Wir sind ein Gespräch

Mit-, durch- und gegeneinander schreiben: Armen Avanessian und Anke Hennig führen in ihren neuen Büchern einen nachdenklichen Trialog

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Mehrdimensionale Dialogform und Rollentausch: Anke Hennig (l.) und Armen Avanessian – Bild: Janine Kress

„Viel hat von Morgen an, seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, erfahren der Mensch“, heißt es in Friedrich Hölderlins Hymne „Friedensfeier“. Und sehr vieles ist bereits über diese unerhörte Formulierung geschrieben worden, dass der Mensch hier nicht nur ein Gespräch führt, in dem er von anderen dieses oder jenes erführe. Nein, wir Menschen sind ein Gespräch, in dem wir mit- und durcheinander letztlich wohl vor allem uns selbst erfahren – wer oder was auch immer das sei.

So ähnlich – oder vielleicht auch ganz anders – mögen die Berliner Literaturwissenschaftlerin Anke Hennig und der Philosoph Armen Avanessian gedacht haben, als sie es vor bald zehn Jahren unternahmen, in einem schreibenden Gespräch eine „spekulative Poetik“ zu entwickeln. Und tatsächlich scheint dieser Titel auch aus Hölderlins Zeit der Frühromantik stammen zu können, ging es doch damals nicht zuletzt darum, mit „Spekulation“ und „Poesie“ die von Immanuel Kant gerade gezogenen „Grenzen der bloßen Vernunft“ zu überwinden.

Und doch verbirgt sich dahinter gerade kein historisches Forschungsprojekt, sondern eher die Reaktion auf ein hochaktuelles Problem, nämlich die Vereinnahmung der auf individuelle Kreativität und kritische Selbstreflexion ausgerichteten romantischen Universitätsidee durch einen das Kreativitätsparadigma kooptierenden Kapitalismus.

Abrechnung mit dem System Universität

Konsequenterweise hat Avanessian nach dem zweiten an der Berliner Freien Universität mit Hennig geschriebenen Buch anstelle einer Habilitation in „Überschrift“ (2014) eine umfassende Abrechnung mit dem System Universität vorgelegt und seine Unilaufbahn beendet. Seither arbeitet er als freier Autor und unterrichtet an Kunsthochschulen. Hennig ist nach Stationen an der Berliner und der Londoner Universität der Künste inzwischen an der Uni Bochum angestellt.

Gerade ist im Berliner Merve Verlag ihr drittes gemeinsames Buch als Abschluss ihres Projekts erschienen, laut Untertitel eine „Spekulative Poetik von Feminismus, Algorithmik, Politik und Kapital“. Es ist zugleich eine Art Summe ihrer bisherigen Arbeiten, und das programmatisch dialogische, Mit- und Gegeneinanderschreiben hat nun die folgerichtige Ausformung gefunden, dass dieses Buch als zwei Bücher erscheint, „ONE + ONE“ und „I – I“. Was freilich zugleich wie ein verlegerischer Coup wirken mag, ist aber auch Produkt(e) gewordenes Formprinzip, ohne das man die Inhalte nur unzureichend versteht.

Gründete Avanessians „Anti-Kritik“ der Universität gerade darin, dass deren angeblich so kritischer Geist als vom herrschenden Kapitalismus inkorporiert letztlich doch nur dessen Status quo sichere, wollte die spekulative Poetik der kritischen Reflexion akademischer Vergangenheitsverhaftung andere Verfahrens- und Verhaltensweisen entgegenstellen, die nicht nur tatsächlich zukunftsgerichtete Positionen und Handlungsmöglichkeiten entwickeln, sondern diese auch umzusetzen beabsichtigte. Poetik wird hier letztlich wörtlich verstanden als eine Lehre des „Machens“.

Poetik als eine Lehre des Machens

Der ganz auf die vermeintlich individuell-innovative Leistung in „Qualifikationsschriften“ ausgelegten akademischen Arbeit stellten sie dazu ein echt kollaboratives Schreiben gegenüber, das gegensätzliche Positionen nicht auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterschrauben wollte, sondern in dem jede/r vielmehr erst im Widerspruch der/des anderen die wahre Begründung der eigenen Position finden sollte. „Du weißt es“, heißt das seit dem ersten gemeinsamen Buch „Präsens“ (2012).

Die Schreiber kommen zu sich selbst nur durch und als die/der andere, nur im und als Gespräch – oder auch Gestreit, denn was die beiden zu dieser auch gendertheoretisch und psychoanalytisch begründeten Produktionsform prädestiniert, ist ja gerade ihre Gegensätzlichkeit: Das Einzige, was sie, den Österreicher mit armenischen Wurzeln und die auch in der Sowjetunion aufgewachsene Ostdeutsche, verbinde, heißt es einmal scherzhaft, sei die Ferne von den Westdeutschen.

