Vom Ende des Kapitalismus zum Postkapitalismus

Neue Bücher von Slavoj Žižek und Paul Mason ergründen Ende und Neuanfang unserer gesellschaftlichen Ordnung – und stellen die Frage, wie überhaupt Veränderung möglich ist

Dieser Artikel erschien zuerst beim Freitag und bei Le Bohémien

Total vernetzt?
Total vernetzt? – Bild: yumikrum/Flickr (CC)

Angesichts der globalen Dauerkrisen der neoliberalen Wirtschaftsordnung spätestens seit 2007/08 stellt sich zunehmend wieder die zugegeben recht alte Frage, ob es ausreicht, das kapitalistische System nur zu reparieren – wenn auch anders als es durch sogenannte „Strukturreformen“ angeblich allenthalben versucht wird –, oder ob eine radikalere Lösung, sprich ein anderes, besseres System notwendig ist. Kurz: Reform oder Revolution? Einer, der schon immer für die zweite Variante plädiert hat, ist der slowenische Philosoph Slavoj Žižek. Auch sein Buch Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism, das Ende Oktober auf Deutsch erscheint, nimmt die Perspektive einer radikalen Emanzipation vom Kapitalismus ein. Dabei aber liefert es zunächst einmal konzise, widerspruchsgesättigte Analysen der gegenwärtigen Lage, und zwar mithilfe des für Žižek bekannten Instrumentariums: Hegel, Marx, Nietzsche, Lacan, eine gute Ladung Popkultur und jede Menge politisch inkorrekte „dialektische“ Witze.

Der Titel des Buchs ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1932 über das Einbrecher-Paar Gaston und Lily, deren harmonische Beziehung durch Gastons Liebe zu einem ihrer reichen Opfer gestört wird. Dass Žižek diese Störung einer sexuellen Beziehung als Metapher für die gegenwärtige politisch-ökonomische Situation verwendet, illustriert auch seinen psychoanalytischen Zugriff. Bei ihm steht das (angebliche) Paradies für das (angebliche) „Ende der Geschichte“, als das Francis Fukuyama 1989/92 den Sieg des liberal-demokratischen Kapitalismus als der besten aller möglichen Gesellschaftsordnungen bezeichnet hat. Der Ärger in diesem Paradies aber ist seine offensichtliche gegenwärtige Krise, die auch Fukuyama schon zur Rücknahme seiner Endzeitutopie gebracht habe. Doch die „kommunistische Hypothese“, die Žižek dieser Konstellation gegenüberstellt, lässt sich ebenfalls aus Lubitschs Film herleiten. So wie der letzlich die Ehe von Gaston und Lily als „the most dark and daring of all transgressions“ gegenüber der etablierten Transgressivität einer promiskuitiven Postmoderne hinstelle, sei auch der alte Kampf um emanzipatorische Ideale wie Gleichheit, Demokratie und Solidarität noch immer die kühnste und aufregendste Unternehmung gegen das letztlich todlangweilige immer gleiche kapitalistische Versprechen des immer Neuen. Žižek wertet hier also gut nietzscheanisch nicht nur den radikalen linken Kämpfer zum wahren „Konservativen“ um, er macht diesen Konservativen zugleich auch wieder zum wahren „Subversiven“.

Immanente Widersprüche

So weit, so Žižek. In der Tat sind nicht unbeträchtliche Teile des Buchs gewissermaßen recycelt, zum Beispiel aus dem gleichzeitig erschienen Total Recoil. Towards a New Foundation of Dialectical Materialism, aber auch aus seinen anderen – und manchmal sogar aus sich selbst. Kürzlich hat Žižek auch anlässlich des Auftritts der slowenischen Band Laibach in Nordkorea einige der abenteuerlichsten Ausschnitte des Buchs in der Welt veröffentlicht. Aber er liefert gleichzeitig auch das Programm für dieses Selbstrecycling: das des echten Radikalen, der weniger ein kreatives Genie zu sein habe, als vielmehr ein Apostel, der immer und immer wieder ein und dieselbe wahre Botschaft wiederhole. Žižeks Botschaft ist die von der Krise des Kapitalismus und seinen inneren Widersprüchen. Und sie ist hier meist sehr überzeugend vorgetragen.

