Redet miteinander. Jetzt!

Unsere Welt scheint immer unübersichtlicher und feindlicher zu werden. Unverständnis und Nichtakzeptanz spalten unsere Gesellschaften. Doch es gibt auch Hoffnung. Und einiges, das jeder von uns beitragen kann

Von Thomas Eisinger

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Miteinander reden – Foto: Pixabay/CC

Die unerwarteten und falsch vorhergesagten Ergebnisse bei Brexit und Trump sowie die allgemein als immer unsicherer empfundene Weltlage (Terror, Syrien, Flüchtlinge, Ukraine etc…) stellen viele Menschen vor die Frage: Wohin bewegen wir uns, was ist auf dieser Welt eigentlich los? Die Medien verlieren in nie gekanntem Ausmaß an Vertrauen und auch die Politiker können den Bürgern die Welt nicht mehr erklären geschweige denn glaubhafte Lösungen aufzeigen. Wie konnte es soweit kommen? Und wie kommen wir wieder dazu, miteinander zu reden und um Lösungen zu ringen, anstatt die jeweils andere Seite zu verleumden und zu diskreditieren?

Die Zukunft erscheint düster – die positiven Utopien scheinen spätestens seit dem 11. September Mangelware geworden zu sein. Wenn aber die Zukunft keine positiven Gefühle, keine Hoffnung mehr erzeugt, wenn durch Klimawandel, Kriege und Finanzkrise alles auf eine baldige Katastrophe zuzusteuern scheint und wenn es in dieser Welt keine vertrauenswürdigen Persönlichkeiten am Steuer mehr gibt, dann geschieht unweigerlich eines: der Rückzug in sicheres Gebiet.

Was aber ist „sicheres Gebiet“? Ganz entscheidend dafür sind die Biografie und das Wertesystem der Menschen. Und hier liegt die Problematik unserer Gesellschaften: in Europa und den USA haben wir es parallel mit drei sehr unterschiedlichen Wertesystemen und Weltbildern zu tun, die sich heute immer stärker voneinander abgrenzen. Der amerikanische Wissenschaftler Graves hat diese unterschiedlichen Ebenen erstmals beschrieben und ein Modell dazu entwickelt („Spiral Dynamics“). Es zeigt, wie sich Menschen und Gesellschaften im Lauf ihrer Entwicklung auf unterschiedlichen Werteebenen bewegen und wie eine Ebene die anderen kaum verstehen kann.

Drei Ebenen

Die aktuell erlebten drei Ebenen sind (in knapper Darstellung):

Die Ebene „Ordnung, Recht und Gesetz“: Das Wichtigste ist, dass das Zusammenleben der Menschen durch einen klaren Ordnungsrahmen bestimmt wird. Fehlverhalten wird vom (starken) Staat konsequent geahndet. Der Einzelne fühlt sich sicher, gemeinsam ist man stark. Die Freiheit des Einzelnen ist dabei limitiert, das Ganze ist eher starr. Das gemeinsam Erreichte ist wichtiger, als das unbekannte Neue. (Politisch: konservativ.)

Die Ebene „anything goes“: Jeder ist seines Glückes Schmied, jeder kann erfolgreich sein, wenn er sich nur genügend anstrengt. Wettbewerb zwischen Menschen und Unternehmen prägt Wirtschaft und Gesellschaft; persönlicher Erfolg, Effizienz und Leistung sind treibende Kräfte, Selbstoptimierung wird zur Pflichtübung für Viele. Technische Erfindungen erleichtern und verändern unser Leben, wirken sich aber auch auf das Ökosystem und den Planten aus. (Politisch: (neo-)liberal.)

Die Ebene des Pluralismus: Jeder und alles wird akzeptiert und hat ein Recht darauf, sein „Ding“ zu leben. Der einzelne übernimmt größere Verantwortung für sein Tun im Hinblick auf die Umwelt, Randgruppen, Konsequenzen. Konsens geht vor Diskurs, Gefühle sind wichtiger als Rationalität. Gesetze und Struktur (z. B. Ländergrenzen) sind „old school“, denn keiner möchte sich etwas vorschreiben lassen. Man erlebt sich als moralisch höher stehend, political correctness wird zu einer Art Religion. (Politisch: links-grün.)

