nur vor dem Hintergrund dieser reichen Anthropologie möglich ist.

Das aber bedeutet zugleich: Es gibt auch heute schon eine Politik jenseits von Parteien. Denn Parteien zwingen uns dazu, uns künstlich zu verarmen, uns künstlich zu vereinseitigen, künstlich einen Teil dessen auszublenden, das wir außerhalb von Parteien sehr leicht und sehr deutlich wahrnehmen können. – Nur je nach anderer Partei eben einen anderen Teil unseres Wahrnehmungsfeldes.

Wer eine reiche Anthropologie vor Augen hat, wird heute nicht mehr in Parteien eintreten. Und er wird auch keine Parteien gründen. Parteien machen aus dem Eintreten für Etwas das Bekämpfen von Jemandem. Das ist kein Zufall und kein individueller „Fehler“. Das ist vielmehr die Struktur und Operationsweise von Parteien. Die Transformation eines positiven Anliegens in eine negative Aktivität ist das, was Parteien als Parteien mit uns machen. – Glücklicherweise gibt es für uns auch andere Möglichkeiten, uns in die aktive Gestaltung unserer Gesellschaft einzubringen.

Als überzeugter Anhänger demokratischer Institutionen steht man prinzipiell immer jenseits aller Lager. Demokratie ist unparteiisch: Demokratie kann mit Parteien, kann mit Lagerbildung nichts anfangen. Von den ersten Schritten ihrer Institutionalisierung an stand sie jenseits aller Lager und wurde ihr die Aufgabe übertragen, die gegebenen Lager „verfahrenstechnisch“ aufzulösen.

Demokratie inszeniert nicht einen rituellen, inner-gesellschaftlichen Krieg, sondern sie bringt, ausgehend von unseren kriegerischen wie empathischen Neigungen, unsere kooperativen Neigungen überhaupt erst gegen unsere kriegerischen Neigungen zur Geltung. Es wäre daher ein Widerspruch in sich, wenn Demokratie „kriegerische Institutionen“ nutzt, also „Wahlkämpfe“ zum Beispiel.

Demokratie sieht klar, wozu wir Menschen, allesamt, fähig sind: Wenn der Mangel groß ist. Oder wenn gesellschaftliche Konfliktdynamiken erst einmal in Gang gekommen sind („wenn Du nicht für uns bist, bist Du gegen uns“). Demokratie ist also keineswegs naiv, sondern eben: realistisch. Gute Beziehungen in einer Gesellschaft sind aus demokratischer Sicht durchaus herstellbar. Doch aus demokratischer Sicht sind solche guten gesellschaftlichen Beziehung das Ergebnis einer beständigen, unerlässlichen, gemeinsamen Arbeit. Einer politischen Arbeit, die wir alle zu leisten haben, die für uns alle undelegierbar ist.

Als Demokraten können wir gute Beziehungen weder einfach als gegeben voraussetzen, wie das unsere eine Einseitigkeit es naiverweise tut. Noch ist diese Beziehungs-Arbeit fruchtlos, wie das unsere andere Einseitigkeit naiverweise glaubt.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf Ardalans Blog What you read is what I’ve felt.

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