Ein Hauptbeispiel für einen solchen Widerspruch bildet die Gegenüberstellung von liberaler Demokratie und Fundamentalismus, wobei letzterer keineswegs aus dem „kapitalistischen Universum“ auszubrechen vermöge, sondern vielmehr von eben jener immanenten Widersprüchlichkeit des Kapitalismus selbst hervorgebracht werde. Einen Ausweg verspreche allein eine radikale (kommunistische) Emanzipation. Žižek versucht damit aber zugleich eine Art Neupositionierung der Linken als Retter des liberalen Erbes und entdeckt treffsicher die intrikaten Fallstricke versteckter Ideologie: etwa die Ablehnung von Barack Obamas Gesundheitsreform durch viele Amerikaner, obwohl diese ihren Zielen im Grunde vollkommen zustimmen, einfach weil sie der gängigen Ideologie der „freien Entscheidung“ zu widersprechen scheint. Ein Problem, aber auch eine Chance dieser „notwendigen Inkonsistenzen“ des globalen Kapitalismus liege nun darin, dass ein bescheidenes Bestehen auf Konsistenz mit liberal-demokratischen Grundwerten, wie eben ‚Obamacare‘, das gesamte System herausfordern und damit „einen Raum für echte politische Interventionen eröffnen“ könne.

Eine Thatcher der Linken

Žižek stellt das nun in den Zusammenhang beinahe sämtlicher globaler Protestbewegungen von Ägypten bis Griechenland, von Brasilien bis in die Türkei und die Ukraine, die er unter ähnlichen Vorzeichen ebenso pointiert darstellt. Als Grundproblem erscheint dabei jedoch, den politischen Kampf für Freiheit und Demokratie mit einem „Klassenkampf“ für soziale Gerechtigkeit zu verbinden. Die Frage nach der Mobilisierung und Solidarisierung eines neuen, vergrößerten Proletariats sämtlicher Ausgebeuteten des Planeten wird hier aufgeworfen, bleibt jedoch vorerst unbeantwortet.

Als Perspektive erörtert Žižek allerdings noch die paradoxe Bedeutung eines „Meisters“ für die Entstehung einer klassen- und letztlich auch meisterlosen Gesellschaft. In einem schönen Kabinettstückchen fordert er in diesem Zusammenhang auch eine „Thatcher of the Left“, die/der wie diese die Gesamtheit der politischen Grundannahmen von links bis rechts transformieren und umwerten müsse – nur eben dann in umgekehrter Richtung. Die opportunistische Zauder-Politik einer Angela Merkel muss hier wohl übrigens als eher unmeisterlich betrachtet werden. Das allerdings gerade nicht weil, sondern obwohl „Mutti“ Merkel wie Thatcher auch einer bestimmten Art von Post-Patriarchalismus entspreche, der allerdings gerade nicht mehr dem patriarchalen Klischee der nichts als liebenden Mutter folge, sondern mehr mit der Lacanschen Konzeption der „nicht-kastrierten allmächtigen und fressenden Mutter“ gemein habe, wie sie sich etwa in der nordkoreanischen Ideologie des Parteiführers als mütterlichem General verkörpere. Und zum Abschluss gibt es dann noch eine ideologiekritische Sichtung von Christopher Nolans Batman-Film The Dark Night Rises.

Žižeks bisweilen etwas unsystematisch wirkende Tour de Force durch die globale Gegenwart enthält brillante Einsichten, die seinem Ruf als dem weltweit vielleicht populärsten öffentlichen Intellektuellen durchaus gerecht werden. Sein Buch regt an – und manchmal auf. Stets streitbar, provokant und kontrovers, selten das Risiko scheuend, dabei auch ein wenig übers Ziel hinauszuschießen, seziert er skalpellscharf und durchdringend unsere Zeit und legt ihre verborgenen inneren Widersprüche offen. Die Räume allerdings, die das eröffnen soll, bleiben noch weitgehend leer oder scheinen manchmal eher in die Vergangenheit zu weisen als in die Zukunft – oder zumindest in eine Art kommunistische Zeitlosigkeit, „Kommunismus“ allerdings nicht unbedingt schon verstanden als Lösung, sondern zunächst einmal als bestmögliche Formulierung des Problems.