Spaltung der Gesellschaft

So lange keine Existenzängste, keine Bedrohung von außen und keine größere Krise drohen, können diese Ebenen zumeist gut nebeneinander existieren. Heute allerdings, da die Bedrohungsszenarien permanent wachsen, prallen die unterschiedlichen Werte bei Wahlen oder Parteiprogrammen mit Wucht aufeinander. Verstärkt wird die Problematik dadurch, dass kein Dialog untereinander stattfindet. Vielmehr wird von jeder Seite versucht, die jeweils andere Seite zu unterdrücken: Multikulti gegen Leitkultur, „Gutmenschen“ versus „Rassisten“, „Globalisierungsverlierer“ oder „Abgehängte“ statt von Armut Bedrohte usw…

Das Muster dabei: Keine Seite kann die andere Seite verstehen und jeder versucht sein Weltbild, seine Werte als das einzig Wahre durchzusetzen. In der Politik kommt noch eine besondere Zutat hinzu: der unbedingte Wille zur Macht. Das Ergebnis ist eine fundamentale Spaltung der Gesellschaft, wie in den USA zwischen Trump- und Clinton-Anhängern zu beobachten oder in Deutschland, Österreich, Frankreich, Holland u. a. Ländern zwischen Anhängern linker und rechter Parteien. Die Anhänger des anderen Lagers sind dann wahlweise gefährliche Idioten, Populisten, Rassisten oder gleich Nazis.

Gegenmacht

Der Spaltpilz besteht aus dem Unverständnis (und der Nicht-Akzeptanz) für andere Menschen und deren Weltverständnis gepaart mit dem Machtwillen der Politik. Verstärkt wird das ganze durch eine mediale Berichterstattung, die das Werteverständnis von weniger als 50% der Bevölkerung zur Grundlage hat und – statt möglichst objektiv zu berichten – auf den anderen, größeren Teil der Bevölkerung erzieherisch einwirken möchte. Dies hat auch jahrzehntelang gut funktioniert, da die großen Medienhäuser tatsächlich Gatekeeper waren und entscheiden konnten, was die Menschen in welcher Form und mit welcher Interpretation erfahren sollten. Doch das Internet hat hier etwas fundamental Neues bewirkt: die Empfänger konnten erstmals zu Sendern werden! Einzelne, Gruppen, alternative Medien bauten sich Reichweiten auf, mit welchen sie zu den Etablierten direkt in Wettbewerb treten. Und oft sogar eine höhere Glaubwürdigkeit genießen.

Damit ist erstmals seit Menschengedenken das Meinungs- und Interpretationsmonopol der Mächtigen in großem Stil durchbrochen. Die Angst der Eliten kann man in China beobachten, wo das Internet vollständig zensiert wird. Auch bei uns gibt es mittlerweile diese Tendenzen, und dies wird noch viel massivere Formen annehmen. (Ganz aktuell wird die Kampagne gegen „Fake News“ lanciert, ein Kampfbegriff um andere Darstellungen pauschal abzuqualifizieren, statt sich damit auseinanderzusetzen. Ein weiterer Schritt zum Nicht-Dialog).

Die Menschen wehren sich

Zu Trumps Erfolg gibt es inzwischen eine Unzahl Analysen. Wesentlich erscheint folgendes: ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung nimmt die (US-amerikanische) Politik als reines Elitenprojekt wahr, dessen Ziele kaum noch Gemeinsamkeiten haben mit den Bedürfnissen großer Teile der Gesellschaft. Eine bittere Desillusionierung ist die Folge: die Erkenntnis, dass die Demokratie aufgehört hat zu funktionieren und durch eine Oligarchie abgelöst wurde (laut Studie der Princeton University). Dauerüberwachung durch NSA, die Enthüllungen von Edward Snowden, Fernsehserien wie „House of Cards“ oder die immer größere Schere zwischen dem superreichen 1% und dem Rest vertiefen bei den Wählern den Graben zu „denen in Washington“ oder „denen in Berlin“.