In einer mehrdimensionalen Dialogform zwischen „ich“, „du“ und „wir“ – oftmals in der Typografie abgehoben –, die miteinander kommunizieren und ihren früheren Texten widersprechen, entsprechen und ab und an auch monologisieren, arbeiten sich Avanessian und Hennig nun an einer Fülle von „spekulativen“ Themen ab, die ihre Konzeption des „Othering“, also einer fruchtbaren Entfremdung, zugleich beleuchten und erproben sollen: präemptive Kriegsführung, das Geschlecht maschineller Intelligenz, die Finanzialisierung des Lebens und vieles andere mehr, was zum großen Teil bereits in früheren Büchern auftauchte, hier aber in den Trialog mit sich selbst und seinem anderen tritt.

Bisweilen sehr theoretisch, aber auch pointiert und unterhaltsam

Das ist bisweilen sehr theoretisch, kompliziert und keineswegs immer auf allgemein verständliche – um nicht zu sagen: unakademische – Weise beschrieben, immer wieder aber auch äußerst prägnant, pointiert und unterhaltsam, anhand von Filmbeispielen, in biografischen oder geradezu literarischen Passagen erzählt. Dennoch wird dieses experimentelle Doppelbuch – dessen zwei Teile übrigens auch problemlos einzeln gelesen werden können, beide allerdings vom Studio HelloMe kongenial designt wurden – sicher nicht jedem gefallen und noch seine Liebhaber könnten es stellenweise entnervt zur Seite legen.

Wer sich aber darauf einzulassen vermag, dürfte nicht nur durch viele neue Einsichten belohnt werden, sondern nimmt auch Teil an einem bemerkenswerten geisteswissenschaftlichen Experiment: dem unerhörten Versuch, im Denken des Anderen Theorie und Praxis eins werden zu lassen.

Bei der Buchvorstellung an der Berliner Volksbühne im Rahmen der Reihe „Avanessian & Enemies“ wurde das Experiment übrigens schon auf eine besondere Probe gestellt. Hier trat nämlich zusätzlich der Lektor Bernd Klöckener in Erscheinung, der auch eine Art Einleitung für beide Bücher verfasst hat. Die dritte Person nun offenbarte eine weitere Wendung des therapeutisch-transformativen Settings des Experiments, nämlich nicht nur im gemeinsamen Schreiben, sondern vor allem auch im Lesen („Lektorieren“) ein*e andere*r zu werden. Denn es waren nicht etwa Avanessian und Hennig, die jetzt die Rollen tauschten, sondern Avanessian und Klöckener, und sie taten das – trotz, oder gerade wegen ihrer enormen Differenzen, Dissenzen und Dissonanzen – dermaßen überzeugend, dass zumindest das Experiment des Lesens als geglückt betrachtet werden darf.

Avanessian konnte nun – als Klöckener – endlich einmal das kokette Motto seiner Reihe, „I‘m my own worst enemy“, bewahrheiten, indem er all den unterdrückten Frust und Ärger des eigenen Lesers sich selbst gegenüber spürbar genüsslich zum Ausdruck brachte. Und Klöckener konnte sich in schützender Gestalt des bühnenversierten Avanessian seiner eigenen erklärten Bühnenphobie mit Bravour bemeistern. Anke Hennig aber durfte an diesem Abend (zumindest scheinbar) sie selbst bleiben, und auch das hatte seinen Sinn. Ließe sich doch mit einigem Recht sagen, dass es Frauen in all den Jahrhunderten des Patriarchats generell eher erschwert war, „sie selbst“ zu sein – wie sich nicht nur an der durchweg im generischen Maskulinum gegenderten deutschen Sprache ablesen lässt. So kann es bisweilen auch einmal nötig scheinen, man selbst zu sein, um ein*e andere*r zu werden.

Darum also nicht einfach: Gut, dass wir geredet haben. Sondern: Gut, dass ein Gespräch wir sind.

Dieser Text erschien in leicht gekürzter Fassung in der Taz.

Armen Avanessian, Anke Hennig: I – I Spekulative Poetik von Feminismus, Algorithmik, Politik und Kapital, Merve Verlag, Berlin 2019, 152 Seiten, 12 Euro.
Armen Avanessian, Anke Hennig: One + One. Spekulative Poetik von Feminismus, Algorithmik, Politik und Kapital, Merve Verlag, Berlin 2019, 152 Seiten, 12 Euro.

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