Paradise within Trouble

Glücklicherweise aber hat Žižek seither selbst darauf hingewiesen, dass er Paul Mason’s kürzlich auf Englisch erschienenes Buch PostCapitalism. A Guide to our Future für eine adäquate Füllung jener Leerstellen hält.Mason, Wirtschaftsredakteur für die angesehenen britischen Channel 4 News, hat zuvor bereits Bücher über die Arbeiterklasse, die Finanzkrise und über die globalen Protestbewegungen vorgelegt und diese Themen nun zu einer umfassenden Darstellung (des Endes) des Kapitalismus in der Netzwerkgesellschaft erweitert, die die Alternative ‚Reform oder Revolution‘ in gewisser Weise hinfällig macht. Gegenüber Žižeks Titel Trouble in Paradise könnte Masons Buch beinahe auch die Überschrift Paradise within Trouble tragen.

Denn Masons These lautet zugespitzt: Der Postkapitalismus ist längst da – zumindest in seinen Voraussetzungen, die momentan noch innerhalb der kapitalistischen Strukturen existieren, diesen aber rasant den Boden unter den Füßen wegziehen. Sein Kristallisationspunkt ist die heutige Informationstechnologie und ihre Folgen für die Wirtschaft, denn: „An economy based on information, with its tendency to zero-cost products and weak property rights, cannot be a capitalist economy.“ Da Information ihrem Wesen nach grenzenlos verfügbar ist, zerstört sie die Preismechanismen von Märkten, die auf Knappheit beruhen. Außerdem reduziert Informationstechnologie den Bedarf an Arbeit und maximiert gleichzeitig die Möglichkeiten für kollaboratives Arbeiten. Die einzigen Verteidigungsstrategien der kriselnden kapitalistischen Markwirtschaft sind hier bislang beispiellose Monopolbildungen (Google, Amazon etc.) oder die Erfindung von „bullshit jobs“. Doch auf lange Sicht hätte das gegen die Nicht-Marktwirtschaft der netzwerkenden sharing economy keine Chance.

Befremdliches Überleben des Neoliberalismus

Mason fundiert seine These zunächst durch eine Adaption von Nikolai Kondratjews „Wellentheorie“, die die gesamte Entwicklung des Industriekapitalismus in vier lange, etwa 50-jährige regelmäßige Wellen oder Zyklen einteilt, bestehend jeweils aus einem von einem (technologischen) Paradigmenwechsel in der Produktionsweise bestimmten Auf- und einem darauf folgenden Abschwung, der dann letztlich wiederum die Entwicklung neuer Technologien notwendig mache. Diese Lang-Wellen umfassten ab 1790 die Etablierung des Fabriksystems, nach 1848 vor allem die Ausbreitung der Eisenbahn, ab den 1890ern die Schwer- und Elektroindustrie und seit den späten 1940er Jahren die bis heute vorherrschende, zunehmend automatisierte Produktion von Massenkonsumgütern. Seit den 1990ern nun sei zwar pünktlich die Herausbildung eines neuen Paradigmas von zunehmend mobilen, globalen Netzwerk- und Kommunikationstechnologien und Informationsgütern zu beobachten, doch seine Entwicklung werde gebremst – durch den Neoliberalismus einerseits und das Wesen der Technologien selbst andererseits.

Denn die Etablierung eines neuen Paradigmas sei tatsächlich immer erst die zweite Adaptionsform des Kapitals. Die erste Reaktion auf den beginnenden Abschwung seien stets Lohnkürzungen und eine Qualifikationsrückbildung in der Arbeiterschaft. Erst der erfolgreiche Widerstand der Arbeiter habe bisher immer die Suche nach neuen Technologien und die letztliche Durchsetzung von neuen Produktionsweisen und Geschäftsmodellen hervorgebracht. Mason ergänzt hier Kondratjews Wellentheorie um den Faktor Klassenkampf.