Und deshalb entschieden sich im November zig Millionen Menschen dafür, auf keinen Fall ein „Weiter-so“ zu wählen. Und Trump war geschickt: Er versprach Stärke, Sicherheit, „America first“. Alles Werte aus der Ebene „Ordnung, Recht und Gesetz“. Damit konnte er alle überzeugen, die dem herrschenden System abgrundtief misstrauen, denen alles lieber ist als ein „Weiter-so“, die auf der Suche sind nach dem sicheren Ort.

Und in Deutschland?

In Deutschland existieren ebenfalls die beschriebenen drei Werteebenen. Und gleichzeitig gibt es große Unterschiede zu den USA: Der primäre Wert der USA ist es, „die größte Nation der Welt zu sein“ und damit implizit alles zu tun, um diesen Status aufrecht zu erhalten. Das ist so ziemlich das Gegenteil deutschen außenpolitischen Selbstverständnisses, wo weltpolitische Zurückhaltung zur Tugend geworden ist. Und wo in den USA das Prinzip des „the winner takes it all“ dominiert, gibt es in Deutschland seit ca. 50 Jahren die weitgehend gut funktionierende Soziale Markwirtschaft.

Ein weiterer großer Unterschied: Während in den USA die Linken die Erzfeinde der Nation sind („alles Kommunisten“) und es nach rechts keinerlei Grenzen gibt ist es in Deutschland exakt umgekehrt. Durch die historische Schuld wird alles, was nur im Entferntesten als „National“ bezeichnet werden könnte, in die Verdammnis des „Rechtspopulismus“ geworfen. Während also in den USA alles rechts der Mitte erlaubt ist und gelebt wird, ist in Deutschland nur „links der Mitte“ politisch korrekt. Diese politischen no-go areas liegen nun aber dummerweise genau in den Werteebenen großer Bevölkerungsteile. Und hier zeigt sich die aktuelle Problematik: Statt dass verschiedene politische Richtungen im echten Diskurs um die beste Lösung feilschen, besteht die Taktik ausschließlich darin, das verminte Gebiet des „Nicht-Diskutierbaren“ immer weiter auszudehnen („political correctness“). Eine immer stärkere Trennung zwischen „rechts“ und „links“, Kampfbegriffe wie „Gutmenschen“ und „Populisten“ führen dazu, dass kein einziges Thema – und sei es noch so wichtig – auf der Sachebene diskutiert werden kann.

Aufhören! Anfangen! 10 Punkte, was jeder von uns tun kann

Wie entkommen wir diesem Dilemma, was kann der Einzelne dazu tun? Wie können wir daran mitwirken, dass die Gräben nicht tiefer, die Verachtung für die jeweils andere Seite nicht größer wird?

Erstens: in jedem Menschen das sehen was er ist: ein Mensch mit Stärken, Schwächen, Wünschen, Hoffnungen und Bedürfnissen. Wie wir selbst auch, nur eben oft anders.

Zweitens: sich vom täglichen Nachrichtenkonsum weitgehend abkoppeln (s. Trump: Fast jeder Beitrag im Vorfeld war nutzlos, denn es kam ja doch ganz anders…).

Drittens: jede Information bewerten: Welche Absicht verfolgt der Bericht, der Politiker, der Journalist, der Sender, die Zeitung, das Forum…?

Viertens: nicht mitmachen beim Gräben bauen! Diskutieren und andere Meinungen akzeptieren, auch wenn es nicht die eigene widerspiegelt. Denn keiner hat immer recht / unrecht!

Fünftens: beim rechts-links-Spielchen nicht mehr mitmachen. Dies sind überkommene Einteilungen, zu politischen Kampfbegriffen mutiert und nicht geeignet, unsere komplexe Welt abzubilden.

Sechstens: gute Berichte, Hintergründe, Meinungen teilen. Nur durch Bewusstmachung und Aufklärung kann sich ein umfassenderes Weltbild entwickeln.