Bei aller angebrachten geschichtsphilosophischen Skepsis ermöglicht diese Darstellung eine neue Art von Fokus auf den angenommenen Kernpunkt der neoliberalen Wende seit den 1970er Jahren: die systematische Zerstörung der organisierten Arbeiterklasse und damit ihres Widerstands gegen den seitdem fortschreitenden Verfall der Reallöhne und die Aushöhlung des Sozialstaats. Stattdessen ist die Arbeiterschaft den falschen Verlockungen der neoliberalen Leistungs-, Flexibilitäts- und Selbstverwirklichungsideologie bereitwillig erlegen. Diese Situation ermöglicht also das, was Colin Crouch „das befremdliche Überleben des Neoliberalismus“ genannt hat, und zwar auf dem Rücken einer atomisierten und präkarisierten Arbeiterschaft. Dass dieses Überleben aber inzwischen großenteils bloß ein krisengebeuteltes Vor-sich-hin-Vegetieren ist, hängt eben damit zusammen, dass die neuen (Informations-)Technologien, die dieses Mal überhaupt kein neues Produktionsparadigma bilden, sondern eigentlich nur die Profite des alten hatten steigern sollen, gerade dies nicht vermögen. Genau deswegen aber sei auch der erneute zyklische Ausweg einer neuen Form von Kapitalismus, und zwar eines voll ausgebildeten Info-Kapitalismus, stark erschwert. Die immanente Tendenz der Informationstechnologien lautet: Postkapitalismus.

Die ‚aufgehobene‘ Arbeiterklasse

Mason entwickelt nun eine Theorie des informationsbasierten Postkapitalismus, als dessen frühester Prophet der unvermeidliche Karl Marx hier allerdings in apokrypher Form erscheint: und zwar mit seiner Vorstellung einer wissensbasierten Produktivitätssteigerung „unter der Kontrolle des general intellect“ aus dem nachgelassenen Maschinenfragment und mit seiner Arbeitswerttheorie. Letztere ist Mason zufolge unter Ökonomen nicht sehr beliebt, weil sie sich nicht besonders gut dazu eigne, Marktbewegungen vorherzusagen, und wurde zuletzt auch etwa vom Philosophen Christoph Türcke in seiner Philosophie des Geldes abgelehnt, in der er entsprechend auch der „mikroelektronischen Revolution“ keine besondere Bedeutung bei der Überwindung, sondern allein bei der Beschleunigung des Kapitalismus beimisst.

Die Arbeitswerttheorie besagt, dass sich der Wert einer Ware objektiv aus der zu ihrer Herstellung gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit ergibt (und nicht aus ihrem subjektiven Gebrauchswert, wie es die heute tonangebende Grenznutzentheorie vorsieht). Vor dem Hintergrund von Marx’ Maschinenfragment lässt sich mit der Arbeitswerttheorie laut Mason beispielsweise Software – und damit auch ein von dieser gesteuerter automatisierter Prozess – als eine Maschine betrachten, die praktisch ohne Aufwand endlos reproduzierbar ist, und deren Wert und Grenznutzen deshalb gegen null tendiert. Das hört sich erst einmal schlecht an, bedeutet aber letztlich vor allem, dass keine Arbeit mehr zu ihrer Herstellung nötig ist – und dass sie nichts kostet: Die arbeitsfreie Gesellschaft im Überfluss von „free stuff“ ist nah. Oder vielmehr eine, in der die einzig verbleibende notwendige Arbeit ganz überwiegend kreativer oder sozialer Natur sein wird. Sobald aber die Preise gegen null gehen, versagt die Marktlogik, und eine Nicht-Marktwirtschaft, eine Art Share Economy entsteht (unter der man sich allerdings nicht Airbnb vorstellen sollte – wie es entweder böswillig oder einfach nur etwas dämlich Douglas Murray im Spectator tut –, sondern eher ein flächendeckendes Couchsurfing, also im Grunde keine Economy mehr im herkömmlichen ökonomischen Sinn).