Siebtens: die eigenen Werte reflektieren. Wo stehe ich? Wo war ich vor 5, vor 10 Jahren? Gab es eine Veränderung? Welche?

Achtens: Empörung und Beleidigtsein schaffen keine Lösungen. Die eigenen Gefühle wahrnehmen und sie an den richtigen Platz einordnen. Denken hilft hier mehr als Emotionalität.

Neuntens: Mut zum eigenen Standpunkt, auch wenn er nicht „politisch korrekt“ ist.

Zehntens: keine moralisch überlegene Position einnehmen. Kein Mensch sucht sich seine Werte und Weltbilder bewusst aus, dies ist eine komplexe Folge von Herkunft, Erziehung, Erfahrungen etc… Begegnung auf Augenhöhe anstatt Abwertung.

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2 Gedanken zu “Redet miteinander. Jetzt!

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag, der sich von der Grundtendenz mit dem Anliegen deckt, das wir mit unserem Verein Kommunikative Demokratie fördern wollen: Eine Verständigung über Politik auf Augenhöhe. Ich stimme zu, dass es dafür unumgänglich ist, dass wir alle besser lernen, unseren eigenen Standpunkt zu finden und zu vertreten, ohne dabei vom hohen Ross herunter zu blicken.

    In einem Punkt würde ich aber gerade deshalb noch etwas stärker differenzieren: Ob nun die mediale Berichterstattung in ihrer Gänze einer Bevölkerungsmehrheit gerecht wird oder nicht, das wissen wir doch gar nicht genau. Denn das ist ja das Vertrackte: Da es sich in der repräsentativen Demokratie eingebürgert hat, dass wenige für viele sprechen, die Meinungen der vielen aber immer stärker divergieren, muss man zwar davon ausgehen, dass das, was an die Oberfläche dringt, je gleichförmiger es ist, nicht der ganze Teil der Wahrheit ist. Was aber ‚die Menschen‘ oder gar ‚das Volk‘ denken, das wissen wir eben gar nicht und können es auch gar nicht immer wissen, bevor wir sie gefragt haben. Und so sind dann sowohl die sogenannten Populisten im Unrecht, wenn sie behaupten zu wissen, was das Volk denke und empfinde, als auch die etablierten Medien, wenn sie ihrerseits eine bestimmte Sichtweise als alleingültig durchdrücken wollen.

    Zum Glück bieten ja die Entwicklungen im Netz, die z.B. auch dieses Blog hier ermöglichen, die Chance sich direkt und vielfältig über die Dinge auszustauschen und unterschiedlichste Standpunkte auch sichtbar zu machen. Und da stimme ich wieder vollkommen mit Ihnen überein, wenn Sie sagen: Diese Möglichkeiten der Kommunikation und Meinungsbildung dürfen nicht durch pauschale ‚Fake-News‘-Vorwürfe oder gar Zensur unterbunden werden.

    Herzlichen Gruß,
    Andreas Schiel

  2. Guter analytischer Beitrag, ganz im Fahrwasser eines Gotfried Benn der 50er Jahre, ..
    „Kommt reden wir zusammen

    Wer redet, ist nicht tot,

    es züngeln doch die Flammen

    schon sehr um unsere Not.
    ….“
    Aber geht es wirklich um den eigenen Standpunkt? Um die eigene Begrenzung und Selbstsetzung? Sollten wir nich besser Rhizom entfalten, das eigene Interesse und die eigene begrenzte Rolle überwinden? Verstehen, dass die Dinge immer im Fluß sind..
    Die Begegnung auf Augenhöhe setzt das Bestreben voraus, dass wir eben nicht unbewusst, sondern in vollem Bewußtsein handeln (sollten) und dem Gemeinwohl verpflichtet sind. Ohne Gemeinwohl sind wir nichts anderes als gierige blinde Interessensvertreter und Standpunktinhaber.
    Beste Grüße aus dem ICE
    Bildungswirt / Michael Miller

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