So weit Masons Theorie, die sich für viele sicher irgendwie schon sehr real, aber zugleich noch weit entfernt anhört. Denn wenn auch die meisten von uns sicher schon längst ständig frei und kostenlos in alle Richtungen Informationsgüter austauschen, erleben wir zugleich, wie natürlich die Exponenten der alten Marktwirtschaft aggressiv ihre Pfründe zu verteidigen suchen und aus Ausbeutungsgründen eine sozialverträgliche vollständige Automatisierung behindern. Dabei haben sie sich laut Mason allerdings selbst ihren „Totengräber“ geschaffen: das Netzwerkprekariat als im Hegelschen Sinne „aufgehobene“ Arbeiterklasse. Deren Geschichte zeichnet Mason eindringlich nach, von Marx’ ursprünglichem Irrtum bezüglich ihres revolutionären Potenzials bis hin zu ihrem notwendigen Ende im Ende der Arbeit, in dem sie allerdings nun endlich zugleich das historische Subjekt einer neuen gesellschaftlichen Ordnung werden soll.

Raum für das Unvorstellbare

Der letzte Teil von Masons Buch gilt nun dem Übergang in diese neue Ordnung. Er zieht zunächst ausführliche Lehren aus dem fatal gescheiterten Projekt des Stalinismus, den Kapitalismus hinter sich zu lassen, und verwirft eine starre Planwirtschaft, die, sei sie auch von den mo­dernsten Supercomputern gesteuert, nie die nötige und mögliche Komplexität einer Netzwerkwirtschaft erreichen könne. Denn entscheidend ist der Raum für das Unvorhersehbare, Unvorstellbare: Der Übergang zum Postkapitalismus sei eine ähnlich tiefgreifende Transformation wie der Übergang vom Feudalismus zum Handelskapitalismus im 14. und 15. Jahrhundert, unter massiven internen und externen Schocks, und trotz dieser historischen Einsicht letztlich nicht planbar.

Dennoch stellt Mason zuletzt noch einen ausführlichen Aktionsplan auf, um einen spontanen Prozess in ein Projekt zu verwandeln, das er zunächst wie eine verteilte Gruppenarbeit im maximal mittelständischen Maßstab ankündigt – das dann aber doch zunächst nur recht großformatige „top level aims“ verfolgen soll: 1) „Rapidly reduce carbon emissions“, 2) „Stabilize the finance system […] by socializing it“, 3) „Deliver high levels of material prosperity and wellbeing to the majority of the people“, 4) „Gear technology towards the reduction of necessary work“. Es wird dann zum Glück noch konkreter: Zuerst soll eine umfassende offene Computer-Simulation der Wirtschaft erstellt werden, die in Komplexität endlich etwa an die einer gewöhnlichen Wettervorhersage heranreicht. Die absurde staatliche Förderung von Privatisierungen müsse gestoppt werden; dagegen kollaborative Arbeit gefördert, etwa durch Steuererleichterungen und ein Regierungsamt für Nicht-Marktwirtschaft. Monopole sollen unterdrückt oder sozialisiert werden. Märkte seien in Ordnung, „solange die grundlegenden Machtungleichgewichte abgeschafft werden, die der Ausdruck ‚freier Mark‘ verschleiert“.

Es folgt ein detaillierter Vorschlag, das Finanzsystem zu sozialisieren, allem voran durch eine Demokratisierung der Zentralbanken, die das Instrument der Geldschöpfung nutzen sollen, um den Finanzsektor zu minimieren, dabei aber seine Komplexität weitgehend zu erhalten, um irgendwann eine „größere Kaufkraft als Geld“ zu etablieren. Solange aber Geld noch eine Rolle spielt, müsse allen ein bedingungsloses Grund­einkommen gezahlt werden, um die Kosten der Automatisierung zu sozialisieren, dadurch den „technologischen Fortschritt radikal zu beschleunigen“ und gleichzeitig die Nicht-Marktwirtschaft zu fördern; mit fortschreitender Verbilligung der Waren durch Automatisierung schrumpfe jedoch auch das Steueraufkommen, aus dem sich das Grundeinkommen finanziert, das dann aber zugleich ja auch selbst überflüssig werde. „So as a postcapitalist measure, the basic income is the first benefit in history whose success measure is that it shrinks to zero.“ ‚Project Zero‘ ist übrigens auch der Name, den Mason seinem Plan gibt, denn es gehe darin um „zero-carbon energy systems“, „zero marginal costs“ und „close to zero labour time“. Er erhofft sich davon eine ähnliche Revolution wie von der Einführung der Null in die Mathematik.

Revolutionärer Reformismus

Dennoch bleibt dabei von einem praktikablen „Projekt für kleine Gruppen“ nicht wirklich viel zu sehen, es sei denn diese Gruppen verfügten bereits über sehr großen politischen Einfluss. Es gibt allerdings tatsächlich Gruppen, die an ähnlichen Projekten arbeiten, etwa diejenige, die unter dem leider etwas missverständlichen Namen „Akzelerationismus“ ebenfalls eine explizit postkapitalistische Gesellschaft mitgestalten will – und ihr Aktionsradius wächst. Auch ihr wird allerdings häufig eine gewisse Vagheit der Ziele vorgeworfen. Masons Buch aber fehlt es ja nicht an konkreten Vorschlägen, sondern allenfalls an wirklich greifbaren Perspektiven zu ihrer schnellstmöglichen Umsetzung, die nicht nur Politiker beträfe. Andererseits sollte man vielleicht den Einfluss des Wahlvolks auf die Politik nicht unterschätzen, sobald seine Willensbildung in ausreichendem Maß entscheidend von ihrem abweicht – das ist nur eben bei uns momentan (noch) nicht ganz der Fall. Zu eben dieser Willensbildung aber kann Mason einen wesentlichen Betrag leisten – wobei er freilich auch die Notwendigkeit „neuer Formen der Demokratie“ sieht.

Mason hat mit seinem Buch sehr viel, vor allem historische und theoretische, Pionierarbeit geleistet. Dabei ist es durchgehend glänzend geschrieben. Seine historischen Darstellungen sind fundiert und eindringlich zugleich, seine Gegenwartsanalyse überzeugend und auch die überwiegend theoretischen Passagen sehr gut lesbar. Man kann ihm nur weiterhin sehr viele Leser wünschen, und nicht erst wenn es im Frühjahr auch auf Deutsch erscheint.

Ging es also Žižek vor allem um eine pointiert-schonungslose Durchlöcherung und Demaskierung des Status quo, in der nur stellenweise und unsystematisch mögliche Alternativen durchscheinen (wie etwa eine Schenkökonomie auf neuem Niveau, die offenkundig einiges mit Masons Utopie des free stuff gemeinsam hat), versucht Mason solche Spuren in seiner Diagnose zu systematisieren und sogar einen konkreten Projektplan zu entwerfen. Er bezeichnet das übrigens als „revolutionären Reformismus“. Es liegt in der Natur der Sache, dass damit gewissermaßen die Fragen erst beginnen. Dennoch ist Masons Vision real, großartig und enorm wichtig. Der schottische Autor Irvine Welsh (Trainspotting) nennt in seiner ausführlichen Rezension PostCapitalism „the most important book about our economy and society to be published in my lifetime“. Ob er Recht behält, wird sich zeigen.

***

Paul Mason, PostCapitalism. A Guide to Our Future, Allen Lane 2015, 368 S., 19,74 €. Erscheint im Frühjahr 2016 auf Deutsch bei Suhrkamp.
Slavoj Žižek, Trouble in Paradise. From the End of History to the End of Capitalism, Allen Lane 2014, 240 S., 17,95 €.
Deutsch: Ärger im Paradies – Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus, S. Fischer 2015, 24,99 €, erscheint am 22.10.
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5 Gedanken zu “Vom Ende des Kapitalismus zum Postkapitalismus

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